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Der Verursacher des Historikerstreits ist tot

Ernst Nolte Der Verursacher des Historikerstreits ist tot

Der Historiker Ernst Nolte ist gestorben. Laut seiner Familie verstarb er nach kurzer schwerer Krankheit mit 93 Jahren in Berlin. Bekannt wurde er einem breiten Publikum als Verursacher des sogenannten Historikerstreit in den achtziger Jahren. Ein Nachruf von HAZ-Redakteur Daniel Alexander Schacht.

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Der Historiker Ernst Nolte ist verstorben.

Quelle: dpa

Berlin. Er war gleich in mehrerer Hinsicht ein Quereinsteiger. Er hat damit Freund und Feind immer wieder zu verblüffen vermocht. Und er hatte ein sehr suggestives Gespür für den Zeitgeist. Das lässt sich schon am Titel von Ernst Noltes wohl bekanntester und jedenfalls umstrittenster Schrift ablesen - „Vergangenheit, die nicht vergehen will“. Unter dieser Überschrift publizierte Nolte jenen Essay, der den sogenannten Historikerstreit auslöste. Donnerstag ist der Mann, der in der alten Bundesrepublik bis Anfang der Achtzigerjahre als „Nestor“ der Faschismusforschung galt, seit den Achtzigerjahren aber in der Fachwelt als weitgehend isoliert galt, in Berlin nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 93 Jahren gestorben.

Der Wendepunkt in der Wahrnehmung Noltes war sein umstrittener Essay, den die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ im Juni 1986 veröffentlichte. Der davon ausgelöste Streit kreiste um Noltes geradezu bescheiden nur in eine Frage gekleidete These vom ursächlichen Zusammenhang zwischen stalinistischen und nationalsozialistischen Verbrechen: „War nicht der ,Archipel Gulag' ursprünglicher als ,Auschwitz'?“

Wie bitte? Soll der Massenmord an den Juden durch Ängste Hitlers vor Verbrechen des Stalinismus motiviert, sollen Stalins Lager Ursprung von Hitlers Lagern gewesen sein? Nun, das hat Nolte nicht geschrieben, er nennt sie nur „ursprünglicher“, und in diesem Komparativ liegt eine der kalkulierten Unschärfen, mit denen er sowohl linksintellektuellen Einwänden zu entgehen und zugleich populäre Deutungen zu befeuern suchte. Franziska Augstein, die bei Nolte studiert hat, erinnerte vor einigen Jahren an den Zeitgeist von Helmut Kohls „geistig-moralischer Wende“, zu der ein Titel gut zu passen schien, der die Abkehr von als lästig empfundener Vergangenheitsbewältigung verhieß. „Zwischen dem ,Klassenmord' der Bolschewiki und dem späteren ,Rassenmord' der Nazis könnte eine logische und faktische Verknüpfung bestehen“, schreibt Nolte weiter. Dabei gab es im noch spätfeudalen Russland vor der Oktoberrevolution weder eine machtvolle bürgerliche Klasse noch landeten nur Bürger in Stalins Lagern. Und wer das Judentum als „Rasse“ bezeichnet, hat die Nazilogik nicht verlassen. Kalkulierte Unschärfen auch hier – aber Nolte setzt die fragwürdigen Begriffe ja in Häkchen …

Doch noch im Briefwechsel mit dem französischen Kommunismusforscher François Furet stuft Nolte die Angst vorm „Klassenmord“ als Motiv für den „Rassenmord“ als „verstehbar“ ein – womit er durchaus nicht „verständlich“ meint. Er legt sozusagen das Begriffsinstrumentarium der Geschichtsapologie nur bereit, weist aber dessen Anwendung weit von sich.

Sein prominentester Gegner im Historikerstreit, der Frankfurter Sozialphilosoph Jürgen Habermas, warf ihm „Geschichtsrevisionismus“ vor, den Versuch, die Verbrechen des einen diktatorischen Systems durch die des anderen zu relativieren, sie zu verrechnen und so die Singularität des Holocaust zu leugnen. Die war, in Teilen abweichend von Kohls „Wende“, erst ein Jahr zuvor vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und damit erstmals von höchster staatlicher Stelle konstatiert worden – was auch von Brüchen innerhalb des konservativen Lagers im damaligen Westdeutschland zeugt. Statt eines aus seiner Sicht von Nolte munitionierten neuen Nationalismus bedürfe es eines „Verfassungspatriotismus“ aus dem Geist der „politischen Kultur des Westens“.

Über begriffliche Tabus hatte sich Nolte schon lange zuvor salopp hinweggesetzt – mit seinem Buch „Der Faschismus in seiner Epoche“ von 1963. „Faschismus“, das war damals ein Begriff, der eher unter linken Politikwissenschaftlern und auch in der DDR üblich war. In Westdeutschland sprach man von „Totalitarismus“ oder führte NS-Etiketten wie „Nationalsozialismus“ oder „Drittes Reich“ weiter. Noltes Buch wurde zum Standardwerk und verschaffte ihm einen Lehrstuhl als Geschichtswissenschaftler. Dabei hatte er Philosophie, Germanistik und alte Sprachen studiert und bis dahin als Gymnasiallehrer für Deutsch, Latein und Griechisch gearbeitet.

Ein akademischer Quereinsteiger eben. Und wie konnte aus dem etablierten Professor, der ab 1965 in Marburg und ab 1973 in Berlin lehrte, ein Geschichtsrevisionist werden, der später noch in Publikationen der Neuen Rechten auftauchte? Nun, vielleicht hat sich gar nicht Nolte so sehr gewandelt, sondern nur seine Wahrnehmung und auch die Deutung der jüngsten deutschen Geschichte.

Sicher ist, dass seine These vom ursächlichen Zusammenhang zwischen stalinistischen und faschistischen Verbrechen sich schon in „Der Faschismus in seiner Epoche“ findet. Es hätte „ohne Marxismus keinen Faschismus“ gegeben, heißt es darin. „Faschismus ist Antimarxismus.“ Sicher ist immerhin auch, dass solche Thesen seit dem Historikerstreit in der Defensive sind. Die Vorstellung, dass sich ein Verbrechen durch ein anderes relativieren, aufrechnen oder nach einer bizarren Schuldverrechnungsbilanzlogik gleichsam aufheben lässt, findet heute allenfalls unter politischen Sektierern weiterhin Anhänger. Die gibt es freilich noch immer.

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