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00:15 17.03.2016
Mehr als die Hälfte der Deutschen nehmen sich vor allem zum Jahresbeginn vor, an Gewicht zu verlieren. Quelle: Jens Kalaene/dpa
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Hannover

Na, mal wieder zu viele Kekse gefuttert und zu wenig rausgekommen? Sollte der Punkt "Abnehmen" fett unterstrichen auf der persönlichen To-do-Liste stehen, befindet man sich in guter Gesellschaft: Einer repräsentativen Umfrage des Ernährungsportals www.nu3.de zufolge nehmen sich mehr als die Hälfte der Deutschen vor allem zum Jahresbeginn vor, an Gewicht zu verlieren. Gut die Hälfte versucht weniger zu essen und mehr als jeder Vierte verlässt sich auf die Wirkung von Abnehmdrinks.  

Derartige Formulaprodukte reihen sich zu Dutzenden in den Regalen von Reformhäusern, Drogerien und Apotheken. Sie tragen vielversprechende Namen wie Multan figur-former, Slim Fast und Body Attack und bestehen meist aus Soja- und Milcheiweiß. Mit Milch oder Wasser vermischt ergeben sie sättigende Shakes, die ganze Mahlzeiten ersetzen sollen. Da sie nur wenig Fett enthalten, lassen sich so weniger Kalorien aufnehmen als mit gewöhnlicher Kost. Die Folge: Der Körper verliert an Gewicht.

Geschäft mit Schlankheitsmitteln boomt

Das Geschäft mit Schlankheitsmitteln boomt. Nach Angaben von IMS Health werden jedes Jahr Produkte im Wert von knapp 140 Millionen Euro verkauft. Mit einem Marktanteil von etwa 50 Prozent unangefochten auf Platz eins liegt Almased. Mitte der Achtzigerjahre als Kur entwickelt, um den Stoffwechsel anzuregen, bemerkten Kunden bald einen positiven Nebeneffekt: Das Pulver half beim Abnehmen. Auf der Internetseite des Herstellers erzählen Kunden ihre ganz persönliche Diätgeschichte, so wie Miriam B.: "Ich fühle mich so gut wie nie."

Innerhalb von sieben Monaten habe sie ihr Gewicht halbiert. Dagmar K. berichtet vom "Sprung in mein neues Leben". Nun trage sie Kleidergröße 38 statt 54. Die Geschichten sind dem Unternehmen zufolge echt. Allerdings musste sich Almased in der Vergangenheit mehrmals wegen unzulässiger Werbeversprechen vor Gericht verantworten.

Für das Verbrauchermagazin "Ökotest" wurden 16 Formulaprodukte getestet, gleich zwölf davon fielen durch. "Ungenügend" lautete das ernüchternde Fazit der Tester. Ein Hauptgrund für das schlechte Abschneiden vieler Shakes bei Öko-Test waren nach Angaben der Tester "zu wenig anwendungsorientierte Hinweise, dafür aber jede Menge Werbesprüche". Viele Hersteller dagegen sehen das anders, Almased beispielsweise verweist auf den ausschließlichen Verkauf seiner Produkte in Apotheken, in denen eine fachliche Beratung gewährleistet sei.

"Ich halte Formuladiäten für begrenzt sinnvoll"

Auch Experten bleiben skeptisch, wenn es um Diätmittel geht. "Ich halte Formuladiäten für begrenzt sinnvoll", sagt beispielsweise Sandra Gärtner, Diätassistentin in Berlin. Wenn jemand bei der Gewichtsabnahme einen raschen Erfolg brauche, könne man mit Abnehmdrinks nachhelfen. Langfristig Mahlzeiten durch Eiweißshakes zu ersetzen, sei aber der falsche Ansatz: "Formuladiäten verhindern, dass ich mich mit meinen Essgewohnheiten auseinandersetze. Wer nach einer bestimmten Zeit anfängt wieder normal zu essen, der nimmt auch wieder zu."

Das Unternehmen Almased allerdings gibt an, seine Produkte gezielt auf diese erste Phase der Gewichtsreduktion und nicht für den Gebrauch über einen längeren Zeitraum zugeschnitten zu haben. "Wir weisen unsere Kunden darauf hin, dass Almased nur für den kurzfristigen Einsatz zu Beginn einer Diät gedacht ist und es für einen langfristigen Diäterfolg einer Ernährungsumstellung in Verbindung mit Sport bedarf", sagt Sprecher Klaus Kocks.

Zucker steht in der Kritik

Auch der Zucker auf der Zutatenliste steht in der Kritik: Im November vergangenen Jahres haben Experten der Verbraucherzentrale Niedersachsen zehn Formuladiätpulver auf ihren Zuckergehalt getestet, zu dem sie auch Honig und Milchzucker zählten. Am meisten Zucker steckt den Ergebnissen der Tester zufolge im Produkt Slim-Fast Milchshake-Pulver Vanille, das reine Pulver bestehe zur Hälfte aus Zucker. Ähnlich schlecht schneiden im selben Test die Abnehmdrinks Almased und eine günstigere Alternative aus dem Drogeriemarkt ab: Rund 30 Gramm Zucker stecken in zwei 325-Milliliter-Portionen – so viel wie in einem Schokoriegel. Nur drei der zehn geprüften Diätpulver halten den Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation ein, die weniger als fünf Prozent Zuckerzufuhr bei zwei Portionen am Tag empfiehlt. "Produkte, die zur Hälfte aus Zucker bestehen, sind für eine Diät nicht empfehlenswert", sagt Anneke von Reeken, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale.

Almased begründet den Zuckergehalt seiner Produkte auf Anfrage damit, dass dieser Teil der Energie den Stoffwechsel anrege, der wiederum das Abnehmen unterstütze. Slim Fast bezieht sich auf den Energiebedarf des Körpers, will aber dennoch reagieren. "Im April dieses Jahres wird Slim Fast sowohl Pulver, als auch Fertiggetränke mit 30 Prozent weniger Zucker auf den Markt bringen. 100 Milliliter der fertigen Slim-Fast-Mahlzeit Vanille werden dann noch 7,7 Gramm Zucker enthalten", heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens. Bisher enthalten 100 Milliliter Slim Fast je nach Produkt und Packungsangaben 7,9 bis 11,1 Gramm Zucker.

Dauerhafter Verzehr geht ins Geld

Die Verbraucherschützer monieren zudem die Kosten von Diätdrinks: Je nach Bezugsquelle reiche die Preisspanne der Eiweiß-Shakes von 60 Cent bis knapp zwei Euro pro Portion. Bei dauerhaftem Verzehr, der allerdings nicht empfohlen wird, kann das schnell ins Geld gehen.

In der Sprechstunde von Sandra Gärtner erleben Patienten immer wieder ein Aha-Erlebnis. Anstatt willkürlich Kalorien zu reduzieren oder auf einzelne Komponenten wie Fleisch oder Kohlenhydrate zu verzichten, legt die Ernährungsberaterin den Fokus auf den Wert einer Mahlzeit: Gemeinsam kochen, mit der Familie zusammensitzen und am Ende gesättigt und zufrieden zu sein.

Und: Anstatt sich von Häppchen zu Häppchen zu hangeln, solle man sich lieber satt essen und nach einer Mahlzeit länger pausieren. Zur richtigen Zusammensetzung der einzelnen Mahlzeiten gehöre ausreichend Bewegung. Und: „Viele Patienten schreiben ihre Misserfolge beim Abnehmen ihrer mangelnden Selbstbeherrschung zu und reflektieren einfach nicht, dass es vielleicht die falsche Methode war.“

"Zucker gibt den Geschmack"

Nachgefragt bei Anneke von Reeken, Ernährungsexpertin bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen.

Was macht Formulaprodukte für Diätwillige so attraktiv?
Die Produkte ersetzen einfach und schnell eine oder sogar alle Mahlzeiten am Tag. Im Alltag lässt sich dies leichter umsetzen als herkömmliche Diäten. Rezepte suchen, kochen und kompliziertes Kalorienzählen fallen weg. Außerdem verliert man wegen der niedrigen Kalorienzufuhr deutlich schneller an Gewicht.

Worauf muss man beim Kauf achten?
Es ist empfehlenswert, einen Blick auf die Nährwertangaben auf der Rückseite zu werfen. Der Zuckergehalt pro Portion oder 100 Gramm sollte angegeben sein. Tendenziell gilt: Je mehr Zucker im Produkt enthalten ist, desto weniger Protein ist drin und umgekehrt.

Zucker gilt als „Dickmacher“. Warum enthalten viele Formulaprodukte dennoch bis zu 50 Prozent Zucker?
Fakt ist: Zucker schmeckt und wird oft als Geschmacksgeber eingesetzt. Formuladiäten bestehen unter anderem aus einer Eiweißkomponente, die aus Milch- oder Sojaprotein stammt. Das Pulver ist nicht gerade schmackhaft. Mit Zucker und Aromen schmeckt der Diätshake aber wie ein Frucht- oder Schokoshake. Außerdem ist Zucker preiswert. Wenn ein Diätpulver zur Hälfte aus Zucker besteht und die Dose 20 Euro kostet, rentiert sich das für den Hersteller.

Für welche Phase der Gewichtsreduktion eignen sich Diätshakes überhaupt?
Sinnvoll ist es, diese in der Startphase einzusetzen. Durch die geringe Kalorienzufuhr kann eine schnelle Gewichtsabnahme erfolgen und so die Motivation gesteigert werden.

Was ist denn die effektivste Alternative zur Formuladiät?
Eine kalorienreduzierte ausgewogene Ernährung mit drei bis fünf Mahlzeiten am Tag. Ein langfristiger Erfolg kann nur erzielt werden, wenn man sich mit der Zubereitung der Mahlzeiten und bedarfsgerechter Ernährung auseinandersetzt. Dabei kann der Austausch mit Gleichgesinnten in einer Abnehmgruppe sehr hilfreich sein und einen langfristigen Diäterfolg deutlich verbessern.
Interview: Carolin Burchardt

Von Alena Hecker

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