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Wissen Zweifel an Grenzwerten: Darum dreht sich der Streit
Nachrichten Wissen Zweifel an Grenzwerten: Darum dreht sich der Streit
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17:23 23.01.2019
Gute Luft? Die Gefahren von Feinstaub und Stickoxiden sind umstritten. Quelle: Zsolt Czegledi/dpa
Berlin

In vielen Städten werden Grenzwerte für Luftschadstoffe überschritten – teilweise werden Fahrverbote verhängt. Doch selbst Experten sind sich nicht einig, ob die Grenzwerte wissenschaftlich begründet werden können. Was sind eigentlich Stickoxide und Feinstaub? Und warum wird darum so heftig gestritten? Erklärungen zum Thema:

Was sind Stickoxide und Feinstaub eigentlich?

Feinstaub entsteht beispielsweise im Verkehr durch Verbrennungsmotoren und durch Reifenabrieb – aber auch durch Industrieanlagen und Holzöfen. Auch die durch Massentierhaltung entströmenden Gase begünstigen die Feinstaub-Bildung. Stickoxide sind Reizgase, die aus Sauerstoff und Stickstoff bestehen. Sie entstehen ebenfalls bei Verbrennungsprozessen. Als wichtigste Quelle in großen Städten gilt der Straßenverkehr – insbesondere Dieselfahrzeuge. In der Debatte um Fahrverbote geht es in der Regel um Stickstoffdioxid (NO2).

Wie hoch sind die Grenzwerte?

Die Grenzwerte für Feinstaub hängen von der Partikelgröße ab. Als besonders gefährlich gelten Teilchen mit weniger als 2,5 Mikrometern Durchmesser (PM 2,5), die sich in Bronchien und Lungenbläschen festsetzen oder sogar ins Blut übergehen können. Für sie gilt in Europa ein Wert von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel. Für Teilchen mit einem maximalen Durchmesser von 10 Mikrometer (PM 10) liegt der Tagesgrenzwert bei 50 Mikrogramm pro Kubikmeter und darf nicht öfter als 35 Mal im Jahr überschritten werden.

Bei den Stickoxiden (NO2) darf gemäß dem EU-weiten Grenzwert im Jahresmittel die Belastung im Freien nicht über 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen.

Woher kommen die Grenzwerte?

Sowohl die Werte für Feinstaub als auch für NO2 wurden vor Jahren auf EU-Ebene festgelegt. Der gültige Jahresmittelwert für Stickoxide beruht auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO. Der Grenzwert soll laut Umweltbundesamt die Gesundheit auch besonders anfälliger Menschen schützen, selbst wenn sie dauerhaft den Schadstoffen ausgesetzt sind. Die WHO hielt aber auch fest, dass es bei Studien an der Bevölkerung schwierig ist, Wirkungen des NO2 von denen anderer Luftschadstoffe zu trennen, da Menschen eben nicht nur einem einzelnen Schadstoff ausgesetzt sind.

Für wie gefährlich halten Forscher die Stoffe?

Erst Ende November warnte die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) vor den Risiken von Feinstaub und Stickoxiden – sie schadeten der Lunge und es gebe Zusammenhänge von Luftschaftstoffen mit Herzinfarkt, Diabetes, Schlaganfall, Demenz und anderen Erkrankungen. Laut Umweltbundesamt reicht die Wirkung von Feinstaub von einer bloßen Reizung der Schleimhaut und lokalen Entzündungen bis hin zu Ablagerungen in den Blutgefäßen. Stickoxide schädigen vor allem das Gewebe in Bronchien und Lungenbläschen und können vor allem Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen beeinträchtigen.

Gibt es Zahlen zu Sterbefällen?

Experten haben berechnet, dass Tausende Menschen vorzeitig an Folgen von Luftverschmutzung sterben – laut Umweltbundesamt im Jahr 2014 etwa 6000 an Herz-Kreislauf-Krankheiten, die auf die Langzeitbelastung mit Stickstoffdioxid zurückzuführen seien. Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur EEA aus dem Jahr 2017 gibt es in Deutschland zudem rund 66.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr durch die Folgen von Feinstaub in der Luft. Solche Ergebnisse beruhen in der Regel aber auf statistischen Analysen – sie sagen wenig darüber aus, ob die Ursache für die Krankheiten und Todesfälle tatsächlich Luftschadstoffe sind.

Was sagen die Kritiker?

In der Stellungnahme, die 113 von 3800 angeschriebenen Experten unterzeichnet haben, geht es grundsätzlich um die Herangehensweise bei bestimmten Studien. So wird kritisiert, dass epidemiologische Studien zwar „mehr oder weniger regelhaft eine sehr geringe Risikoerhöhung in staubbelasteten Gebieten“ finden. Daraus könne aber nicht automatisch eine Ursache-Wirkung-Beziehung abgeleitet werden. Es könnte ja sein, dass in bestimmten Gebieten der Lebensstil ein grundsätzlich anderer ist. Sie sehen deshalb keine wissenschaftliche Begründung der Grenzwerte und fordern eine Neubewertung der relevanten Untersuchungen. Die DGP betrachtet den Vorstoß der Kritiker als Anstoß für notwendige Forschungsaktivitäten und eine kritische Überprüfung der Studien.

Von Valentin Frimmer und Annika Grah