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14:57 16.10.2015
Immer dicker: "Adipositas ist eine Krankheit des Gehirns", beklagen Experten. Gerade die junge Generation sei gefährdet. Quelle: Waltraud Grubitzsch
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Berlin

Immer mehr Deutsche werden dick – und die Dicken werden noch dicker. Eine "Adipositas-Epidemie" beklagen Experten inzwischen: Angesichts dessen müsse der Staat eingreifen und gesündere Lebensbedingungen schaffen, forderte der Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG), Prof. Martin Wabitsch, am Donnerstag auf einer Jahrestagung in Berlin.

Fettsucht sei nicht etwa die Folge eines Fehlverhaltens Einzelner: „Adipositas ist eine Krankheit des Gehirns“, betonte er. Gerade die junge Generation sei gefährdet, da sie inmitten Betroffener aufwachse, so der Ulmer Kinder- und Jugendarzt.

Zwei Fastentage pro Woche

Mehr Ausdauersport in der Schule, mehr Fahrradwege oder etwa eine veränderte Preispolitik bei Lebensmitteln halten die Fachleute für ratsam. „Vollkornbrot müsste billiger sein als Toast, der Apfel günstiger als der Schokoriegel“, forderte die Pharmakologin Prof. Annette Schürmann vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam.

Sie sieht das „kontinuierliche Essen“ als Knackpunkt: Um Fettreserven abzubauen, müssten Übergewichtige Snacks zwischen den Hauptmahlzeiten reduzieren oder zwei Fastentage pro Woche einlegen.

Anders bei Adipositas: Auf der Berliner Tagung waren sich die Experten einig, dass auch Verhaltens- und Bewegungstherapie die Pfunde nicht langfristig purzeln lassen. Mit einem strengen Lebensstil könnten Betroffene lediglich ihr Gewicht kontrollieren. „Wer einmal in der Fettfalle steckt, hat kaum Chancen, das zu bekämpfen“, sagte der Chirurg Jürgen Ordemann von der Berliner Charité.

Zahlen, Daten und Fakten

Mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland ist nach Angaben der Deutschen Adipositas-Gesellschaft übergewichtig. Von ihnen ist demnach jeder Vierte bis Fünfte fettleibig, also adipös. Bei Heranwachsenden im Alter von 3 bis 17 Jahren seien sechs Prozent von Adipositas betroffen, bei Jugendlichen von 14 bis 17 Jahren sogar acht Prozent.

Grundlage für die Einstufung ist der Body Mass Index (BMI), der sich aus dem Verhältnis von Körpergröße zu Gewicht errechnet. Adipöse Menschen haben ein erhöhtes Risiko für viele Gesundheitsprobleme, etwa Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch die Psyche kann leiden. Betroffene können sich an spezielle Kliniken wenden, die etwa zu Veränderungen des Lebensstils oder zu speziellen Therapien beraten.

Operationen hingegen hätten sich bewährt, sagt Ordemann. Die Eingriffe verändern demnach je nach Methode Magen und Verdauungstrakt so, dass auch die für Hunger und Sättigung zuständigen Hormone positiv beeinflusst werden. Letztlich sinke das Risiko für Folgeerkrankungen wie etwa Diabetes, die das Gesundheitssystem belasten.

Doch noch werde in Deutschland zu spät und im Vergleich mit anderen Ländern Europas zu selten eingegriffen. „Der Zugang zur OP und die Zusammenarbeit mit den Krankenkassen ist enorm schwierig“, sagte Ordemann. Angesichts des Leidensdrucks und der hohen Nachfrage von Betroffenen sei das „frustrierend“.

Politiker ist selbst betroffen

Der Bundestagsabgeordnete Dietrich Monstadt (CDU) leidet selbst an Adipositas. Quelle: Jens Büttner

Der Bundestagsabgeordnete Dietrich Monstadt (CDU) betonte, verlockende Angebote für Kinder und Jugendliche wie Schokolade an der Supermarktkasse, Fast-Food-Läden neben Schulen oder riesige Limo-Becher im Kino müssten nicht sein.

Der CDU-Politiker ist selbst von Adipositas betroffen und befürwortet eine nationale Strategie – obwohl natürlich „jeder sein eigener Gesundheitsmanager“ sei. Da aber immer mehr Menschen damit Probleme hätten, drohe auch bei der Zahl der Diabetiker ein „Tsunami“. Über Adipositas beraten noch bis zum 17. Oktober rund 500 Experten in Berlin.

dpa

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