Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Wissen „Monster im Astronauten-Anzug“
Nachrichten Wissen „Monster im Astronauten-Anzug“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:15 28.10.2014
„Die Kinder weinen viel. Es ist angsteinflößend für sie, wenn Leute in Astronauten-Anzügen auf sie zukommen. Sie verstehen das nicht“, sagt Ibrahim Bah vom Donka-Krankenhaus in der Hauptstadt Conakry. Quelle: dpa
Anzeige
Guéckédou

Ein Babyweinen hallt aus dem Ebola-Behandlungszentrum in Guéckédou, einer Kleinstadt im Südosten Guineas. Sekunden später tritt ein Arzt aus dem Raum. Er steckt von Kopf bis Fuß in Schutzkleidung und hält den Säugling im Arm. Wiegend und streichelnd versucht er, das zwei Wochen alte Kind zu beruhigen, so gut das eben geht durch die Schichten aus Kunststoff.

Tausende von Menschen hat der Ebola-Erreger schon in Westafrika getötet. Sowohl Vater als auch Mutter des Babys sind infiziert. Auch das Kind weist Symptome auf, aber ein Testergebnis steht noch aus. Getrennt von seinen Eltern muss es allein ums Überleben kämpfen.

Viele Menschen in Guinea nennen Ebola die „böse Krankheit“ - nicht nur, weil die meisten Infizierten sterben, sondern auch, weil das Virus die zwischenmenschlichen Beziehungen zerstört. 

Ist ein Krankenhausaufenthalt für ein Kind ohnehin eine beängstigende Erfahrung, kann die Einlieferung in ein Ebola-Behandlungszentrum zum Trauma werden: Der Kontakt zur Außenwelt erfolgt ausschließlich durch Mediziner in Schutzanzügen. Es gibt keine Berührungen von Haut zu Haut, Gesichter verschwinden hinter dicken Schutzbrillen, doppelschichtige Masken erschweren zusätzlich die Kommunikation.

„Die Kinder weinen viel. Es ist angsteinflößend für sie, wenn Leute in Astronauten-Anzügen auf sie zukommen. Sie verstehen das nicht“, sagt Ibrahim Bah vom Donka-Krankenhaus in der Hauptstadt Conakry. „Wir spielen mit ihnen und versuchen, sie zum Lachen zu bringen, damit sie verstehen, dass wir keine Monster sind.“
Guineas Ebola-Zentren sind in provisorischen Zelten untergebracht, Klimaanlagen gibt es dort nicht. In der Region herrschen im Jahr durchschnittlich Temperaturen von 29 Grad. Wegen der Hitze und Feuchtigkeit können die Ärzte nur bis zu 90 Minuten in voller Schutzmontur bleiben, das Personal muss sich ständig abwechseln. Das erschwert den Beziehungsaufbau zu den Kindern zusätzlich.

„Wir versuchen ständig, uns etwas Kreatives einfallen zu lassen, um das zu bewältigen“, sagt Julia Garcia, die für Ärzte ohne Grenzen in Guéckédou arbeitet. Jedes Mal, bevor ihre Schicht beginnt, stellt sie Sichtkontakt mit den Kindern her, die stark genug sind, um in der Besuchszone des Behandlungszentrum umherzugehen. Sie vereinbart ein Handsignal, mit dem sie sie auch im Schutzanzug wiedererkennen. „Manchmal singe ich ihnen Lieder vor, aber das ist kompliziert, weil es schwer ist, unter den Masken zu atmen“, erzählt Garcia.

Die Weltgesundheitsorganisation registrierte bis zum 23. Oktober über 1550 Ebola-Fälle in Guinea. Wie viele Kinder darunter sind, ist unbekannt. Eines aber ist sicher: Kinder und vor allem Babys haben nur geringe Chancen, Ebola zu überleben. Ihr Immunsystem ist wesentlich schwächer als das von Erwachsenen.

Die zwölfjährige Rosaline Koundiano aus Guéckédou ist eine Ausnahme. Sie überlebte als eines der ersten Kinder den jetzigen Ebola-Ausbruch. Sie hatte sich angesteckt, als sie im Februar half, ihre kranke Großmutter zu pflegen. Tagelang wischte sie Erbrochenes und Blut auf, reinigte die Bettwäsche der alten Frau. Kurz nach deren Beerdigung fühlten sich Rosaline und ihre Mutter krank.

Im Behandlungszentrum erwies sich das Kind als die stärkere der beiden: „Ich brachte meiner Mutter Wasser zum Waschen. Ich stellte sicher, dass sie etwas isst. Ich nahm sie für einen kleinen Spaziergang an die Hand, so dass sie den Himmel sehen konnte“, erinnert sich das dünne Mädchen mit der sanften Stimme.

Einen Monat später waren beide geheilt. Aber in der Zwischenzeit waren zehn Mitglieder ihrer Familie an Ebola gestorben. Als Rosaline nach Hause kam, war sie am Boden zerstört - und wurde von Freunden und Nachbarn gemieden. Das Zertifikat, das belegt, dass sie virusfrei ist, half wenig. Erst Wochen später spielten Freunde wieder mit ihr.
Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef sind mindestens 5000 Kinder in Guinea direkt von Ebola betroffen, in medizinischer oder psychosozialer Hinsicht. „Ebola hat die ohnehin schon extrem schwierige Situation, in der Kinder in Guinea leben, verschärft. Es ist schwer, das mit anzusehen“, sagt Unicef-Mitarbeiter Fassou Isidore Lama. Rund 1000 Kinder hätten ein oder beide Elternteile an Ebola verloren. Die Angst vor einer Ansteckung bedeute für viele - selbst die negativ Getesteten - dass sie im Stich gelassen würden.

Ein solcher Fall ist die 18 Monate alte Yawa, ein süßes Mädchen mit großen Augen und Pausbacken. Vor zwei Monaten kam sie mit ihrer Mutter ins Ebola-Zentrum in Guéckédou. Weil ihre Mutter Symptome aufwies und Yawa gesund war, wurden sie getrennt. Das Kleinkind ist nun in einer Krippe neben dem Krankenhaus untergebracht, wo immune Ebola-Überlebende für sie sorgen. Denn als die Mutter starb, wies der Vater das Mädchen aus Angst vor einer Ansteckung zurück.

Ein Psychologenteam versucht die Familie seit Wochen zu überzeugen, das Kind wieder zu sich zu nehmen. Aber dieser Prozess verläuft schleppend. „Es ist eine humanitäre Katastrophe“, sagt Lama.

dpa

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Mehr zum Thema
Panorama Forderung: Eine Million Euro - Erpresser drohen Tschechien mit Ebola-Virus

In Afrika leiden Tausende unter der Ebola-Epidemie. Ängste vor einer Ausbreitung haben in Europa nun skrupellose Kriminelle auf den Plan gerufen. Erpresser forderten von Tschechien eine Million Euro.

27.10.2014

Nigerias Regierung verkündete eine Waffenruhe mit der Miliz Boko Haram. Doch der Terror hält an. Und in der Nachbarschaft tobt weiter das Ebola-Fieber. Außenminister Steinmeier und sein Kollege Fabius zu Besuch an einem Ort mit vielen Problemen.

27.10.2014

Übereifer oder Prävention? Im Kampf gegen Ebola treffen Länder auch außerhalb Afrikas Vorsichtsmaßnahmen an Flughäfen. Weltweit rüsten sich bereits viele Länder auf ihren Flughäfen gegen den Ebola-Erreger.

24.10.2014

Viele Bundesbürger fühlen sich durch den Gebrauch eines Duftes gepflegter, attraktiver und selbstbewusster. Dabei ist für die Deutschen Vielfalt beim Parfüm Trumpf. Doch der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist beträchtlich.

27.10.2014

Der private Raumfrachter „Dragon“ ist nach seinem mehrwöchigen Besuch bei der Internationalen Raumstation ISS zur Erde zurückgekehrt. Der Transporter war am 21. September in Cape Canaveral (Florida) zu seinem bereits vierten Versorgungsflug gestartet.

26.10.2014
Wissen Zum Mond und zurück - China testet neue Rückkehrkapsel

China greift nach den Sternen. Mit großen Schritten treibt Peking sein Raumfahrtprogramm voran. Eine Rückkehrkapsel soll künftig eine Sonde zum Mond und zurück bringen. Der Start der Testmission glückte.

25.10.2014
Anzeige