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Krabben sterben, Seelöwen hungern, Wälder brennen

El Niño schlägt zu Krabben sterben, Seelöwen hungern, Wälder brennen

El Niño ist schon im Gange. Höhere Temperaturen im Pazifik sorgen in Südostasien für Dürren und Waldbrände. Experten warnen: Es könnte noch schlimmer werden als in der verheerenden Saison 97/98.

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Tausende tote Krabben liegen an einem Strand in Kalifornien.

Quelle: dpa

Bangkok. Millionen tote Krabben bedecken Strände in Kalifornien. Ausgemergelte Seelöwenbabys stranden dort in großer Zahl. In Indonesien brennen Tropenwälder. Experten machen dafür das Klimaphänomen El Niño verantwortlich - die Erwärmung des Oberflächenwassers im tropischen Pazifik. Das passiert alle paar Jahre und bringt Wind und Wetter in weiten Teilen der Erde massiv durcheinander. Dieses Mal sind die Prognosen besonders alarmierend.

"Wir rechnen mit 60-prozentiger Wahrscheinlichkeit damit, dass El Niño in diesem Jahr stärker wird als 1997/98", warnt Hilda Carr vom Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersagen (EZMW). Schon der El Niño von 1997/98 galt als folgenschwerste in 100 Jahren. Die Bilanz: Massive Ernteausfälle, 33 Milliarden Dollar (30 Milliarden Euro) Schaden weltweit und 23 000 Todesfälle durch Katastrophen. Zu allem Überfluss fiel die Dürre auch noch mit der Finanzkrise in Asien zusammen. Nahrungsmittelknappheit stürzte Millionen Menschen ins Elend.

Die US-Klimabehörde NOAA sieht es ähnlich wie die EZMW. Nach ihren Berechnungen könnte der diesjährige El Niño einer der stärksten seit dem Beginn der exakten Aufzeichnungen im Jahr 1950 werden.

El Niño stellt die gewöhnlich vorherrschenden Wetterbedingungen im äquatornahen Pazifik auf den Kopf. Winde treiben die feuchte Luft nicht wie sonst nach Australien und Südostasien, sondern vermehrt nach Osten - an die amerikanische Westküste. Gleichzeitig bleibt dort das kalte und fischreiche Wasser aus der Südpolarregion aus.

Die Krabbenflut an kalifornischen Stränden erklären Wissenschaftler damit, dass das ungewöhnlich warme Wasser die Tiere vermutlich in unbekannte Meeresregionen treibt. Die Seelöwenbabys hungern offenbar, weil Beutetiere wie Tintenfische und Sardinen fortziehen. Betroffen von El Niño sind vor allem die Westküste Südamerikas sowie Ostaustralien und Südostasien.

Auch, wenn man das angesichts der jüngsten Überschwemmungen von Indien über Myanmar bis Vietnam nicht meinen sollte: Weil die aus dem Pazifik kommende Feuchtigkeit mehrheitlich über Südamerika abregnet, fehlt Regen. Schwere Dürren sind die Folge.

Die Philippiner, erst 2013 von dem gewaltigen Taifun "Haiyan" mit mehr als 7000 Toten getroffen, müssten sich in diesem Jahr auf noch gewaltigere und unberechenbarere Taifune als sonst einstellen, warnt die nationale Wetterbehörde Pagasa. "Wir rechnen mit einem Einbruch der Reisernte um 43 Prozent", sagt der Vize-Chef des thailändischen Büros für Agrarökonomie, Kanit Likhitvidhayavuth. Indien erwartet mindestens 15 Prozent weniger Regen im September.

Der riesige Inselstaat Indonesien, mehr als 5000 Kilometer in Ostwestausdehnung entlang des Äquators, rechnet mit dem Schlimmsten. "Die Regierung geht davon aus, dass 200 000 Hektar Felder ausdörren und ein bis zwei Millionen Tonnen weniger Reis geerntet werden", sagt Herry Purnomo vom Waldforschungszentrum (Cifor). "Das ist optimistisch, wir rechnen mit doppelt so hohen Schäden." 1997/98 lag der Ernteausfall bei 3,5 Millionen Tonnen Getreide.

Eine Hiobsbotschaft ist El Niño aber vor allem für die Tropenwälder. "Die Gefahr ist groß, dass ab September, Oktober unkontrollierte Megabrände Millionen Hektar Naturwald auf Sumatra und Borneo vernichten, wie 1983 oder 1997/98", sagt der Cifor-Landschaftsökologe David Gaveau. Damals gingen schätzungsweise fünf Millionen Hektar Wald in Flammen auf - eine Fläche größer als die gesamte Schweiz.

Obwohl es verboten ist, fackeln dort jedes Jahr Bauern und vor allem Agrarkonzerne riesige Flächen ab. Wenn die Torfmoorböden auf den Inseln Sumatra und Borneo aber wie jetzt besonders ausgetrocknet sind, droht es dort wochenlang und metertief zu brennen. Eine einzige Provinz auf Sumatra, Riau, verzeichnet nach Angaben von Purnomo in jedem normalen Jahr schon Schäden von 1,3 Milliarden Euro. "Durch El Niño könnte das dieses Jahr doppelt so hoch liegen."

"Präsident Joko Widodo hat angeordnet, dass kleinste Brände sofort gelöscht werden", sagt Präsidentensprecher Teten Masduki. Die Katastrophenbehörde habe Geld für Löschflugzeuge und Chemikalien bereitgestellt, um Wolken künstlich zum Abregnen zu bringen, sagt der Sprecher der Behörde für Katastrophenschutz, Sutopo Nugroho.

Das hält Waldbrand-Spezialist Robert Field vom amerikanischen Goddard-Institut für Weltraumstudien für fragwürdig. "Um es vorsichtig auszudrücken: Das ist nicht gerade eine Methode, die zur Brandbekämpfung anerkannt ist", meint er. "Vielmehr hätte man frühzeitig Aufklärungskampagnen gegen Brandrodung gebraucht, und man hätte alternativ Gerät zur Landräumung besorgen müssen."

Die Chefin der Klimaabteilung in der indonesischen Wetterbehörde, Noer Nurhayati, sieht dagegen auch eine positive Seite an El Niño: Das wärmere Wasser treibe dort mehr Fische an die Oberfläche, Fischer machten größere Fänge.

dpa

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