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Ist das noch Gentechnik?

Crispr ermöglicht einfache Manipulation Ist das noch Gentechnik?

Äußerlich sind genetisch verändertes Obst und Getreide nicht mehr von normalen Züchtungen zu unterscheiden. Ist das dann noch Gentechnik? Die Industrie meint: Nein. Gentechnik-Gegner sind alarmiert.

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Ein Produkt der Wissenschaft, ein Produkt der Natur? Neue Techniken erlauben Genveränderungen, die sich von natürlichen nicht mehr unterscheiden.

Quelle: iStock

Eine Rübe, die sich selbst gegen Bakterien schützt, Weizen und Mais, denen kein Pilz etwas anhaben kann, Apfel- oder Birnbäume, die von ganz allein resistent gegen jeden Pilz sind – das ist schon immer der Traum von Pflanzenzüchtern. Sie könnten auf Pestizide verzichten, Umwelt und Klima würden weniger belastet, Ernteerträge würden steigen und den weltweit wachsenden Bedarf an Nahrungsmitteln decken.

Der Traum könnte bald wahr werden, jedenfalls wenn man den Saatgutherstellern glaubt. In der Pflanzenzüchtung bahnt sich eine Revolution an. Mit neuen gentechnischen Methoden kann einer Pflanze punktgenau eine gewünschte Eigenschaft „angezüchtet“ werden.

Die knapp zwei Jahre junge Gentechnik mit kryptischen Bezeichnungen wie Zinkfinger, Talen und Crispr/Cas9 versetzt die Forscher in den Saatgutfirmen rund um den Globus in Aufbruchstimmung. „Das Genome Editing, wie die molekularbiologischen Methoden genannt werden, ist der Durchbruch zu effizienter und vor allem schnellerer Züchtung neuer Sorten“, erklärt Léon Broers, für Forschung und Züchtung zuständiges Vorstandsmitglied beim Einbecker Saatgutkonzern KWS. Bislang dauere die Entwicklung einer neuen Sorte bis zur Marktreife zehn bis 15 Jahre, künftig könne der Innovationszyklus um zwei Jahre verkürzt werden – was Kosteneinsparungen in Millionenhöhe bedeutet.

Noch gibt es zumindest hierzulande keine „Designerpflanzen“ auf dem Markt. Aber alle Saatgutproduzenten arbeiten mit Hochdruck daran. Die Saaten-Union in Isernhagen, Vertriebsfirma von sieben mittelständischen Züchtern, hat sogar zusätzliche Forscher eingestellt, wie Jon Falk berichtet. Er ist Geschäftsführer der Tochter Saaten-Union Biotech in Leopoldshöhe, dem Zentrallabor der Gesellschafter. Getüftelt wird laut Falk an neuen Anwendungen, um im Wettbewerb vorne dabei zu sein.

Kandidatinnen für den Nobelpreis

Sie gelten als Entdeckerinnen der Crispr/Cas-Technik, einer molekularbiologischen Methode, die die Medizin revolutionieren könnte: die Französin Emmanuelle Charpentier und die Amerikanerin Jennifer Doudna. Ihnen gelang es, das genchirurgische „Werkzeug“ zu entwickeln, das so einfach, punktgenau und damit effizient ist, dass es von den Forschern im Labor kinderleicht angewendet werden kann und wird. Dank der beiden Wissenschaftlerinnen ist es möglich, das Erbgut von Menschen, Tieren und Pflanzen gezielt zu verändern. Verglichen mit den bisherigen Techniken gilt Crispr/Cas als größter Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte. Deshalb knüpfen sich große Hoffnungen daran: Mit dem neuen Genwerkzeug wächst die Chance, Erbkrankheiten oder auch Krebs wirksam zu bekämpfen. Die beiden Wissenschaftlerinnen, die bereits mit Preisen überhäuft worden sind, werden nun auch für den Nobelpreis gehandelt. Die Mikrobiologin Charpentier hatte bis vor Kurzem einen Lehrstuhl an der Medizinischen Hochschule (MHH) in Hannover inne und leitete zugleich eine Forschungsabteilung am Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, das eng mit der MHH zusammenarbeitet. 2015 wechselte Charpentier an das Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin.

Crispr funktioniert kinderleicht –sagen die Forscher

„Wir sind noch in der Forschungsphase“, sagt auch Markus Niessen, der den Bereich Molekulare Technologien bei KWS leitet. Dennoch haben die Einbecker bereits Patente für eigene Anwendungen angemeldet, vor allem für Crispr (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats), wo die Saatgutfirmen „gigantische Möglichkeiten“ sehen. Crispr ist der Shootingstar unter den neuen Techniken – und diese Methode ist nach Aussage der Forscher praktisch kinderleicht und billig dazu.

Vereinfacht ausgedrückt führt Crispr das Enzym Cas9 an eine vordefinierte Stelle der DNA, dann schneidet das Enzym quasi als molekulare Schere die DNA, schaltet „punktgenau“ ein unerwünschtes Gen ab und löst damit die gezielte Veränderung der Erbinformation aus. Der Eingriff ins Erbgut sei, versichern die Saatguthersteller, so präzise und sicher, dass eine künstlich erzeugte Mutation nicht von einer natürlichen zu unterscheiden sei. Die „Wunderpflanze“ aus dem Labor könnte mithin ebenso gut ein „Produkt“ der Natur sein.

Das ist der entscheidende Unterschied zur grünen Gentechnik der vergangenen Jahrzehnte: Damit wurden vor allem artfremde Gene ins Genom eingeschleust, um Pflanzen resistent gegen Schädlinge zu machen. Das heißt, Unkräuter werden mit Pestiziden weggespritzt, ohne dass die Genpflanze geschädigt wird. Allerdings war die alte Gentechnik oft fehlerhaft. Vor allem aber entwickeln die Schädlinge schnell Resistenzen gegen Unkrautgifte, noch mehr Pestizide müssen gespritzt werden und gefährden Gesundheit und Umwelt.

Gentechnik beschert Konzernen Milliardengeschäft

Trotzdem wuchs vor allem in den USA, Brasilien und Argentinien der Anbau von genmanipulierten Zuckerrüben, Soja und Mais stetig und bescherte Agrokonzernen wie Monsanto, Syngenta oder KWS ein Milliardengeschäft. Europa blieb jedoch weitgehend gentechnikfreie Zone. Bis heute lehnt die große Mehrheit der Verbraucher hier die Manipulation des Erbguts ab.

Weil die grüne Gentechnik als Risikotechnologie eingestuft wird, gibt es ein strenges Gentechnikgesetz, das dem Vorsorgeprinzip Rechnung trägt. Auf EU-Ebene schreiben mehrere Richtlinien die Genehmigung und Risikobewertung sowie eine Kennzeichnungspflicht gentechnisch veränderter Produkte vor. Genpflanzen erhalten nur dann die Zulassung für eine Freisetzung auf dem Acker und eine kommerzielle Nutzung, wenn der Hersteller nachweist, dass sie kein Risiko für die Gesundheit und die Umwelt sind.

Genau das gebe es bei den neuen Gentechikmethoden nicht, beteuern die Saatgutfirmen. Bei der Crispr-Technik sei das Risiko „gleich null“, sagt KWS-Vorstand Broers. Und weil kein Fremdgen in die Pflanzen eingeschleust werde, sondern das Ergebnis der genetischen Manipulation „naturidentisch“ wie in der konventionellen Züchtung sei, handelt es sich nach Meinung der Saatgutindustrie überhaupt nicht um Gentechnik. Deshalb dürften die neuen Verfahren auch nicht gesetzlich reguliert werden.  

"Gentechnik soll durch die Hintertür eingeführt werden"

Mit dieser Behauptung hat die Branche allerdings das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollte: eine neue Debatte über die grüne Gentechnik, angeheizt von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie dem BUND, Save Our Seeds, der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) oder der Interessengemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit. Mit Begriffen wie „neue Pflanzenzuchtverfahren“ versuche die Branche, den desolaten Ruf der alten Gentechnik loszuwerden, sagt Annemarie Volling von der AbL: „Die neue Gentechnik soll durch die Hintertür in Europa eingeführt werden.“

Ziel der Genfirmen ist es, die Auflagen und hohen Kosten zu umgehen, die bei einer Einstufung als Gentechnik und damit vorgeschriebener Regulierung anfielen, erklärt Volling. Von der Hand zu weisen ist das nicht: Nach Schätzungen, die in der Branche nicht bestritten werden, kostet die Risikobewertung von Genpflanzen 10 bis 15 Millionen Euro. Dagegen nimmt sich die Zulassung einer neuen Sorte nach konventioneller Züchtung mit rund 10 000 Euro spottbillig aus.

Überdies sind die neuen Genverfahren offenbar nicht so sicher wie behauptet. Erste Studien hätten gezeigt, dass die molekularen Scheren doch nicht immer die DNA präzise schneiden, berichtet Eva Gelinsky von der IG gentechnikfreies Saatgut. Die unerwünschten Folgen seien jedoch nicht mehr zu beseitigen.

Heftig streiten die Lager derzeit darum, ob Crispr und Co. Gentechnik sind oder nicht. Ja, sagen die Gentechnik-Kritiker. Denn der Herstellungsprozess sei ganz klar gentechnisch, deshalb müsse nach dem Vorsorgeprinzip die EU-Gentechnikregulierung greifen. Ihre Position wird von zwei Rechtsgutachten untermauert. Danach gilt im europäischen Recht eindeutig der „herstellungsbasierte Ansatz“.

Für die europäischen Saatguthersteller steht viel auf dem Spiel

Dagegen verweisen die Saatgutfirmen auf das „Endprodukt“, dem die gentechnische Manipulation nicht anzusehen sei. Man könne nicht feststellen, nach welcher Methode die Punktmutation entstanden sei, erklärt Anja Matzk von KWS. Man müsse die neuen Verfahren differenziert betrachten. Wenn damit  fremde Gene in die DNA eingeschleust würden, handele es sich um eine gentechnische Veränderung.

Gespannt warten beide Seiten auf die juristische Einschätzung der neuen Züchtungsmethoden durch die EU-Kommission. Immer wieder wurde sie offenbar wegen der Brisanz des Themas verschoben. Jetzt soll sie im Laufe dieses Jahres kommen.

Für die europäischen Saatguthersteller stehe enorm viel auf dem Spiel, sagt KWS-Vorstand Broers. Würden alle neuen Methoden, wie von den NGOs gefordert, reguliert, drohe man den Anschluss im internationalen Wettbewerb zu verlieren. Anders als in Europa wird etwa in den USA und Kanada nicht der Herstellungsprozess, sondern nur das Endprodukt danach beurteilt, ob es sich um Gentechnik handelt. Eine Zulassung für Sorten mit gezielten Punktmutationen ist kein Problem. NGOs fürchten, dass künftig Genprodukte ohne Kennzeichnung in Europa eingeführt werden könnten und Verbraucher sowie Landwirte keine Wahlfreiheit mehr hätten.

Umso notwendiger sei eine öffentliche Diskussion über die neue Gentechnik, sagt Annemarie Volling von der AbL. Bei KWS hat man das offenbar auch erkannt. In der zweiten Jahreshälfte will der weltweit viertgrößte Saatguthersteller einen „internationalen Dialog“ mit externen Wissenschaftlern, Politikern und NGOs starten. Für Anja Matzk steht fest: „Wir wollen keine Schlammschlacht wie bei der Gentechnik.“

Tests auf deutschen Äckern gestoppt

(K)ein Fall für die Gerichte: Fast wäre es der US-Firma Cibus gelungen, eine mit den neuen Züchtungsmethoden hergestellte herbizidresistente Rapssorte im Freilandversuch auch auf deutschen Äckern zu testen. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) gab dafür im Februar 2015 grünes Licht. Die Rapslinien seien „keine genetisch veränderten Organismen im Sinne des Gentechnikgesetzes“, befand die dem Bundesagrarministerium unterstehende Behörde. Dagegen legten der BUND, Greenpeace und andere NGOs Widerspruch ein, der vom BVL zurückgewiesen wurde. Daraufhin reichten die NGOs Klage beim Verwaltungsgericht Braunschweig ein. Das Verfahren läuft zwar noch, aber die Klage hat aufschiebende Wirkung, wie die Rechtsanwältin der NGOs, Katrin Brockmann, erläutert: Der Cibus-Raps darf bis zur Entscheidung des Gerichts nicht ausgesät werden.
Dass es noch immer kein Urteil gibt, könne mit der ebenfalls ausstehenden juristischen Einschätzung der neuen Gentechnikmethoden durch die EU-Kommission zusammenhängen, vermutet Matthias Miersch, umweltpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Möglicherweise legten die Braunschweiger Richter die Sache dem Europäischen Gerichtshof zur Klärung vor. Dessen Urteil müsse dann in nationales Recht umgesetzt werden. Der Rechtsanwalt aus Hannover fordert eine „politische Klarstellung“ für die neue Gentechnik. Eine derart wichtige gesellschaftliche Frage dürfe nicht den Gerichten überlassen werden.

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