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"Depressive suchen die Schuld bei sich"

Amoklauf München "Depressive suchen die Schuld bei sich"

Der Täter des Anschlags in München soll unter Depressionen gelitten haben. Im Gespräch erklärt Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, warum die Krankheit nicht der Grund für die Tat gewesen sein kann - und spricht über Stigmata gegenüber Depressiven.

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Prof. Dr. Ulrich Hegerl (73) ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Quelle: dpa

München. Im Gespräch mit Prof. Dr. Ulrich Hegerl (73), Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig.

Die Polizei München will beim Täter eine Depression ausgemacht haben. Glauben Sie, dass eine Depression eine Erklärung für die Tat sein kann?

Das glaube ich nicht. Bei einer Depression bringen Menschen nicht Unbeteiligte um, wie das in München geschehen ist. Im Gegenteil: Diese Erkrankung ist davon gekennzeichnet, dass man von Schuldgefühlen geplagt wird. Das war auch schon bei der German-Wings-Katastrophe eine falsche Zuordnung. Natürlich kann der Täter darüber hinaus eine Depression gehabt haben. Zehn Prozent der Bevölkerung sind davon in Deutschland betroffen. Die war dann aber nicht die Ursache für die Tat.

Wieso sind Sie sich da so sicher?

In der Depression suchen die Menschen die Schuld bei sich. Da gibt es Suizide, aber keine Amokläufe. Die Tat von München aber hatte vermutlich mit einer Depression nichts zu tun.

Was könnte da noch eine Rolle gespielt haben?

Schwer zu sagen aus der Entfernung. Drogen wären eine Möglichkeit, aber natürlich auch andere Erkrankungen. Persönlichkeitsstörungen beispielsweise.

Welche Folgen hat denn eine solche falsche Einordnung der Ursachen?

Den Amoklauf fälschlicherweise als Folge einer Depression darzustellen, verstärkt die Stigmatisierung depressiv Erkrankter. Das erhöht für diese dann die Hürde, sich professionelle Hilfe zu holen.

Sie haben in Sachen Suizide in der Vergangenheit immer wieder Empfehlungen gegeben, wie man darüber berichten sollte und wie nicht. Wie war das in München?

In Sachen Suizide ist es tatsächlich so, dass man sehr zurückhaltend berichten sollte, um das Risiko zu vermindern, dass andere Menschen, die sich auch mit solchen Gedanken beschäftigen, diese Muster nachahmen. Da ist die Gefahr viel größer. Wir haben ja täglich rund 30 Suizide in Deutschland. Da heißt, wir reden von 10 000 Selbsttötungen und 150 000  Selbsttötungsversuchen in nur einem Jahr.  Für Menschen, die sich mit solchen Gedanken beschäftigen, kann die Berichterstattung also durchaus Konsequenzen haben. Vor allem, was die Wahl der Methode anbelangt. Nach dem Suizid des Torhüters Robert Enke beispielsweise hat sich über zwei Jahre hinweg die Zahl der Eisenbahn-Suizide erhöht. Daran hatte zweifellos auch die Berichterstattung in den Medien einen Anteil.

Und bei Amokläufen gibt es eine solche Gefahr nicht?

Amokläufen sind Gott sei Dank ein sehr seltenes Ereignis. Aber dass eine intensive Berichterstattung auch Nachahmer auf den Plan ruft, kann man nicht ganz ausschließen.

Ist das Krankheitsbild Depression im öffentlichen Bewusstsein noch nicht angekommen?

Durch die Berichterstattung auch im Zusammenhang mit dem Fall Enke ist der Wissensstand schon verbessert worden. Aber immer noch erhält nur eine Minderheit von depressiv Erkrankten eine optimale Behandlung.

Interview: Roland Herold

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