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00:16 03.06.2016
"Wir hassen es, diese Insel aufzugeben – aber wir müssen es tun": Der Häuptlingsrat um Albert Naquin (oben, rotes Hemd) plant die Umsiedlung. Zu viel Land, zu viele Häuser hat sich das Wasser schon geholt. Quelle: Charlie Varley
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Isle de Jean Charles

Der Himmel ist strahlendblau. Kein Wölkchen trübt ihn. Das Sonnenlicht spiegelt sich im Wasser zwischen den Häusern. Albert Naquin ist an diesem gloriosen Sommertag trotzdem voll Unruhe. Schwere Gewitter sind für die nächsten Tage angesagt. Mit sehr viel Regen. Naquin fährt außer der Reihe schnell noch zum Supermarkt, um sich für die nächsten Tage mit Lebensmitteln einzudecken. Wer weiß schon, wie lange die Straße auf dem Damm zum Festland passierbar bleibt?

Naquin lebt auf der Isle de Jean Charles, einer Marschinsel vor der Küste von Louisiana, gut 90 Autominuten von New Orleans entfernt. Es ist ein Flecken Erde, der nicht nur geografisch am Rande der Vereinigten Staate von Amerika liegt. Die wenigen Menschen, die hier leben, hausen zumeist in heruntergekommenen Häusern, die an Bretterverschläge erinnern.

Umsiedlungspläne aus dem fernen Washington

Es ist jedoch nicht allein die allgegenwärtige Armut, die Naquin und seine Nachbarn umtreibt. Es sind vor allem die Umsiedlungspläne, die das ferne Washington für sie entworfen hat: Die Regierung hat die Bewohner von Isle de Jean Charles zu Flüchtlingen erklärt, die sich vor dem Klimawandel in Sicherheit bringen müssen. Ein düsteres Vorzeichen auf Kommendes?

Seit der Meeresspiegel im Golf von Mexiko steigt, schwappt das Wasser immer näher an die eigentliche Küste von Louisiana heran. Pro Stunde holt sich der Golf von Mexiko eine Fläche, die der Größe eines Sportplatzes entspricht. Das sumpfige Marschland des Mississippi-Deltas verschwindet in rasantem Tempo. Die Leidtragenden sind die Ureinwohner, die Indianer vom Stamm der Biloxi-Chitimacha-Choctaw.

Ihr Siedlungsgebiet, die Isle de Jean Charles, hat seit 1955 satte 98 Prozent Landfläche an das Wasser verloren. 
Von gut 90 Quadratkilometern ist ein schmaler Streifen von 1,3 Quadratkilometern übrig geblieben. Früher grasten auf Isle de Jean Charles zahlreiche Rinder, heute stehen die Häuser, die nicht schon versunken sind, direkt am Wasser. Und das Wasser steht zwischen ihnen.

Ein neues Zuhause für 40 Millionen Euro

Albert Naquin ist Häuptling der Biloxi-Chitimacha-Choctaw; rund 400 Angehörige hat der Stamm. Dauerhaft leben auf Isle de Jean Charles allerdings nur noch knapp 60. "Mit jeder Sturmflut geht nicht nur unser Land ein Stück weiter verloren, sondern auch ein Stück unserer Kultur", sagt Naquin.

Viele Familien seien ins Hinterland geflüchtet. Heute lebten sie weit voneinander entfernt: "Wie aber soll die heranwachsende Generation ein Gefühl für unsere Traditionen entwickeln, wenn uns der Wind in alle Richtungen verstreut?" Ein Argument, das auch die Regierung ins Feld führt.

Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Angehörigen des Stammes vor den weißen Siedlern in das unwirtliche Marschland zwischen der Küste und dem offenen Meer geflüchtet. Trotz aller Repressionen konnten sie hier auf unzähligen Inseln ihre althergebrachte Lebensform zumindest teilweise fortsetzen. Nun soll eine weitere Flucht die letzten Besonderheiten der Ureinwohner retten. 40 Millionen Euro zahlt Washington, um den Indianern ein neues und vor allem gemeinsames Zuhause zu verschaffen.

Doch so einfach lässt sich eine Kultur nicht verpflanzen. Rentner Hilton Chaisson hat den Stamm bereits wissen lassen, sein Grundstück nicht verlassen zu wollen: "Hier habe ich mein ganzes Leben verbracht, hier werde ich auch sterben", sagt der alte Mann mit dem sonnengegerbten Gesicht. Seinen zehn Söhnen habe er ein naturnahes Leben mit Jagen und Fischen beigebracht, an diesem Ort sollen auch seine 26 Enkel heranwachsen.

50 Millionen Klimaflüchtlingen in den nächsten 30 Jahren

Der alte Indianer wirkt wie ein Prophet all der Probleme, die in naher Zukunft wohl in unzähligen Regionen der Welt diskutiert werden. Nach Einschätzung der Universität der Vereinten 
 Nationen in Bonn ist in den nächsten 
30 Jahren weltweit mit 50 Millionen Klimaflüchtlingen zu rechnen – vielleicht sogar mit 200 Millionen.

Sally Jewell, US-Innenministerin, sagte gegenüber der "New York Times", dass das Konfliktmanagement mit den Betroffenen von Isle de Jean Charles als eine Art Blaupause für ähnliche Situationen in Zukunft dienen könnte. Der Regierung sei die Herausforderung bewusst – und die Tatsache, dass es viele Gemeinden gebe, die besser vor den Folgen von Naturkatastrophen geschützt werden müssten. Nicht alles sei eine reine Frage der Organisation und lasse sich am grünen Tisch entscheiden.

Schon zweimal hat der kleine Stamm gegen seine Umsiedlung gestimmt, 2002 und 2009. Naquin hat 15 Jahre lang dafür gesprochen. "Wir haben keine Zeit mehr", sagt er. "Wir hassen es, diese Insel aufzugeben, aber wir müssen es tun. Es ist wie mit einem sterbenden Familienmitglied. Man weiß, dass man es verlieren wird. Man weiß nur nicht wann." Die Insel hat den immer häufigeren Hurrikans und Überschwemmungen nichts mehr entgegenzusetzen.

Das Wasser bedroht ihre Existenz, daher müssen die Biloxi-Chitimacha-Choctaw-Indianer umgesiedelt werden. Quelle: Charlie Varley

Erst jetzt, da das Wasser bedrohlich nahe kommt, deutet sich eine Mehrheit für den Umzug an. Eine Einigung über den neuen Wohn- und Lebensort gibt es bisher allerdings nicht.

Häuptling Naquin träumt von einem Leben in der Nähe einer Bisonherde, so, wie die Vorfahren vor mehreren Hundert Jahren lebten. Die Mehrheit des Stammes denkt eher über die nächstgelegene Kleinstadt nach. "Vielleicht sollten wir einen gewissen Abstand zu den Nachbarn einhalten, damit es nicht zu viele Spannungen gibt", sagt Naquin.

Die Unterstützung durch die Bundesregierung werde nicht von allen mit Wohlwollen betrachtet: "Louisiana ist arm. Manche verstehen nicht, warum wir unbedingt geschlossen umgesiedelt werden sollen."
Der Klimawandel, fürchtet der Häuptling, könnte am Anfang einer ganzen Reihe von Konflikten stehen.

Von Stefan Koch

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