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Mann tötet seltenen Vogel – für die Forschung

Kollegen sind entsetzt Mann tötet seltenen Vogel – für die Forschung

Ein Forscherteam entdeckt einen seltenen Eisvogel, der 60 Jahre nicht mehr gesehen wurde – und tötet ihn für die Wissenschaft. Experten sind bestürzt.

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Erstmals gelang ein Foto eines männlichen Exemplars des Schnurrbärtigen Eisvogels – anschließend tötete der Forscher Christopher Filardi das Tier. Zu Forschungszwecken.

Quelle: Rob Moyle/University of Kansas

Hannover. Lange, lange galt er als verschollen. Zuletzt ließ sich der Schnurrbärtige Eisvogel vor 60 Jahren blicken. Damals wurden nur Weibchen gesichtet, ein männliches Exemplar hat noch kein Mensch gesehen – bis vor wenigen Tagen. Der Forscher Christopher Filardi hatte Glück, entdeckte den farbenfrohen Eisvogel namens Actenoides bougainvillei excelsus in den Hochebenen von Guadalcanal auf den Salomonen (bei Papua-Neuguinea), fotografierte ihn, um ihn kurz darauf im Namen der Wissenschaft zu töten. Morden fürs Museum? Ein weltweiter Aufschrei von Naturschützern, Wissenschaftlern und Vogelliebhabern ist seitdem zu hören, Filardi verteidigt sein Vorgehen in einem Artikel.

Viele Vogelarten, die als verschollen gelten oder über die man wenig weiß, sind eher klein, farblos, verstecken sich im Unterholz und sind nachtaktiv. Nicht so der Eisvogel. Er sieht aus wie ein plüschiges knopfäugiges Kuscheltier, ist relativ groß, prächtig orange-blau gefärbt und hat einen lauten Ruf. Außerdem trägt er Schnurrbart. Dennoch wusste die Wissenschaft wenig von ihm, Forscher bezeichnen das Tier daher als "Gespenst", das sich nicht zeigen will.

Suche nach einem Geist

In den Museen dieser Welt existieren nur drei weibliche Exemplare, die in den 1920er- und 1950er-Jahren gesammelt worden waren. Und nur einmal gelang es tatsächlich, die Art in freier Natur zu beobachten. Aber auch das ist schon lange her.

Das Expeditionsteam um Christopher Filardi vom American Museum of Natural History in New York ist ihm nun auf die Spur gekommen, obendrein auch noch einem Männchen. Die Wissenschaftler drangen ins dicht bewaldete Hochland der Pazifikinsel vor. Kein leichtes Unterfangen, selbst Einheimische wagen sich nur selten in die unwirtlichen Bergwälder. Hier ist es nicht ungewöhnlich, dass seltene Tierarten wie der Eisvogelverwandte vorkommen, deshalb soll nun das Hochland zum Schutzgebiet erklärt werden.

Forscher rechtfertigt sich

Filardi ist nach eigenen Worten schon seit 20 Jahren unterwegs, um die "Geister" zu finden, so nennt er die äußerst seltene Vogelart. "Unser Tonmann Frank Lambert hat den Vogel als Erster entdeckt und mich gerufen. Da, in einiger Entfernung, Schwanz aufgeplustert, in Alarmbereitschaft, in kräftigen Farben, war er, saß er, der Schnurrbärtige Eisvogel. Dann, wie ein Geist, war er verschwunden", schreibt der Forscher euphorisch.

Weiter erklärte er der Plattform yahoo.com, dass sie Netze aufstellen mussten, in der Hoffnung, den Vogel so fangen zu können. Dies gelang auch: "Es ist, als wäre man auf der Suche nach einem Einhorn." Plötzlich sei der so lange gesuchte Vogel lebendig vor ihm gewesen, "wie ein Mythos, der zum Leben erwacht". Mit dem Leben war es allerdings schnell vorbei – erst wurden vielen Fotos, dann dem Tierleben ein Ende gemacht.

Kollegen kritisieren ihn

Filardi selbst ist der Meinung, dass das die "normale Vorgehensweise" sei, wenn etwas Seltenes gefunden werde. Man müsse, so der Wissenschaftler, diese Entdeckungen sammeln, genau untersuchen und dann ausstellen. Anhand des ersten männlichen Eisvogels mit Schnauzer weltweit habe man jetzt Proben, Federn und vor allem Fotos.

Auch wenn das Töten neu entdeckter Arten tatsächlich eine übliche Vorgehensweise ist, verurteilen viele Kollegen Filardis Entscheidung: "Töten im Namen der Artenerhaltung, im Namen der Bildung oder was auch immer muss ganz einfach aufhören", meldet sich Marc Bekoff, emeritierter Biologieprofessor aus Colorado, zu Wort.

Risiko des Aussterbens

Wissenschaftler aus den USA und Großbritannien plädieren schon seit Längerem dafür, Arten anders zu dokumentieren – etwa durch Fotos, Tonbandaufnahmen oder DNA-Proben. Das Einsammeln von Exemplaren steigere gerade bei kleinen und isoliert lebenden Populationen das Risiko des Aussterbens und sei heutzutage nicht mehr notwendig.

Oft reiche es, die Tiere mit dem Smartphone abzulichten, zu filmen und ihre Laute aufzunehmen. "Solche nicht tödlichen Techniken wurden erfolgreich zur Identifizierung des Vogels Liocichla bugunorum genutzt, einer Art, die 2006 in Indien neu entdeckt wurde", schreiben amerikanische Biologen im Fachmagazin "Science".

Vom knuddeligen Eisvogel soll es nach Expertenschätzungen noch mehrere Tausend Exemplare geben. Doch wer weiß das schon? Gespenster zeigen sich schließlich nicht gerne.

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