Manche nennen es Kontrollbesuch. „Wir nennen es Beratungsbesuch“, sagt Izabela Musialik und drückt energisch auf den Klingelknopf. Fünfmal wird die Leiterin der DRK-Sozialstation in Hannover-Bemerode dies an diesem Vormittag tun. Wird fünf Familien herzlich begrüßen, fünfmal nach Sorgen und Nöten der Kranken und pflegenden Angehörigen fragen – und fünfmal auch ein bisschen kontrollieren. „Damit man feststellen kann, ob das Pflegegeld für die Pflege eingesetzt wird“, sagt die 47-Jährige.
Das Sozialgesetzbuch schreibt es so vor. Wer Unterstützung nach Pflegestufe I oder II erhält, bekommt alle sechs Monate einen Pflichtbesuch von einem ambulanten Pflegedienst seiner Wahl, bei Pflegestufe III schaut sogar alle drei Monate ein Mitarbeiter vorbei. So wie Izabela Musialik vom Deutschen Roten Kreuz (DRK). Damit wollen die Kranken- und Pflegekassen die „ausreichende pflegerische Versorgung durch die Angehörigen“ sicherstellen. Beim DRK in Bemerode sind es etwa 160 Menschen, die einen Qualitätssicherungsbesuch erhalten, wie es offiziell heißt.
Doch die Angehörigen freuen sich über den Besuch. Über die Abwechslung. Und darüber, als Pflegelaie mal einen Tipp, einen Hinweis auf den richtigen Handgriff einzuheimsen. „Wir kennen uns jahrelang, deshalb ist diese Beratung für mich sehr wichtig“, sagt die 83-jährige Frau im Vorort Hannovers, die Musialik erwartungsfroh die Tür öffnet. Ihr Mann, zwei Jahre jünger, leidet an Demenz; rund um die Uhr ist sie für ihn da. Deshalb gilt die erste Frage der Pflegemanagerin der Ehefrau: „Wie geht es Ihnen?“ Musialik hört von Schlafproblemen, von Erschöpfung. Vor Jahren hat sie mit der Seniorin geübt, wie man dem Erkrankten die Socken anzieht oder ihn wäscht, ohne den eigenen Rücken zu sehr zu belasten. „Das versuche ich umzusetzen“, versichert die 83-Jährige und erzählt von den Vorteilen des Pflegebetts, bei dessen Beschaffung ihr die DRK-Betreuerin ebenfalls geholfen hat.
Ein ambulanter Pflegedienst aber, nein, der komme ihr nicht ins Haus, betont die Seniorin: „Ich habe nichts dagegen“, sagt sie, „aber ich glaube, dass mein Mann was dagegen haben könnte.“ Auch Verhinderungspflege, wie sie im Sozialgesetzbuch zur Entlastung pflegender Angehöriger vorgesehen ist (die Pflegekasse übernimmt die Kosten für eine Ersatzpflege über maximal 28 Tage oder bis zu 1510 Euro pro Jahr), kommt für die 83-Jährige nicht infrage. Aber über den Besuch ihres Mannes in einer Betreuungsgruppe, auch ein Vorschlag Musialiks, will sie nachdenken.
Die Situation ist vielen pflegenden Angehörigen bekannt. Mehr als zwei Millionen Deutsche sind pflegebedürftig, etwa zwei Drittel von ihnen möchten in ihrer häuslichen Umgebung bleiben. Oft sind die Kümmerer die Ehepartner oder die Töchter und Schwiegertöchter. „Das wird meist so erwartet“, sagt Musialik, „ältere Menschen begrenzen sich immer mehr auf sich und verlassen sich wie selbstverständlich auf Angehörige.“
Der nächste Besuch bestätigt die gelernte Altenpflegerin und Krankenschwester. „Meine Tochter ist doch da“, sagt die 78-jährige Frau in Bemerode und bewegt sich langsam mit dem Rollator voran: „Wir wollen nicht so viel Hilfe in Anspruch nehmen.“ Und so reibt sich die Tochter zwischen ihrer eigenen Familie, die in der Nachbarschaft lebt, und der Sorge um die Mutter mit leichter Demenz und schwerer Inkontinenz auf. „Wir meistern das“, sagt sie. Über ihre Grenzen spricht sie nicht.
Vielleicht weil zum „Wir“ auch ihr Vater gehört. Der 80-jährige Ehemann der Erkrankten inspiziert mit Musialik das Bad. Doch einen Badewannendrehstuhl lehnt er ab. „Och, noch kann ich meine Frau halten“, versichert der Senior. Den Hinweis auf Rutschgefahren lässt sein Geschmackssinn nicht gelten. „Die Optik ist ihm wichtig“, sagt die Tochter. „Mit 80 wird man komisch“, sagt die Ehefrau.
Leichtsinn nennt es Musialik und setzt ihre Fragen nach Inkontinenzmitteln, Windeln und Hautpflege fort. Anstrengend ist dies für den Ehemann, noch anstrengender empfindet er die Körperpflege seiner Frau. „Die Kräfte lassen nach“, sagt der 80-Jährige. Ein Pflegedienst würde der Familie einiges erleichtern, doch die Mutter schließt dies aus. Weil sie glaubt, dass niemand sie so gut pflegen könnte wie Ehemann und Tochter? „Auch ihre Familie braucht mal Ruhe“, mahnt Musialik.
Dann muss sie weiter. Knappe 30 Minuten bleiben der Leiterin der DRK-Sozialstation für jede Familie; 21 Euro zahlen die Kassen für jede Beratungseinheit, bei Pflegestufe III sind es 31 Euro – Zeit für ausführliche Problembewältigung bleibt da nicht. „Ich berate sehr gerne“, betont Musialik. Die Bürokratie jedoch lasse ihr wenig Spielraum; jeder Patient und seine Lebenssituation, seine Krankheit und beanspruchte – oder abgelehnte – Hilfsmittel müssen genauestens protokolliert werden.
Ambulanten Pflegediensten ergeht es da ähnlich. Aber ihre Unterstützung bietet Angehörigen die Möglichkeit zum Verschnaufen. Auch Pflegekurse helfen, die theoretische und praktische Kenntnisse in der Pflege, Ernährung oder rechtlichen Fragen vermitteln. Meist veranstalten sie die Pflegekassen mit einem Pflegedienst.
Wichtiger aber sind Auszeiten. „Man braucht Menschen zum Reden“, sagt der 67-Jährige, den Musialik zum Abschluss ihrer Tour besucht. Seine Ehefrau ist depressiv, er betreut sie. Nur ums Finanzielle kümmert sie sich wie immer – „ein gutes Gehirntraining“, findet er. Dennoch gönnt er sich alle 14 Tage mit einem Freund einen Ausflug; das Essen kocht er vor, zwischendurch ruft er an. Und kehrt so gelöst und gesprächig zurück, dass die Ehefrau bekennt: „Ich gönne ihm die Auszeit.“
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