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14:00 04.07.2011
Von Nicola Zellmer
Nur wenige Patientinnen entscheiden sich nach einer Brustkrebsoperation für eine Rekonstruktion. Quelle: dpa
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Hannover

Man muss schon ganz genau hinsehen. Denn auf den ersten Blick oder aus ein paar Metern Entfernung ist überhaupt nicht zu sehen, dass die linke Brust von Sabine Schulz (Name geändert) nicht mehr ihre eigene ist. Nach einer Brustkrebsoperation im Jahr 2005, bei der die Brust komplett amputiert werden musste, hatte sich die heute 56-jährige Hannoveranerin für eine Rekonstruktion des lateinisch „Mamma“ genannten Körperteils aus einem Teil des Bauchmuskels entschieden.

„Nach der Operation war ich erst völlig down und wollte überhaupt nichts“, berichtet Schulz. Eine Haltung, die sie mit vielen anderen Brustkrebspatientinnen teilt. Doch dann entschied sich die 56-Jährige doch für eine Brustrekonstruktion. „Ein Brustaufbau aus Eigengewebe, das klang doch gleich besser als ein Silikonimplantat – und ganz ohne Brust wollte ich dann doch nicht sein.“ Inzwischen hat sich die Hannoveranerin an ihren neuen Körperteil gewöhnt und freut sich wieder über bewundernde Blicke, wenn sie ein tief ausgeschnittenes Dekolleté trägt. „Bis es so weit war, hat aber schon ein paar Jahre gedauert“, räumt sie ein.

Trotz des meist guten oder zumindest akzeptablen Ergebnisses eines Brustaufbaus entscheiden sich heute aber immer noch die wenigsten Brustkrebspatientinnen wie Sabine Schulz. „Es kommen nicht mehr als zehn Prozent der Frauen, denen die Brust abgenommen werden musste, zur Brustrekonstruktion“, erklärt Alexander Moser, leitender Oberarzt des Brustzentrums im Nordstadtkrankenhaus des Klinikums Region Hannover, der eng mit den weiteren drei Brustzentren in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), in Gehrden und in Großburgwedel kooperiert.

Die Gründe für diese Haltung können individuell ganz unterschiedlich sein. Manche Frauen entscheiden sich nach der Krebstherapie bewusst für ein neues Leben ohne Brust, andere empfinden den Gedanken an einen künstlich modellierten Körperteil als fremd. Ein großer Teil der Patientinnen sei aber einfach nur nicht ausreichend informiert oder hege eigentlich unnötige Vorurteile, ist Moser sicher. So wüssten viele Frauen nicht, dass die Brustrekonstruktion als Teil der Krebsbehandlung problemlos von der Krankenkasse erstattet werde, sagt der Oberarzt, der gemeinsam mit seinen Kollegen aus der Region auch ärztliche Weiterbildungsveranstaltungen zur rekonstruktiven Mammachirurgie anbietet.

Technisch gibt es drei Methoden für den Brustaufbau: Ein Silikonimplantat, einen Wiederaufbau aus dem Rückenmuskel oder aus dem Bauchmuskel, wobei es beim Bauchgewebe zwei unterschiedliche Ansätze gibt. „Die Schwierigkeit, der Aufwand und die Komplikationsrate steigt vom Implantat bis zur freien Bauchplastik“, erklärt der Oberarzt aus dem Nordstadtkrankenhaus.

Mosers Spezialität ist die sogenannte gestielte Lappenplastik aus Rückengewebe. Dazu entfernt er einen Hautlappen nebst Fettgewebe und Muskelanteilen aus dem Rücken und setzt diesen in die Fehlstelle an der Brust. Das Besondere: Der Hautlappen wird unter der Achsel hindurch nach vorne zur Brust gezogen, bleibt aber über einen schmalen „Stiel“ aus Gewebe mit dem Körper verbunden, sodass die Versorgung des Implantats mit Blut und Nervenimpulsen gewährleistet ist. Diese Operation benötigt etwa zwei bis drei Stunden und ist mit einem geringeren Risiko verbunden als eine Bauchplastik.

Wird der Haut-Muskel-Lappen aus der Bauchdecke entnommen, dauert der nun kompliziertere Eingriff etwa drei Stunden, wenn der Lappen ebenfalls über einen Gewebestiel weiter durchblutet und innerviert wird. Bei der freien Bauchplastik dagegen wird die Blutzufuhr gekappt und zwei oder drei Gefäßanschlüsse am Implantat werden später in einer mikrochirurgischen Operation neu mit Blutgefäßen in der Achsel oder hinter dem Brustbein verbunden. Bei dieser DIEP-Methode wird einerseits die gerade Bauchmuskulatur weniger verletzt als bei der Stielplastik (TRAM-Lappen), andererseits dauert der Eingriff aber auch durchschnittlich sechs bis acht Stunden und rund zehn Prozent der DIEP-Implantate sterben später ab, weil sie doch nicht gut genug mit Blut versorgt werden.

Welche Methode gewählt wird, ist für Moser immer eine individuelle Entscheidung – die unter anderem von den anatomischen Voraussetzungen abhängt. „Wer eine Bauchplastik möchte, sollte schon etwas Bauchfett mitbringen“, sagt er. Will eine Patientin andererseits bezüglich des Operationsrisikos auf Nummer sicher gehen, empfiehlt der Oberarzt ein Silikonimplantat.

Grundsätzlich rät Moser den Brustkrebspatientinnen, sich kritisch zu informieren und im Zweifelsfall eine Zweitmeinung einzuholen. „Ich dränge eine plastische Rekonstruktion niemandem auf“, betont er. „Der Wunsch dazu muss immer in der Frau wachsen – auch wenn das manchmal ein oder mehrere Jahre dauert.“ Die fortlaufende Auswertung der Operationen im Brustzentrum am Nordstadtkrankenhaus zeigt jedoch, dass rund 90 Prozent der Patientinnen später mit dem Ergebnis des Brustaufbaus zufrieden sind – selbst wenn die Brust dann nicht mehr genau so aussieht wie zuvor.

Moser gibt allerdings auch zu bedenken, dass die Brüste nicht nur für das ästhetische Körperempfinden eine Rolle spielen, sondern auch für die Körperbalance. „Wenn eine Dysbalance entsteht, weil eine Frau auf einer Seite noch eine große Brust hat, die andere Brust aber amputiert wurde, entstehen häufig Verspannungen und Wirbelsäulenprobleme“, hat der Oberarzt beobachtet.

Weitere Informationen zu Brustamputation und Brustaufbau gibt die Broschüre „Brustamputation – wie geht es weiter“ des Vereins Frauenselbsthilfe nach Krebs. Die Broschüre kann beim Bundesverband der Frauenselbsthilfe nach Krebs, Telefon (02 28) 33 88 94 00, Internet: www.frauenselbsthilfe.de bestellt werden.

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