Jahrelang ging alles gut. Doch plötzlich sind die Eltern ein Pflegefall. Was tun? Umzug in ein Heim – aber welches? Häusliche Pflege organisieren – aber wie? „Wohin mit Vater“ lautet der provokante Titel eines Buches, in dem ein Anonymus schildert, wie ein Sohn am Pflegesystem verzweifelt. Es sind Erfahrungen, die viele Menschen teilen.
Es fehlt an Beratung. Wer ein Auto sucht, hat keine Probleme. Wer eine Wohnung mieten will, weiß, wo er sich informieren kann. Wer Unterstützung bei der Pflege von Angehörigen braucht, kämpft mit bürokratischen Regeln und einem unübersichtlichen Markt, auf dem es weder Preisübersichten, transparente Qualitätsstandards noch unabhängige Ratgeber gibt. Häufig ist der Tipp eines Bekannten, der zufällig einen Pflegefall in der Familie hat, hilfreicher als die Information der eigenen Pflegekasse.
Dabei könnte es so einfach sein. Vor gut zehn Jahren gründete der Sozialverband (SoVD) in Niedersachsen ein Pflege-Notruftelefon. Damals, erinnert sich Meike Janßen, häuften sich die Hinweise auf Missstände in Pflegeheimen. Angehörige und Heimbewohner sollten die Chance bekommen, ohne Angst vor Nachteilen über Probleme zu sprechen und auf eklatante Mängel in der Pflege hinzuweisen. Viele nutzten das Angebot. Janßen, Juristin und Sozialpsychologin, hörte zu, gab Tipps und reichte Beschwerden an die Heimaufsicht und den Medizinischen Dienst der Kassen weiter.
Drei Jahre lang, von 2001 bis 2004, beteiligte sich das Land an der Finanzierung der telefonischen Sprechstunde, die landesweit über eine Servicenummer für sechs Cent zu erreichen ist. Heute finanziert der Sozialverband das Angebot wieder aus der eigenen Tasche.
Die Beschwerden sind seltener geworden. Ein gutes Zeichen? Heimbewohner haben es heute leichter, Kritik loszuwerden. Mittlerweile muss im Heimvertrag eine Beschwerdestelle genannt werden; die Nummer der Heimaufsicht ist in jeder Einrichtung am Schwarzen Brett zu finden. Es gibt mehr Beratungsstellen als früher, zum Beispiel den Kommunalen Seniorenservice in Hannover. Heute beantwortet Janßen überwiegend Fragen nach der Finanzierung von Pflege, informiert über Heime und ambulante Dienste und ist eine geduldige Zuhörerin, wenn pflegende Angehörige über ihre familiären Probleme reden wollen. Der Bedarf an Beratung sei nach wie vor groß, meint die Juristin.
Auch die Bundesregierung sieht das so. Mit der jüngsten Pflegereform wurde noch einmal ausdrücklich ins Gesetz geschrieben, dass Pflegebedürftige und ihre Familien bei ihrer Pflegekasse einen Anspruch auf umfassende Beratung haben. Den Kassen wurde auferlegt, sogenannte Fallmanager zu beschäftigen, die bei der Suche nach einem geeigneten Pflegeheim, einer Tagesbetreuung, einem Anbieter für Essen auf Rädern oder Angeboten der Altenhilfe helfen.
Strittig blieb die Einrichtung regionaler Pflegestützpunkte. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hätte die Gründung dieser unabhängigen Beratungsstellen gern zur Pflichtaufgabe gemacht. Auf Wunsch der Union wurde die Entscheidung den Ländern überlassen. Wer mitmacht, bekommt Startgeld aus einem 80-Millionen-Euro-Topf des Bundes. Nur wenige Länder wie Thüringen und Sachsen verweigern sich, weil sie das vorhandene Beratungsangebot für ausreichend halten. Rheinland-Pfalz hat zu Jahresbeginn 135 Pflegestützpunkte eingerichtet. Niedersachsen hat sich ein halbes Jahr nach dem Start des Bundesprogramms dazu durchgerungen, die Gründung den Kommunen zu überlassen. Zwei Millionen Euro steuern die Pflegekassen bei; Ziel sei eine „Vernetzung bestehender Angebote der Kassen, Kommunen und sonstiger Einrichtungen“, heißt es.
Erwin Jordan, Sozialdezernent der Region Hannover, spricht von einem Fortschritt. Flächendeckend sollen Stützpunkte eingerichtet werden. Wie viele und wo? Im August, sagt Jordan soll ein Konzept vorliegen.
Die Telefonnummer des Notruftelefons: (01 80) 2 00 08 72. Sprechzeiten sind montags bis donnerstags in der Zeit von 9 bis 16 Uhr, freitags von 9 bis 13 Uhr. Zusätzlich ist ein Anrufbeantworter geschaltet; es erfolgt zeitnah ein Rückruf.
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