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13:36 11.01.2014
Eine Frau geht in einem Alterssimulationsanzug eine Treppe hoch. Die etwa 20 Kilogramm schweren Anzüge verdeutlichen Jüngeren, wie sich es sich anfühlt, alt zu sein. Quelle: dpa
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Heidelberg

Heidelberg (dpa) - Die Schlange an der Supermarktkasse wird immer länger. Hektisch sucht die Seniorin in ihrem Portemonnaie die Münzen zusammen. Sie sieht schlecht, ihre Finger sind nicht mehr so beweglich wie früher. Mit sogenannten Alterssimulationsanzügen können Jüngere ein Stück weit nachempfinden, wie sich Senioren in Situationen wie diesen fühlen. Ein Gehörschutz gaukelt dabei altersbedingte Schwerhörigkeit vor, eine Spezialbrille schränkt das Sichtfeld ein, Gewichte an Hand- und Fußgelenken und fingerlose Handschuhe erschweren die Beweglichkeit und Feinmotorik.

Was nach Spielerei klingt, wird in einer alternden Gesellschaft für Wissenschaft und Arbeitswelt immer interessanter. Der Heidelberger Sportwissenschaftler Andreas Lauenroth vom Netzwerk Alternsforschung sieht zahlreiche Einsatzmöglichkeiten: Handwerker könnten sich nach einer Erfahrung im Simulationsanzug besser in Senioren hineinversetzen, für die sie Wohnungen umbauten, eine Tanzlehrerin verstehe plötzlich, wie sich betagte Tänzer bei bestimmten Bewegungen fühlten. Aber auch Architekten, Ingenieure und Designer könnten von Altersanzügen profitieren. Eine höhere Empathie für Senioren wäre aus Lauenroths Sicht das Ergebnis.

Vor allem in Pflegeberufen sollten die Anzüge stärker eingesetzt werden, fordert der Forscher am Rande einer Tagung zum Thema Alterssimulation am Freitag in Heidelberg. "Sie sind dort zwingend notwendig, damit sich die Pfleger in ihre älteren Patienten hineinversetzen können." In der Medizin kämen die Anzüge zwar schon zum Einsatz, in der Pflege aber noch viel zu selten. Firmen nutzten sie in Deutschland - anders als in den USA - erst in Einzelfällen.

Einige deutsche Unternehmen wie beispielsweise Daimler haben bereits Erfahrungen mit den Anzügen gemacht. "Wir setzen sie schwerpunktmäßig für die Sensibilisierung ein", sagt Andreas Mürdter, zuständig für das Demografie-Management bei dem Autobauer. Zum Einsatz kämen sie etwa bei Treffen von Führungskräften, in der Berufsausbildung und auf Messen zur Arbeitssicherheit. Die Rhein-Neckar-Verkehr GmbH lässt Mitarbeiter mit den Anzügen nachempfinden, wie sich Senioren in der Straßenbahn fühlen - so wird nicht nur die ständige Nachfrage nach dem Haltestellennamen verständlich.

Designer Mathias Knigge warnt Unternehmen allerdings vor zu hohen Erwartungen an die Anzüge. "Entwickler ziehen nicht morgens einen Anzug an und machen dann mittags die besseren Produkte", sagt er. Die Anzüge seien nur eine Komponente von vielen, um sich dem Thema Alter zu nähern. "Wir brauchen ganz viel drum herum, sonst verfestigen wir sehr schnell defizitäre Altersbilder."

Aus Sicht der Heidelberger Psychologin Laura Schmidt müssen die Simulationserfahrungen unbedingt nachbereitet werden. "Sonst könnte ein einseitiger und negativer Eindruck vom Prozess des Alterns vermittelt werden", sagt sie. Die Gefahr sei groß, dass bei Jüngeren nach der Erfahrung ein mulmiges Gefühl zurückbleibe - bis hin zu dem Wunsch, lieber früh zu sterben, wenn das Alter wirklich so beschwerlich sei.

Schmidts Forschungen bestätigen, wie wichtig eine Nachbereitung ist: Nach einer Zeit im Alterssimulationsanzug schätzten Teilnehmer einer ihrer Studien Senioren als hilfsbedürftiger, unselbstständiger und unzufriedener ein als zuvor. Die Aussage "Das Alter hat auch schöne Seiten" bekam hinterher deutlich weniger Zustimmung. Hier werde ein zentrales Defizit der Anzüge deutlich: Die Potenziale des Alters blieben außen vor - die Lebenserfahrung von Senioren, ihr Wissen und ihre Kompetenzen können nicht nachempfunden werden.

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