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„Die Erde ist unser Raumschiff“

Astronauten blicken zurück „Die Erde ist unser Raumschiff“

Sie wandeln auf ihren eigenen Spuren. Jahrzehnte nach ihrem Flug in den Orbit finden vier der elf deutschen Astronauten im All in der Raumfahrtabteilung des Deutschen Museums Erinnerungsstücke. Sie eint aber auch die Sorge um den Planeten Erde.

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Der Astronaut Ernst Messerschmid, der Generaldirektor des Museums Wolfgang M. Heckl und Astronaut Ulrich Walter stehen vor dem Space-Lab im Deutschen Museum in München (Bayern).

Quelle: dpa

München . Ulrich Walter steht vor der Vitrine mit seinem persönlichen Notizbuch. Vor mehr als 20 Jahren hatte der frühere Astronaut es auf seinem Flug ins All dabei - gleich auf den ersten Seiten hatte er notiert, wie die Toilette in der Schwerelosigkeit funktioniert. Der heute 60-jährige Professor für Raumfahrttechnik und seine früheren Astronauten-Kollegen finden in der Raumfahrtabteilung des Deutschen Museums in München reichlich Erinnerungsstücke.

Mit Reinhold Ewald (57), Ernst Messerschmid (69), Ulf Merbold (72) und Walter sind vier von elf deutschen Astronauten bei dem Treffen der Association of Space Explorers (ASE) in München dabei. Insgesamt ist ein Dutzend Raumfahrer aus Europa gekommen, unter ihnen der Spanier Pedro Duque und der Niederländer André Kuipers. Raumfahrer hatten die ASE 1985 gegründet nach dem überwältigenden Blick auf die aus dem All so zerbrechlich wirkende Erde, um nationenübergreifend an die Verantwortung für den Erhalt zu werben. „Die Erde ist unser Raumschiff, auf dem wir alle Astronauten sind“, sagt Ewald.

Vorbei am „Apollo 15“-Mondauto und einem russischen Raumanzug, an Satelliten und Raketen - wo Besucher gemeinhin fasziniert staunen, schwelgen die Raumfahrer in Erinnerungen. Ein Foto von Messerschmid in jungen Jahren, schwebend 1985 neben der Nasa-Astronautin Bonnie Dunbar. Merbold wiederum bleibt vor der Fernerkundungskamera für Aufnahmen der Erdoberfläche stehen. Gleich zu Anfang der Mission sei der Film hängengeblieben. Im Schlafsack wickelten die Raumfahrer ihn auf, damit kein Licht daran kam. Am 5. Dezember 1983 schoss die Kamera dann ein Foto von München - das muss wohl wenige Tage nach dem Missgeschick gewesen sein.

Im europäischen Weltraumlabor „Spacelab“, das im Deutschen Museum ausgestellt ist, arbeiteten Merbold, Messerschmid und Walter. Es diente ähnlich dem heutigen „Columbus“-Modul an der Internationalen Raumstation ISS zu wissenschaftlichen Experimenten.

Eine Sojus-Kapsel fehlt noch in der Sammlung. Eine musste das Museum wieder hergeben. Museumsdirektor Wolfgang Heckl, der sich an diesem Tag über die höchste Astronautendichte seit Gründung des Hauses freut, gibt aber die Hoffnung nicht auf, dass Deutschlands größte Raumfahrtausstellung irgendwann ein Exponat ergattern kann. Gerade flog immerhin Alexander Gerst (38) mit einer Sojus zur ISS.

Mit ihm plaudern die Ex-Raumfahrer live vom Columbus-Kontrollzentrum in Oberpfaffenhofen bei München, unter anderem über den ISS-Alltag und den samstäglichen Putztag. Gerst musste staubsaugen, heißt es. Das Putzen der Weltraumtoilette traf wohl einen seiner Kollegen.

Auch wenn die Ex-Raumfahrer Gerst mit ihrem sommerlichen Biergarten-Ausflug zum Kloster Andechs neidisch zu machen versuchen: Er würde sofort tauschen, gibt der Niederländer Kuipers zu. Immerhin sei auf der ISS im hiesigen Sommer immer Sonne, sie taucht nie ganz in den Erdschatten ein, und Wolken gibt es schließlich keine.

Gerst berichtete seinen Kollegen auch vom dem gigantischen Blick auf die Erde, der alle Raumfahrer eint - und der auch die Wunden des Planeten zeigt. „Man sieht die Abholzung der Urwälder, die Feuer im Amazonas“, schildert Messerschmid. Über Mexiko-Stadt liege eine so dicke Smogschicht, dass man aus dem All nie die Stadt erkenne. Schiffe, die ihre Tanks säubern, zögen lange Schleppen hinter sich her. Und: „Man sieht auch politische Grenzen.“ Den Gazastreifen erkennen die Raumfahrer, weil auf der israelischen Seite bewässert wird und die Landschaft grün-grau erscheint - die palästinensische Seite hingegen ist trocken und gelb.

Das Schlimmste steht Gerst in einem halben Jahr bevor - jedenfalls, wenn Kuipers' Erfahrungen auch für ihn zutreffen: Die Rückkehr zur Erde. „Man fühlt sich schlecht“, sagt Kuipers, der 2004 und 2012 auf der ISS war. Wacklig auf den Beinen, Übelkeit - die Heimkehr scheint einem Kater zu ähneln. Laut Kuipers ist jedenfalls die Raumkrankheit, die ähnlich der Seekrankheit an den ersten Tagen wegen der Umstellung auftreten kann, viel weniger schlimm als diese „Erdkrankheit“.

Trotz aller Widrigkeiten sind sich die Astronauten praktisch sicher, dass noch in diesem Jahrhundert der erste Mensch auf dem Mars stehen wird. „Der Mensch muss vorwärtsgehen. Das ist der genetische Imperativ“, sagt Messerschmid. Wenngleich es Visionen gibt, dort oben, an die 200 Flugtage von der Erde entfernt, zu leben und vielleicht sogar aus den dortigen Kohlendioxid- und Wasservorkommen eine Art Atmosphäre zu schaffen, ist für sie klar: Das ist zu weit gedacht. Es sei nicht an der Zeit, über Lebensräume im Orbit nachzudenken, „wenn es noch so schwierig ist, überhaupt Dinge ins All zubringen“, sagt Ewald. Aber: „Wir müssen anfangen, Schritt für Schritt zu machen.“

dpa

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