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Die pflegenden Angehörigen

Es gibt Worte, die stärker sind als Liebe

Von Tatjana Riegler

Wer einen kranken Angehörigen zu Hause versorgt, handelt oft bis zur Selbstaufgabe - so wie Inge K., die ihren dementen Mann pflegt.
Demenziell Erkrankte benötigen eine helfende Hand.

Sehr fordernd - wer seinen Partner pflegt hat kaum noch eine ruhige Minute. Demenziell Erkrankte benötigen eine helfende Hand, weil sie sich in vertrauter Umgebung immer weniger zurechtfinden.

© Ralf Decker

Nicht selten denkt Inge K.*, dass sie alles Glück im Leben schon verbraucht hat. Wenn sie im Wohnzimmer sitzt und aus ihrem Leben erzählt, klingt es, als habe sie sehr viel Glück gehabt. Mit ihrem Ehemann Walter* arbeitete sie selbstständig. Und erfolgreich. Das gepflegte Einfamilienhaus und der große Garten in der Region Hannover, die edle Einrichtung und der erlesene Schmuck erzählen vom Erfolg vergangener Jahrzehnte.

Heute sind diese Dinge zur Fassade geworden. Sie täuschen eine Normalität vor, die es nicht mehr gibt im Leben des Rentner-Ehepaares. Beide sind älter als 80 Jahre; Walter K. ist an Alzheimer erkrankt, seine Ehefrau pflegt ihn allein zu Hause. So wie mehr als eine Million Menschen in Deutschland ihre betroffenen Angehörigen pflegen. „Ich möchte nicht, dass er als krank wahrgenommen wird“, sagt sie energisch. Im Bekanntenkreis und in der Nachbarschaft weiß niemand von der Demenz: „Mein Mann hat nie viel geredet, doch weil er für sein Alter gut aussieht und viel lacht, fällt das nicht auf.“ Auch Inge K. sieht für ihr Alter gut aus, sie trägt Pumps und Make-up, doch wie lange die Fassade hält, weiß sie nicht.

Das Leben zwischen Normalität und Krankheit erfordert ihre ganze Kraft, Disziplin ohnehin. Sie versorgt Haushalt und Garten, die meiste Energie aber beansprucht der Ehemann. „Er war nie ein Kümmerer“, erzählt Inge K., „er hat mich verwöhnt, doch für den Alltag war er nicht zu gebrauchen.“ Das Organisationstalent der Familie war sie: Sie zog die Kinder groß, meisterte den Alltag, regelte die Umzüge und managte das Unternehmen gemeinsam mit ihm, und wenn ihr Ehemann spät nach Hause kam, überließ sie ihm das Kommando.

Seit vier Jahren kann sich Inge K. das nicht mehr erlauben. Seit sie die ersten Signale der Krankheit wahrnahm. „Mir fiel auf, dass mein Mann im Krankenhaus Sachen durcheinanderbrachte, aber das habe ich auf die Medikamente geschoben“, erinnert sich die Rentnerin an die Zeit nach einer Operation. Dann stellte sie plötzlich mangelnde Auffassungsgabe fest bei ihrem Mann, der sich früher im Berufsleben ganze Bilanzbücher hatte merken können. Und als er schließlich einfachsten Gesprächen nicht mehr folgen konnte – „sein Gesicht wurde so leer“ –, wusste sie, dass sie reagieren musste. Die Tochter fand einen Neurologen, der fortgeschrittene Demenz feststellte; Walter K. hatte da schon große Mühe, sich an seinen Geburtstag zu erinnern. Seitdem hat sich seine Ehefrau mit Fachliteratur und Gedächtnisspielen eingedeckt, löst Sudoku und zwingt sich, Dinge ohne Notizzettel zu erinnern. Es ist ihre Art, mit der Angst vor Alzheimer umzugehen.

Ihr Mann hat keine Angst, und das lässt er sie schmerzlich spüren. Er lebt in seiner eigenen Welt, aus der sie täglich Vorwürfe hört; sie rede ihm ein, dass er krank sei, nichts mehr schaffe, dass sie ihn ins Heim abschieben wolle. „Das nehme ich ihm übel, wenn er mich so beschimpft“, sagt Inge K. Sie weint, seine Aggressivität zermürbt sie. So wie seine immergleichen Fragen, auf die sie im Minutentakt die immergleichen Antworten geben muss, weil der Inhalt ihn nicht mehr erreicht.

„Sehr fordernd“ haben die Ärzte in seine Krankenakte geschrieben – wenn Inge K. davon erzählt, klingt ihre Stimme wütend. Er spricht nur über sich, beansprucht sie nur für sich. Aus jedem Winkel des Hauses ruft er, zu jeder Zeit, „ob ich auf dem Klo sitze oder sonstwie beschäftigt bin“. Sie hat sich angewöhnt, „loszustürmen, es könnte ja etwas Ernstes sein“. Jeden Gegenstand legt sie ihm bereit, jedes Kleidungsstück; ihr bleiben oft keine drei Minuten, um sich anzukleiden. Die Rentnerin zeigt einen Zettel, auf dem ihr Mann mit krakeliger Schrift notiert hat, wer daheim was macht: „Walter: nichts“, steht darauf, und: „Inge: alles“.

Der Besen steht stets griffbereit, Walter K. krümelt häufig, und obwohl er viele Dinge kaputt macht, überträgt sie ihm kleine Aufgaben wie Geschirrtrocknen und Unkrautjäten. Nicht selten ist anschließend das Blumenbeet leergerupft. Den Toilettensitz hat Inge K. abmontiert, ihr Mann wollte ihn nicht; auch beim Duschen darf sie nicht helfen. „Aber ich richte ihm die Dusche mit Klappstuhl, Matte und Frotteetuch her und rufe jede Minute, ob alles okay ist.“ Über die Grenzen ihrer Geduld spricht sie nicht.

Wer Walter K. begegnet, erlebt ihn als charmanten Rentner. Als jemanden, der immer einen Spruch parat hat. „Er legt seine Platte auf, dass es ihm gut geht“, sagt seine Frau. Auch sie hört den Satz oft, und er macht sie wütend, weil sie es besser weiß. Außenstehenden schenkt er vermeintlich Aufmerksamkeit, zu Hause hört er nicht mal hin, wenn sie mit ihm spricht. Stattdessen fragt er dreimal in fünf Minuten nach dem Wochentag.

Woher die über 80-Jährige die Kraft nimmt, ihren über 80-jährigen Ehemann zu pflegen? „Man hat keine Wahl“, sagt sie und ringt um Fassung, „man wird ein Weltmeister im Verdrängen.“ Sie verdrängt ihre Angst vor der Hilflosigkeit. Und davor, ihn irgendwann in ein Heim geben zu müssen. „Ich habe ihm versprochen, dies nie zu tun, auch wenn ich auf der Strecke bleibe.“ Es grenzt an Selbstaufgbe; Inge K. sagt, dass keiner ihren Mann so gut pflegen könne wie sie.

Am schlimmsten aber ist das Gefühl der Einsamkeit. „Ich fühle mich restlos allein auf der Welt“, sagt die einst so erfolgreiche Unternehmerin. Die Kinder schauen selten vorbei, andere Verwandte hat sie nicht. Albträume plagen sie; es sind immer die gleichen: Um sie herum tobt das Chaos, und sie kann es nicht ändern. So wie sie ihre jetzige Lebenssituation nicht ändern kann. Oder will.

Denn als Bittstellerin mag die Rentnerin nicht auftreten. „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“, so ist sie erzogen. Ihr Mann bekommt Leistungen nach Pflegestufe 1, aber die Besuche der Gutachterin erträgt Inge K. schwer. 400 Euro erhält das Ehepaar im Monat, jeweils die Hälfte als Pflegegeld und für zweckgebundene Sachleistungen. Damit finanziert es die Gruppe, die Walter K. zweimal wöchentlich im Margot-Engelke-Zentrum besucht; niedrigschwellige Betreuung heißt das Angebot mit Gedächtnistraining, Lesen und Bewegen. Inge K., die sich sehr schwertut mit dem Loslassen, empfindet diese halben Tage mittlerweile als Entlastung. Doch weil die Kosten für die Gruppe sich auf gut 300  Euro im Monat belaufen, wird ihr Mann sie im nächsten Jahr nur noch einmal pro Woche besuchen können.

Zweimal hat Inge K. eine Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige besucht, gefallen hat es ihr nicht. Sie hat nicht hören wollen, wo es Dekubitusmatratzen zu kaufen gibt oder wie oft die Ehemänner gewindelt werden. „Niedergeschmettert war ich nach den Geschichten“, sagt sie, „und ich kann die Verzweiflung der Frauen verstehen.“ Sie ist ebenso verzweifelt, und sie kann auch verstehen, dass pflegende Frauen es als Erleichterung empfinden, wenn ihre Männer erst schweigend im Bett liegen. „Ich habe unendliche Angst davor“, sagt Inge K., „weil ich dann endgültig versagen werde.“ Zu groß sind ihre Selbstzweifel im Umgang mit ihrem kranken Mann. Dabei arbeitet sie täglich mit ihm, versucht, die Demenz mit Erinnerungsspielen und Buchstabenrätseln aufzuhalten. Und macht obendrein Gymnastik mit ihm, geht mit ihm spazieren und Rad fahren.

Ob sie ihn noch liebt? Fast 60 Jahre sind Inge und Walter K. verheiratet, „da gibt es Worte, die stärker sind als Liebe“. Sie ringt um diese Worte, ein Satz wie „sich nie im Stich lassen“ ist einer der stärkeren. Oder „sich immer aufeinander verlassen können“. Er kann sich auf sie verlassen, nach all den guten und den schlechten Zeiten wird sie ihn nicht im Stich lassen. Am stärksten, sagt Inge K., „empfinde ich Mitleid“.

*Name von der Redaktion geändert

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