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Für gesundes Altern: Nicht im Zorn zurückblicken
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Wissenschaft Für gesundes Altern: Nicht im Zorn zurückblicken

Verpassten Chancen nicht nachtrauern, sondern sich bewusst auf Schönes konzentrieren - das ist einer Studie zufolge ein Schlüssel für gesundes Altern.

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Szene in einem Altenheim: Verpassten Chancen nicht nachtrauern, sondern sich bewusst auf Schönes konzentrieren. Foto: Tobias Kleinschmidt

Hamburg. "Ein gelassener Umgang mit Chancen, die man im Laufe seines Lebens verpasst hat, spielt eine entscheidende Rolle für die Lebenszufriedenheit im Alter", sagte Studienleiterin Stefanie Brassen vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) am Donnerstag. Und er schützt möglicherweise auch vor Altersdepressionen. Das Team um Brassen präsentiert die Untersuchung im Fachjournal "Science".

Die Ergebnisse unterstreichen den Angaben zufolge die Notwendigkeit, sich an die veränderten Lebensumstände im Alter anzupassen, um emotional gesund zu bleiben. "Zukünftige Studien müssen nun prüfen, wie eine solche Adaptation beispielsweise durch den Einsatz verhaltenstherapeutischer Maßnahmen frühzeitig gefördert werden kann", erklärte Brassen. Denn klar sei: "Auch wenn wir alt sind, können wir uns noch verändern."

Bei jungen Menschen kann das Hadern mit ausgelassenen Gelegenheiten dazu beitragen, künftig bessere Entscheidungen zu treffen. Im Alter gibt es jedoch weniger Chancen zur Veränderung - damit sinkt auch der Nutzen, über Verpasstes nachzugrübeln. Viele gesunde ältere Menschen fokussierten sich ganz aktiv auf Positives und blendeten Negatives aus, sagte die Neurowissenschaftlerin. So übernehmen sie etwa weniger Verantwortung für frühere Entscheidungen - und auch Fehlentscheidungen.

Ein Beispiel: Dass man damals nicht studiert hat, lag nur daran, dass die Eltern nicht genug Geld hatten - es war aber nicht die eigene Schuld. "Dinge, für die wir uns nicht verantwortlich fühlen, können uns auch nicht so sehr ärgern, und wir können sie besser abhaken." Diesen Mechanismus konnten Brassen und ihr Forscherteam nun erstmals im Gehirn nachweisen. Mit funktioneller Kernspintomographie verglichen Brassen und ihr Team die Gehirnaktivität von drei Gruppen: emotional gesunden jungen und älteren Probanden sowie Patienten mit Altersdepression.

Die Teilnehmer spielten am Computer 80 Durchgänge eines Glücksspiels. Mit zunehmendem Risikoverhalten erhöhte sich dabei der Gewinn, aber auch die Wahrscheinlichkeit zu verlieren. Die Probanden mussten eine Reihe von acht Kisten öffnen, die entweder Gold enthielten oder einen Cartoon mit einem Teufel - dann war alles Gold futsch, das sie bisher gewonnen hatten. Nach jeder Box konnten sie entscheiden, ob sie weitermachen oder aufhören, um ihren Gewinn zu sichern. Nach jedem Gewinndurchgang wurde ihnen dann gesagt, wie viel mehr sie hätten gewinnen können, wenn sie mehr riskiert hätten.

Bei den jungen Teilnehmern löste das in der Regel Bedauern und Ärger aus. "Tatsächlich reagierten junge Probanden - aber auch ältere depressive Patienten - auf die verpasste Chance mit erhöhtem Risikoverhalten im nächsten Durchgang", sagte Brassen. "Entsprechend war auf den Bildern des Kernspintomographen zu sehen, dass das neuronale Belohnungssystem (ventrales Striatum) so wenig aktiv war, wie wenn sie verloren hätten." Gesunde ältere Menschen reagierten dagegen auf Gewinndurchgänge immer mit einem Signalanstieg - unabhängig davon, ob sie noch viel mehr hätten gewinnen können oder nicht. Nur ein wirklicher Verlust führte zu einem Signalabfall.

Bereits in einer früheren Studie konnten die UKE-Forscher zeigen, dass eine Region im Frontalhirn wahrscheinlich reguliert, ob sich Menschen eher auf die positiven Aspekte des Alterns fokussieren oder nicht, hieß es. Das gleiche Hirnareal, war auch in der neuen Studie bei gesunden Älteren immer dann aktiv, wenn sie mit einer verpassten Chance konfrontiert waren. Die gesunden älteren Erwachsenen hätten sich wohl gesagt, dass es sich ja um ein Glücksspiel handle, erklärte Brassen. Die depressiven älteren Patienten aber geben sich möglicherweise selbst die Schuld für das Ergebnis.

dpa

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