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Selbsthilfegruppen

Einfach mal reden

Von Tatjana Riegler

Ein Weg aus der Einsamkeit: In Selbsthilfegruppen treffen pflegende Angehörige auf Verständnis.

Soziale Kontakte hat sie kaum noch. Aber den Gesprächskreis des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Springe besucht Eva Schmidt regelmäßig. „Der Austausch tut mir einfach gut“, sagt sie. Alle zwei Wochen trifft sich die 74-Jährige mit zehn bis zwölf Frauen, die Angehörige zu Hause versorgen. Seit zwei Jahren pflegt sie diese Gemeinschaft; ihren demenziell erkrankten Mann pflegt sie allein, mal abgesehen von der Schwester der DRK-Sozialstation, die morgens und abends vorbeischaut.

Doch der Gesprächskreis bietet weit mehr als Austausch. In verschwiegener Runde gibt es Informationen und Anregungen, regelmäßig sprechen Referenten zu Themen wie Demenz oder Patientenverfügung, vor allem aber gibt es Ermutigung. „Pflegende Angehörige verausgaben sich sehr“, sagt Beate Müller-Rospunt. Die DRK-Verwaltungsangestellte leitet die Runde, hilft bei Sachfragen oder übergibt Pflegefragen der Leitung und den Schwestern der DRK-Sozialstation.

Insgesamt lebten Ende des Jahres 2007 2,25 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland, die Zahl wird mit der längeren Lebenserwartung steigen. Knapp 1 540 000 Menschen davon werden laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes zu Hause versorgt - 1,03 Million allein von Angehörigen, gut 500 000 unterstützend durch ambulante Pflegedienste. So individuell jede Krankheit auch verläuft, so unterschiedlich die häusliche Situation auch ist: Die Probleme der Angehörigen ähneln sich sehr. Beate Müller-Rospunt hat sie in vielen Gesprächen erfahren. Die Pflegenden tragen schwer an der Last der Verantwortung für den Kranken, weil sie die größte Zeit des Tages und der Nacht allein mit ihm sind, sie haben keine Zeit mehr für ihre Bedürfnisse, verlieren den Kontakt zu anderen Menschen, werfen ihre Lebensplanung um und müssen obendrein oft steigende finanzielle Belastungen bewältigen.

Der häusliche Alltag bestimmt ihre Gespräche: der Umzug in eine Wohnung im Erdgeschoss, die Bewegungstherapie, die Wechselwirkungen der Medikamente, das Bestellen einer Dekubitusmatratze, das regelmäßige Trinken des Pflegebedürftigen. Man müsse, sagen sie alle, „doch einfach mal reden.“ Die Gruppe bedeutet Verständnis. Und Durchschnaufen.

Wenn die Frauen in Springe zusammenkommen, haben sie die erste Hürde schon genommen: Sie haben eine vorübergehende Betreuung für ihren kranken Angehörigen gefunden. Das Problem, zumindest dieses eine, haben die Teilnehmerinnen des Gesprächskreises der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Sehnde nicht. Ihre Angehörigen, es sind die Ehemänner oder Eltern, leben im Heim, sie zählen zu den knapp 710 000 Pflegebedürftigen, die laut Statistischem Bundesamt Ende 2007 stationär versorgt waren.

Aber auch dies bringt Belastungen mit sich; und so tauschen die sechs Frauen in Sehnde weniger praktische Tipps aus: Sie reden mit dem Diplom-Psychologen Horst Merkel und der früheren AWO-Vorsitzenden Gerda Tölke zweimal im Monat über psychischen Ballast, über ihren Wunsch, ein Pflegeversprechen einzuhalten, ihr schlechtes Gewissen, den Kranken in ein Heim gegeben zu haben, und darüber, wie einsam ihre Betroffenheit im Alltag macht.

In der Runde trösten sie sich gegenseitig, entwickeln Bewältigungsstrategien, nehmen sich die Beklommenheit. Sie lachen viel, und sie weinen viel. Etwa darüber, dass die Mutter die Tochter beim jüngsten Besuch nicht mehr erkannt hat. Sich der Vater beim Arzt stets komplett ausziehen will. Oder ein anderer Vater an einem bestimmten Tag darauf bestand, dass sein Geburtstag sei. „Demenzkranke machen eine neue Ordnung auf, daran müssen wir uns im Umgang gewöhnen“, sagt Merkel dann. Und: „Was heißt Lebensqualität? Wir haben kein Recht zu urteilen, was gut und was schlecht ist.“

Dass mehr pflegende Angehörige den Mut haben, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen, wünscht sich Teilnehmerin Inge Neumann: „Ich weiß nicht, was sie hindert - ist es Scham?“ Gerda Tölke vermutet Angst: „Viele kostet es große Überwindung, das erste Mal hierherzukommen.“ Beide Frauen haben viel für diesen Kreis geworben, der seit 2001 besteht, Inge Neumann nennt es „Klinken putzen“. Sie betont, dass sie persönlich die Gespräche gestärkt haben, auch nachdem ihr Vater verstorben war. „Es hilft immer, über seine Gefühle zu reden.“

Und so reden die Teilnehmer über ihr Seelenleben, in Sehnde wie in Springe. „An manchen Tagen ist es schlimm zu Hause, an manchen Tagen macht es mir nichts aus“, sagt eine Frau. Ihr Gegenüber spricht übers Beten, eine Dritte davon, dass sie sich bei ihrer Nachbarin, einer Krankenschwester, „immer ausheulen kann“. Vielleicht sind es diese Themen, die Männer von Gesprächskreisen fernhalten. Es gebe ja auch Männer, die ihre Frauen pflegen, sagt Horst Merkel, „aber denen ist es unheimlich, über die emotionale Seite zu sprechen: Die haben Angst, dabei die Kontrolle zu verlieren.“

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