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Bewegung als Entwicklungsmotor

Auf der Couch – der Expertentipp Bewegung als Entwicklungsmotor

Der Bewegungsvirus wirkt von Geburt an, er treibt uns an, nur leider erlischt er zu rasch. – Virus, das klingt erst einmal komisch! Aber wäre Bewegung ein heimtückischer Virus, wäre die Menschheit bereits vor Millionen von Jahren ausgestorben. Sind wir aber nicht!

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Professor Ingo Froböse ist Leiter des Gesundheitszentrums an der Sporthochschule Köln und gibt an dieser Stelle regelmäßig Tipps.

Quelle: Monika Sandel

Hannover. Verstehen wir den Bewegungsvirus positiv und sehen es einmal so: Wäre der Bewegungsvirus nicht schon immer genetisch in uns verankert, wären die Urmenschen zu faul zum Jagen, Sammeln oder Flüchten gewesen.

Kinder bewegen sich daher nicht ohne Grund, sobald sie auf die Welt kommen. Sie bewegen sich, weil sie unbedingt ihre Umgebung erkunden wollen. „Alles anfassen, ertasten oder in den Mund nehmen“ lautet die Devise. Woher sollten sie später auch sonst wissen, dass der Boden unter den Füßen fest ist, Gras weicher als der Fliesenboden oder aber, dass der Stacheldrahtzaun nicht so gut zum Festhalten geeignet ist wie ein Stuhlbein.

Bewegung steckt schon in unseren Genen und bedeutet für uns Menschen dreierlei: überleben, lernen und (weiter)entwickeln, und das schon direkt nach der Geburt. Den Aspekt des Überlebens wollen wir nicht weiter thematisieren, weil, seien wir einmal ehrlich: Heute müssen wir glücklicherweise meist weder vor Todesfeinden flüchten noch auf die Jagd gehen. Die einzige Jagd, auf die wir uns heute fürs Überleben begeben müssen, ist die Schnäppchenjagd im Supermarkt. Für das Lernen und die Entwicklung ist Bewegung aber nach wie vor essenziell. Und hiermit ist nicht nur das Bewegungslernen oder die sportliche Entwicklung gemeint. Vielmehr unterstützt Bewegung die meisten strukturellen Entwicklungsprozesse unserer Organsysteme in all unseren Entwicklungsstufen.

Kinderalltag: Sitzen statt Bewegung

Betrachten wir beispielsweise das Gehirn eines Neugeborenen mit seinen fast 200 Milliarden Nervenzellen. Durch die bewegte Interaktion mit der Umwelt gelangen Informationen in das Gehirn des Säuglings. Wenn diese schließlich verarbeitet werden, entstehen bei jeder Erfahrung neue Verbindungen zwischen Nervenzellen – wodurch das Gehirn wiederum besser arbeiten kann. Und dieses Phänomen vollzieht sich nicht nur im Säuglingsalter, sondern setzt sich bis ins hohe Alter fort: Die Fähigkeit zu lernen bleibt uns ein Leben lang erhalten.

Es ist also ganz augenscheinlich, wie wichtig es ist, ein aktives Leben zu führen. Sehr bedauernswert und falsch ist also, dass wir uns im Verlauf unseres Lebens immer weniger bewegen. Während Kinder in der Kita hoffentlich noch nach Lust und Laune toben können und auch zu Hause möglichst wenig Einschränkungen in diesem Bereich erfahren müssen, wird ihnen in der Grundschule schon abverlangt, einen (anfangs noch kleinen) Teil des Tages zu sitzen. Zum Glück bietet aber der Pausenhof meist noch genug Freiraum, um sich in der Zeit zwischen dem Lernen auszupowern.

Mit zunehmendem Schuljahr rückt allerdings die Leistung mehr in den Vordergrund, wodurch auch nach der Schule Hausaufgaben oder aber der Klavier- oder Trompetenunterricht anstehen. Die Zeit für Bewegung schrumpft massiv beim Wechsel auf die weiterführende Schule. Fortan müssen die Heranwachsenden den Großteil ihres Tages im Sitzen verbringen. Hinzu kommt, dass der Schulhof mit zunehmendem Alter weniger als Bewegungsraum, sondern mehr zum Chillen und Abhängen genutzt wird.

Verschlechterung der motorischen Fähigkeiten

An dieser Stelle soll allerdings die Schule als unumgehbare Institution nicht verteufelt werden: Sie leistet einen großen Beitrag zur Erziehungsarbeit. Vielmehr muss die Lebenswelt außerhalb der Schule unter die Lupe genommen werden. Denn diese hat sich in den letzten Jahrzehnten leider dahingehend verändert, dass zum einen Bewegungsräume schrumpfen (Felder und Wälder werden vermehrt gegen Stadt und Asphalt getauscht), zum anderen auch die Freizeit anders genutzt wird – wo früher mit Stöcken ein Tipi im Wald gebaut wurde, wird heute auf dem Sofa liegend das neueste Online-Game auf dem Tablet durchgespielt.

Eine Vielzahl von Studien weist sogar eine durch die Einschränkung des Bewegungsverhaltens in den letzten Jahrzehnten bedingte Verschlechterung der motorischen Fähigkeiten nach. Als mögliche Konsequenzen nennen diese sogar eine Zunahme chronischer Erkrankungen, ein erhöhtes Unfallrisiko im Alltag und Verzögerungen in der motorischen, psychischen, sozialen sowie kognitiven Entwicklung. Ein Grund mehr, schon früh den Grundstein für ein bewegtes und gesundes Leben zu legen!

Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem Buch

Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem Buch: Ingo Froböse u. Peter Großmann: „Der kleine Sporticus. Bewegungs- und Ernährungstipps, die Kinder fit machen“. Beltz Verlag, 264 Seiten, 16,95 Euro.

Quelle: BELTZ-Verlag

Von Ingo Froböse/RND

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