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Forscher hilft Graugänsen beim Fliegen

Abheben für die Wissenschaft Forscher hilft Graugänsen beim Fliegen

Mit einer Hupe und einem Ultraleichtflugzeug unterstützt Michael Quetting junge Graugänse beim Fliegenlernen. Denn die Tiere sollen mit Hilfe von Sensoren fleißig Daten sammeln - das könnte aus Sicht des Forschers sogar bei der Wettervorhersage helfen.

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Mit Schwung abheben: Michael Quetting bringt Graugänsen das Fliegen bei.

Quelle: Patrick Seeger/dpa

Radolfzell. Als die Hupe ertönt, bricht Aufregung unter den jungen Graugänsen aus. Schnell watscheln sie zu dem kleinen Ultraleichtflugzeug, das auf der Startbahn auf sie wartet. Der Motor geht an, der Propeller dreht sich - und wenige Sekunden später folgen Nemo, Nils, Gloria, Calimero und Maddin dem Flieger in die Luft. Der Sinn der Übung: Michael Quetting vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee bringt den Vogelkindern das Fliegen bei. Im Gegenzug sammeln sie über Sensoren fleißig Daten für ihn. "Klappt schon gut", sagt Quetting, als er nach ein paar Minuten mit seiner Gänseschar wieder am Boden gelandet ist. "Nur das Fliegen in der Formation müssen wir noch trainieren."

Seit April kümmert sich der biologisch-technische Assistent um die kleinen Graugänse. Noch im Ei wurden sie für das Experiment aus zwei Nestern gesammelt und ausgebrütet. Schon vor dem Schlüpfen hat Quetting die Tiere auf sich geprägt: Ein Lautsprecher am Brutkasten spielte jeden Tag eine halbe Stunde lang das Tröten der Hupe, Propellergeräusche des Ultraleichtflugzeugs und Quettings Stimme ab - er las den Gänsekindern aus "Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen" vor. Seit dem Schlüpfen ist er ihr Gänsevater - zunächst watschelten sie ihm bloß hinterher, seit den regelmäßigen Übungsflügen folgen sie ihm auch in der Luft.

Quetting ist nicht der erste Forscher, der Vögel auf sich prägt: Der österreichische Verhaltensforscher Konrad Lorenz (1903-1989) hatte beispielsweise schon früher eine Gruppe Graugänse nach der Geburt an sich gewöhnt - so dass die Gänse glaubten, er sei das Muttertier. Auch geflogen wird mit Vögeln schon länger: 2007 führten Forscher junge Waldrappe mit Ultraleichtflugzeugen rund 1000 Kilometer bis in ihr Winterquartier in der Toskana. Die Reise in den Süden war Teil eines Projekts des österreichischen "Waldrappteams", das den im 17. Jahrhundert in Europa ausgestorbenen "Europäischen Ibis" (Geronticus eremita) in der Alpenrepublik wieder ansiedelt.

Quettings Ziel ist es allerdings, mit Hilfe der Tiere sogenannte Biosensoren zu nutzen. Diese hochauflösenden GPS-Logger, die die Graugänse auf dem Rücken tragen, können in der Sekunde 20 Datensätze erfassen. Damit lässt sich das Flugverhalten der Vögel noch genauer erforschen - etwa die Frequenz und Schwingungsweite ihrer Flügelschläge. Die Daten werden nach dem Flug ausgewertet - das ist auch der Grund, weshalb für das Experiment zahme Gänse gebraucht werden. "Bei wilden Vögeln kämen wir nicht an die Daten", sagt Quetting. "Der Akku der Sensoren hält auch nur zwei Stunden."

Langfristig kann der 41-Jährige sich vorstellen, dass etwa Wetterdienste an den Daten interessiert sein könnten. Denn diese liefern auch Informationen über die Umgebung, in der die Gänse unterwegs sind - etwa über die Windverhältnisse und die Temperatur.

Beim Deutschen Wetterdienst (DWD) bleibt man allerdings ein wenig zurückhaltend: Momentan gebe es keine Planungen, mit Sensoren bestückte Tiere einzusetzen, sagt ein DWD-Sprecher. Stattdessen setze man künftig eher auf ein noch engeres Netz von Satelliten - so könnten beispielsweise Satelliten für die Erdbeobachtung quasi als Nebeneffekt auch meteorologische Informationen liefern.

Nemo, Nils, Gloria, Calimero und Maddin lässt die Debatte um die Sensoren kalt: Die fünf Graugänse sehen nach der Flugstunde etwas müde aus, sie lassen sich ohne große Mühe wieder in den Käfig locken. "Wir fliegen momentan so drei oder vier Kilometer", sagt Quetting. Danach geht es mit ihrem "Papa" wieder zurück in den Auslauf beim Max-Planck-Institut - zum Kuscheln, Schwimmen, Futtern. "Gänse-Socialising", nennt Quetting das.

Bis Oktober wird er mit den Tieren fliegen - dann sollen die Vögel ausgewildert werden. Und wenn er sie in ein paar Jahren wiedertrifft? Würden sie ihn noch erkennen? "Ja", sagt Quetting. "Sie würden vielleicht nicht mehr ganz so nah an mich rankommen." Ihr "Gänsepapa" bleibt er aber ihr Leben lang - also bis zu 17 Jahre.

dpa

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