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Geschichte aus dem Meer

Unterwasserarchäologie Geschichte aus dem Meer

Historische Schiffswracks bieten den Unterwasserarchäologen ein Fenster in vergangene Zeiten. Es gibt immer noch viele Schätze zu bergen. Ein Ausflug zu den Tauchern, die Geschichte aufspüren.

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Kostbarkeiten vom Grund: Unterwasserarchäologe im Einsatz.

Quelle: dpa

Stralsund. Sein erstes Wrack war ein Zufallsfund – auf einer Badetour mit Freunden. Zwölf Jahre alt war Thomas Förster damals. „Ich bin auf Rügen aufgewachsen“, erklärt der Wissenschaftler. „Wenn man da ins Wasser springt, findet man früher oder später ein Wrack.“ Seines hatte Kanonenkugeln an Bord, englische Keramik und Meissener Porzellan. Und es weckte in dem Rügener Jungen die Leidenschaft für Unterwasser­archäologie.

Erst sehr viel später fand Förster, der inzwischen Museologie studiert hatte und für das archäologische Landesamt Fundstellen in der Ostsee kartierte, heraus, dass es sich bei seinem ersten Wrack um die „Dispatch“ gehandelt haben musste: eine englische Brigg, die 1798 an die Russen verkauft worden war. 1805, während der napoleonischen Kriege, landete das Schiff an der Küste vor Stralsund.

Doch zum Kampf gegen die französische Armee kam es nicht mehr: In einem schweren Sturm lief die Brigg auf Grund und sank. Die Reiseberichte des russischen Admirals und Wissenschaftlers Gawriil Adrejewitsch Sarytschew, der ebenfalls an Bord war, haben das Ereignis für die Nachwelt bewahrt.

Von der „Dispatch“ ist inzwischen nichts mehr vor der Küste von Rügen zu finden. Doch zahlreiche andere Wracks – bekannt sind rund 450 – harren im salzarmen Ostseewasser noch der Entdeckung. Wissenschaftler wie Förster, der unter anderem die Gellen-Kogge von Hiddensee und die Poeler Kogge untersucht hat, fürchten allerdings, dass dieses einzigartige Unterwasserarchiv verloren gehen könnte, bevor es richtig erforscht ist. „Ich denke, dass heute erst zehn bis 15 Prozent der deutschen Fundstellen bekannt sind“, sagt der Unterwasserarchäologe, der heute für das Deutsche Meeresmuseum Stralsund arbeitet. „In Dänemark kennt man dagegen etwa 30.000 Stellen.“

Noch komplizierter wird die Situation durch die verzwickte Rechtslage: Rund um die Ostsee gibt es nicht nur mehrere Anrainerländer. Die See ist auch noch in die dem jeweiligen Bundesland unterstellte ausschließliche Wirtschaftszone und das offene Meer, das der Bund verantwortet, unterteilt. Während zu DDR-Zeiten ein Großteil des Grundes überhaupt nicht zugänglich war, haben seit der Wiedervereinigung Privatleute das eine oder andere Stück geborgen – und aus dem archäologischen Zusammenhang gerissen. Zudem wird die Ostsee zunehmend salziger, was dem holzzerstörenden Schiffsbohrwurm nützt und den Schiffen schadet.

„Es wäre sinnvoll, für die Bundesländer an der Nord- und Ostsee ein zentrales Institut für die Unterwasserarchäologie zu schaffen, das mit den entsprechenden Bundes- und Landesbehörden zusammenarbeitet“, sagt Förster – eine Forderung, die nicht nur der von ihm mitgegründete Verein „Archaeomare“, sondern auch die Deutsche Gesellschaft für Unterwasserarchäologie vertritt.

Zudem würde Förster auch gern ein schiffsarchäologisches Museum einrichten. „Es ist schade, dass viele Wracks geborgen, aber nie gezeigt werden“, sagt er. Dabei können die Hinterlassenschaften von mittelalterlichen Seekriegen oder Handlungsreisen von Mitgliedern der norddeutschen Hanse einen wertvollen Einblick in das damalige Leben geben. Wie die 1345 gesunkene Darßer Kogge, bei der große Teile von Ladung und Inventar erhalten blieben. „Daraus kann man schließen, woher das Schiff kam“, sagt Förster. „Die Darßer Kogge war ein sogenannter Umfahrer aus Norwegen, der unter anderem Rentiergeweihe geladen hatte.“ Auch ein Trinkgefäß mit den Eigentumsmarken des früheren Besitzers fand sich an Bord des Schiffes.

Um solche für die Wissenschaft bedeutenden Kostbarkeiten aufzuspüren, begibt sich Thomas Förster in alten Reiseberichten und Untergangsberichten aus der Hansezeit auf die Suche, durchforstet Mitteilungen über verlorene Ladungen, Gerichtsakten und Nachrichten über Seekriege. Danach kommt dann die moderne Technik zum Einsatz: Vom Flugzeug aus lassen sich häufig dunkle Wracks auf hellen Sandbänken ausmachen. Mit hydroakustischen Verfahren lässt sich ein fast fotografisch genaues Bild vom Meeresboden mit seinen Erhebungen anfertigen. Und sogenannte ­Sedimentsonare können anzeigen, wo Wrackteile die Dichte des Meeresbodens verändern.

Ein regelrechter Schiffsfriedhof existiere beispielsweise im Greifswalder Bodden, erzählt Förster. Dort ließ der damals in Stralsund regierende schwedische König Karl XII. im Pommernfeldzug 1715 rund 20 Schiffe versenken, um den dänischen Flotten den Nachschub zu versperren. Ein Glücksfall für die Unterwasserarchäologie sozusagen.

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Von Redakteur Nicola Zellmer

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