Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 16 ° Regenschauer

Navigation:
"Wie haben Sie Einsteins Rätsel gelöst?"

Interview mit Physiker Karsten Danzmann "Wie haben Sie Einsteins Rätsel gelöst?"

Das Team um den hannoverschen Physiker Karsten Danzmann hat jetzt wesentlich dazu beigetragen, Einsteins Idee der Gravitationswellen zu beweisen. Worum geht es dabei? Was nützt es – und was kommt nun? Fragen an einen Mann,
der die Welt verstehen will.

Voriger Artikel
Deutschlands wohl ältester Friedhof entdeckt
Nächster Artikel
220.000 Soldaten im Moskito-Kampf in Brasilien

„Sehen Sie die Krümmungen?“ In Karsten Danzmanns Arbeitszimmer hängt ein Foto, das ganze Galaxien im All zeigt.

Quelle: Wallmüller

Herr Prof. Danzmann, Sie waren zusammen mit Kollegen aus der halben Welt am Donnerstag auf allen Medienkanälen zu finden – weil Sie Einsteins theoretische Gedanken bewiesen haben. Was bedeuten Ihre Arbeiten?
Na ja, dass Einstein recht hat, hat im Grunde kein ernsthafter Wissenschaftler mehr bezweifelt. Wir haben jetzt aber den Puzzlestein, der zum Beweis fehlte.

Worin besteht der?
Seit Jahrhunderten haben wir das Universum da draußen mit den Augen beobachtet – aber wir waren taub. Nun sind aber mehr als 99 Prozent des Weltraums dunkel. Es reicht also nicht, hinzusehen. Mit dem maßgeblich von uns in Hannover entwickelten Interferometer können wir nun auch ins All hineinhören. Das erste Ereignis, das wir nun so registriert haben, gibt uns eine Vorschau auf diese dunkle Schattenwelt. Uns sind zwei fette Schwarze Löcher ins Netz gegangen, die miteinander verschmolzen. Und das gleich am ersten Tag, an dem wir überhaupt hören konnten. 20 Teleskope haben zur Überprüfung danach gesucht und niemand hat etwas gesehen. Und das Ereignis wird nicht das Einzige sein, das wir registrieren, da bin ich mir sicher!

Hätten Sie Einstein gerne von dem spektakulären Fund berichtet?
Es ist nicht ganz klar, welche Haltung Einstein am Ende seines Lebens einnahm. Wahrscheinlich hat er weder an Gravitationswellen noch an Schwarze Löcher geglaubt. Aber er würde es mögen.

Was ist eigentlich ein Schwarzes Loch? Das Ende der Welt?
Nein. Es ist ein Ort, wo der Raum einfach aufhört. Es besteht nur aus Raumkrümmung und braucht keine Materie dafür. Nichts, selbst das Licht kann dort mehr heraus. Solche Löcher sind nicht das Ende, sie gehören zum Ganzen dazu.

Wie entstehen Schwarze Löcher?
Die meisten Sterne entstehen als Doppelsystem, sie entwickeln sich und eines Tages, wenn kein Brennstoff mehr da ist, kollabieren sie, und wenn sie schwer genug waren, dann entstehen zwei Schwarze Löcher. Eines Tages kommen sie sich so nahe, dass sie in einer gigantischen Explosion verschmelzen. Man muss sich vorstellen, dass das jetzt von uns registrierte Ereignis vor 1,2 Milliarden Jahren passiert ist. Und jetzt hören wir es, denn die Gravitationswellen, die dabei entstanden sind, sind immer noch unterwegs. Sie durchdringen alles. Das Universum ist voll von Ereignissen und als ihre Spur wabern die Gravitationswellen hin und her. Faszinierend!

Nun soll das Universum ja mit einem Urknall entstanden sein. Werden Sie den auch eines Tages hören?
Ich will das noch erleben. Aber: Das ist viel schwieriger, denn wir haben keine Theorie, die den Urknall selbst erklärt. Es gibt so viele Modelle dafür, wie es Theoretiker gibt. Daher wissen wir nicht – um im Bild zu bleiben –, wie er sich wohl anhört. Bei Sternen oder Schwarzen Löchern haben wir Rechenmuster und wissen, wonach wir Ausschau halten.

Ist die Physik dann also am Ende – und der Glaube beginnt?
Für mich nicht. Ich bin Hardcore-Experimentalist. Ich glaube nur an Dinge, die ich messen kann. Die Forschung wird weitergehen.

Sie betreiben Grundlagenforschung, die den Steuerzahler viel Geld kostet. Viele Menschen fragen da nach dem praktischen Nutzen. Haben Sie darauf eine Antwort?
Klar, wir betreiben keine angewandte  Wissenschaft. Und erfinden keine Teflonpfannen nebenbei. Wir machen Hochtechnologie. Was nicht heißt, dass nicht auch bei uns viele Patente gleichsam als Nebeneffekt entwickelt werden. Unser wichtigstes „Produkt“ ist jedoch: Intelligenz. Wir formen hochgebildete, hungrige junge Leute aus, die keine Vorurteile haben. Von unseren aktuell rund 50 Doktoranden gehen meist ein Drittel in Industrie, Forschung und Beraterfirmen. Und aus unserer Zusammenarbeit mit  dem hannoverschen Laserzentrum sind auch schon einige Firmenausgründungen entstanden.

Künftig wollen Sie ja nicht nur auf der Erde, sondern auch direkt im Weltraum nach Gravitationswellen suchen. Ist das jetzt noch nötig?
Auf jeden Fall. Wir hören ja auch nicht auf, Teleskope zu entwickeln, weil wir einmal einen Stern gesehen haben. Das Ereignis, das wir jetzt gemessen haben, war quasi in unserem Vorgarten. Um weiter ins All zu lauschen, müssen wir Bedingungen haben, die es auf der Erde nicht gibt.

Haben Sie dafür genug Unterstützung?
Jetzt hoffentlich schon. Wissen Sie, mit LISA waren wir jahrzehntelang zweitliebstes Projekt bei Geldgebern. Man wollte helfen, aber es gab immer etwas, was leider noch wichtiger erschien. Es gibt jetzt mehr als eine Stimme, die sagt, man sollte LISA, das für 2034 geplant ist, vorziehen. Diese Welle müssen wir jetzt nutzen. In einem Jahr interessieren Gravitationswellen möglicherweise schon wieder niemanden mehr.

Stichwort Interesse: Hannover hätte das Projekt möglicherweise auch ohne die Partnerschaft mit den Briten und Amerikanern geschafft. Beneiden Sie die Amerikaner um den Gravitationswellen-Detektor Ligo? Ihr deutsch-britischer Detektor GEO600 in Ruthe hat nur 600 Meter Lauflänge statt vier Kilometer.
Wir sind nicht neidisch, sondern ein Team. Aber sicher hätten wir auch gerne eine große Teststrecke. 1990 waren wir kurz davor. Bundesforschungsministerium, Großbritannien und Land Niedersachsen verhandelten um die Finanzierungsanteile und innerhalb von zwei Jahren ging das den Bach runter. Nach der Wiedervereinigung gab es für fast kein Großprojekt in der Grundlagenforschung mehr Geld. Und es war schwierig, im dicht besiedelten Deutschland überhaupt ein geeignetes Gelände zu finden.

Welchen Anteil hat Hannover mit dem Albert-Einstein-Institut und dem Laserzentrum Hannover und dem Projekt GEO600 nun am Beweis der Gravitationswellen durch das Messsystem Ligo?
Man sollte das nicht gewichten, denn es sind so viele Wissenschaftler beteiligt. Natürlich wissen wir, dass die Empfindlichkeit des Messsystems ohne uns nicht möglich gewesen wäre. Fast alle technologischen Einzelheiten, die Ligo besser gemacht haben, sind in unserer deutsch-britischen Kooperation entwickelt, erprobt oder gebaut worden. Es steckt sehr viel GEO600 in Ligo, das langt uns.

Manche reden jetzt vom Nobelpreis ...
Ich nicht. (schmunzelt)

Interview: Juliane Kaune, Bärbel Hilbig und Hendrik Brandt

Zur Person

Karsten Danzmann (61) ist neben Bruce Allen einer der beiden Direktoren des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik in Hannover (Albert-Einstein-Institut), eine gemeinsame Einrichtung der Max-Planck-Gesellschaft und der Leibniz-Universität Hannover. Das Albert-Einstein-Institut ist auf mehreren Feldern am Nachweis der Gravitationswellen beteiligt, die jetzt am US-amerikanischen Doppel-Detektor Ligo gelungen ist. Danzmanns Abteilung hat die hochsensible Laser-Messtechnik entwickelt, die bei Ligo zum Einsatz kommt. Bruce Allen wertet mit seinem Team im größten Computercluster seiner Art einen Großteil der Daten aus den Messungen aus. Deshalb haben zwei Forscher in Hannover das wichtige Signal entdeckt.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Wissen
Augenblicke: Bilder aus Hannover und der Welt

Klicken Sie sich durch spektakuläre Fotos – ausgewählt von der HAZ-Redaktion.

  • Verbraucher
    Rund ums Geld

    Jeden Montag präsentieren wir Verbraucher- und Finanztipps und die Testsieger der Stiftung Warentest. mehr

  • Bauen & Wohnen

    Jeden Samstag neu: Tipps und Trends zu Haus und Garten, Bauen, Renovieren, Architektur und Wohnen. mehr

  • Auto & Verkehr

    Lesen Sie jeden Samstag Fahrberichte und Tipps für Autofahrer. Täglich aktuell: die Verkehrslage in und um Hannover. mehr

Anzeige