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Interview

Sonja Elisabeth Wötzel: „Selbstfürsorge 
ist 
Selbstschutz“

Von Tatjana Riegler

Sonja Elisabeth Wötzel ist Diplomsozialpädagogin und gibt den pflegenden Angehörigen Ratschläge.

Mit welchen Problemen haben
pflegende Angehörige zu kämpfen?

Der soziale Kontakt fehlt – das ist das Hauptproblem. Wer kein enges soziales Netz hat, der vereinsamt. Der Haushalt ist nicht mehr so schön, man ist ständig auf Abruf, vernachlässigt sich: Dafür haben viele Bekannte kaum Verständnis. In den sieben Jahren, in denen ich meine Eltern pflegte, habe ich das auch erfahren. Hinzu kommt, dass die Pflegebedürftigen entweder ständig Kontrolle ausüben oder Altersstarrsinn entwickeln; darunter leidet das eigene Selbstwertgefühl. Da die Krankheit auf Dauer auch die Persönlichkeit verändert, war ich manchmal sehr wütend.

Wie erkennt man den Ernst der Lage?

Viele pflegende Angehörige haben Schlafstörungen, werden unaufmerksam, unkonzentriert, zucken zusammen, wenn nur das Telefon klingelt. Manche nehmen die Probleme überall mit.

Wie sollten Pflegende damit umgehen?

Ich habe die erste Zeit nur geweint. Dieses ständige „du musst“ war nervenraubend. Man hat ja im Gegensatz zum Profipfleger keinen Feierabend. Deshalb braucht man jemanden zum Reden, der Verständnis für die Situation aufbringt. Wichtig sind gute Freunde, die auch mal andere Themen zur Ablenkung mitbringen. Wichtig ist, früh einzusehen, dass man Hilfe benötigt – und lernt, um konkrete Hilfe zu bitten, etwa die Nachbarn um Einkäufe. Und man kann sich von einer Krankenschwester Handgriffe zeigen lassen – für mich war das damals eine Erleichterung. Wie ein Energiesparprogramm.

Wie können sich Angehörige selbst helfen?

Indem sie sich Pausen gönnen. Ich habe sie mir bewusst in den Kalender eingetragen. Mittags nach dem Füttern habe ich selbst gegessen und entspannt; eine Stunde lang habe ich jedes Rufen überhört. Das ist heftig, aber man muss Grenzen setzen. Genauso bin ich jeden Abend spazieren gegangen. Man kann schwimmen, den Garten umgraben, Kuchen backen – Hauptsache, man setzt seine Wut in körperliche Aktivität um, ohne Zwang natürlich. Und man muss viel Disziplin aufbringen, um sich vom schlechten Gewissen nicht aufhalten zu lassen.

„Einfach mal raus“ fällt vielen schwer …

Trotzdem: Selbstfürsorge ist überlebenswichtig! Ein Selbstschutz. Man muss den Ort zeitweise wechseln und sich um sich selbst kümmern. Zumal: Wenn der Kranke stirbt, ist das Loch umso größer, weil man völlig aufs Funktionieren programmiert ist und nicht einfach umschalten kann. Ich kann jedem pflegenden Angehörigen nur raten, anschließend in eine Kur zu gehen. Ich habe das auch getan, brauchte aber trotzdem ein Jahr, um nach der Pflegezeit für meine Eltern neue Kräfte aufzubauen.

Ein Drittel der pflegenden Angehörigen
leidet unter Burn-out. Wie sieht
die professionelle Hilfe für sie aus?

Dafür stehen Menschen wie ich bereit, Leute aus dem Pflegemanagement oder gute Bekannte, die die Situation mit Distanz betrachten. Enge Familienangehörige wie die Schwester oder ein Elternteil fallen als Berater aus, weil sie selber leiden. Ein professioneller Berater kennt Wege, hat ein Informationsnetz im Hintergrund und stellt Kontakte zu Krankenkassen, Pflegeeinrichtungen oder Selbsthilfegruppen her.

Was raten Sie Pflegenden noch?

Dass sie lieber arbeiten sollen, als rund um die Uhr zu pflegen! Viele können oder wollen Verantwortung nicht loslassen. Dabei sollten sie schauen, ob es im engsten Bekanntenkreis Leute gibt, die auch mal auf den Pflegebedürftigen aufpassen – etwa für zwei Stunden im Garten „Wache schieben“, während Opa auf der Liege schläft. Man selbst geht zum Friseur und entwickelt dabei das Gefühl: Diese Zeit ist ein Geschenk.

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