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Kein Antibiotikum 
stoppt neuen Super-Erreger

Mutierter Keim Kein Antibiotikum 
stoppt neuen Super-Erreger

Forscher in den USA haben einen mutierten Keim entdeckt, gegen den kein Wirkstoff mehr hilft. 
Die Fachwelt ist entsetzt: Es droht ein Rückfall in Zeiten, in denen jede Infektion Lebensgefahr bedeutete.

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Antibiotikaresistente Keime (Symbolbild) werden zunehmend zum Problem, warnen Experten.

Quelle: Daniel Karmann/dpa

Washington/Berlin. Forscher und Ärzte am Walter-Reed-Krankenhaus nahe Washington hielten tagelang den Atem an. Der Fall ihrer 49-jährigen Patientin war kompliziert: Nichts hatte gewirkt. Kein einziges von 15 Antibiotika – nicht einmal eins, das nur in Notfällen genommen wird und sonst immer hilft. Die Mediziner standen einer Antibiotikaresistenz gegenüber, die es in dieser schweren Form in den USA noch nicht gegeben hat. Die Frau hat die Entzündung mittlerweile aus eigener Kraft halbwegs überstanden. Die Mediziner sind erleichtert – und dennoch zutiefst in Sorge: Ihre schärfsten Waffen gegen Infektionen, die Antibiotika, werden langsam, aber sicher stumpf.

US-Verteidigungsministerium schlägt Alarm

Es begann mit einer scheinbar harmlosen Blasenentzündung. Die Patientin ließ sich diverse Antibiotika verschreiben. Doch die Beschwerden hielten an, obwohl es an der Diagnose keine Zweifel gab. Mittlerweile analysieren zahlreiche Experten den Fall des "Super-­Bakteriums", sogar das US-Verteidigungsministerium schlägt Alarm: Wenn keine erfolgreiche Gegenstrategie gefunden ­werde, drohe der Rückfall in die Vor-Antibiotika-Ära. Schon kleinste Entzündungen könnten wieder tödlich enden.

Die Bekämpfung von Krankheitsbakterien zählt eigentlich zu den großen Erfolgsgeschichten der Medizin. In jüngster Zeit drohen sich die Antibiotika jedoch zu Tode zu siegen: Angesichts der massenhaften Verschreibung und der alltäglichen Verwendung in der Tierzucht entwickeln sich mehr und mehr Bakterien, denen die einstige Wunderwaffe der Medizin nichts mehr anhaben kann.

So wurde bei der Amerikanerin ein Bakterium entdeckt, das selbst schwerste Gegenmittel übersteht. Schuld an der Misere ist ein Gen, das das Bakterium immun gegen die Behandlung mit Antibiotika werden lässt. Das sogenannte Mcr-1-Gen wurde bereits in China und Europa festgestellt.

Gen für Resistenz verantwortlich

Doch die Patientin aus Pennsylvania war in den vergangenen fünf Monaten nicht außerhalb der USA unterwegs. Es muss sich durch Mutation eigenständig entwickelt haben. Als kritisch bewerten Experten zudem, dass das Mcr-1-Gen zwischen Bakterienstämmen übertragbar ist – es kann von harmlosen Darmkeimen auf Krankheitserreger übergehen und die Behandlung erschweren.

Die Fachwelt zeigt sich regelrecht entsetzt. So warnt Margaret Chan von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor einer "globalen Krise", sollten sich die Resistenzen ausbreiten, da sich schon geringfügige Infektionen oder Schnittverletzungen als tödlich erweisen könnten. Thomas Frieden, Chef der US-Gesundheitsbehörde Center for Disease Control and Prevention (CDC), sieht gar ein neues Mittelalter heraufdämmern: Wenn Antibiotika auf breiter Front versagen, werde schon ein Kaiserschnitt zu einer lebensgefährlichen Operation.

Das Gen macht insbesondere Darmbakterien selbst gegen Antibiotika wie Colistin resistent, das als letzte Möglichkeit auch bei multiresistenten Keimen bislang fast immer geholfen hat. Colistin kam vor einem halben Jahrhundert auf den Markt, um Infektionen zu behandeln, unter anderem mit E.-coli-Bakterien oder Salmonellen. Wegen seiner nierenschädigenden Wirkung wurde es in den vergangenen 30 Jahren kaum noch verabreicht. Jüngst aber galt es in vielen Fällen als eine der letzten verbliebenen Therapieoptionen.

Erreger bilden Abwehrmechanismen

In der Tiermedizin wird Colistin noch immer weltweit und flächendeckend eingesetzt. Und das wiederum hat das Risiko des Überspringens resistenter Keime auf den Menschen erhöht. Und es macht die Erkenntnis umso besorgniserregender, dass auch dieses letzte Notfallinstrument seine Wirksamkeit zu verlieren droht.

Der Fall in Pennsylvania wirft ein grelles Licht auf ein Problem, dem sich Mediziner in aller Welt gegenübersehen: Immer häufiger entwickeln Erreger Abwehrmechanismen gegen Substanzen, die früher zuverlässig Behandlungserfolge versprachen.  "Das zeigt uns", sagt CDC-Chef Frieden, "dass für Antibiotika das Ende des Wegs nicht mehr weit entfernt ist, dass wir uns also in einer Situation befinden, in der wir für Patienten auf den Intensivstationen oder mit Infektionen im Harntrakt keine Antibiotika mehr haben."

Laut CDC erkranken pro Jahr etwa zwei Millionen Amerikaner an einer Infektion mit hochresistenten Bakterien. Davon würden mehr als 20.000 Infektionen tödlich enden. Die Entwicklung von "superbugs" (Superbakterien), der gegen alle bekannten Behandlungsmethoden immunen Erreger, kann die Zahl noch erhöhen. Eine Aussicht, die nicht nur Washington alarmiert. Nicht ohne Grund einigten sich beim jüngsten G-7-Treffen in Japan die Staats- und Regierungschefs darauf, die Abwehr der Antibiotikaresistenz ganz oben auf ihre gemeinsame Agenda zu setzen. Kritik gibt es allerdings schon lange.

"Antibiotika wie Lutschbonbons"

"In Deutschland sind wir auf einem relativ guten Weg, aber weltweit sieht es anders aus", sagt Emil Reisinger. Der Österreicher ist Chef der Rostocker Universitätsmedizin und Präsident der Paul-Ehrlich-Gesellschaft, die eine Langzeitstudie zu Antibiotikaresistenzen betreibt. Reisinger kritisiert: "In Schwellenländern werden Antibiotika wie Lutschbonbons rezeptfrei abgegeben, dadurch haben wir in einigen Ländern sehr hohe Resistenzraten." Keime, gegen die Antibiotika wirkungslos sind, werden dann von Touristen nach Europa eingeschleppt. Diese Erreger verschwinden meist wieder – doch eine Garantie für die Zukunft gibt es nicht.

In Berlin hatte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe bereits im vergangenen Jahr die Situation mit dem Klimawandel verglichen: Wenn die Staaten nicht klug gegensteuerten, stehe uns eine Katastrophe weltweiten Ausmaßes bevor. Auch Reisinger verwendet diesen Vergleich.

In dieser Woche hat die Paul-Ehrlich-Gesellschaft einen Vortragsabend in Berlin veranstaltet. Der Saal in der exklusiven Parlamentarischen Gesellschaft war voll, Abgeordnete und Ministeriumsmitarbeiter waren aufgeschreckt von den jüngsten Meldungen.

1.500 Tonnen Antibiotika in der Tiermast

Der Rostocker Professor sagt dem RedaktionsNetzwerk Deutschland, dem auch die HAZ angehört: "Es ist ähnlich wie beim CO2-Ausstoß. Es hilft nichts, wenn wir Deutschen Vorreiter sind und brav unsere Hausaufgaben machen und in anderen Ländern nach wie vor tonnenweise Antibiotika in der Tiermast eingesetzt werden. Wir können aber international einen größeren Beitrag leisten, und unsere Kenntnisse exportieren."

So wurden hierzulande 500 Tonnen Antibiotika jährlich in der Tiermast eingespart, allerdings immer noch 1.500 Tonnen verbraucht. "Da ist noch einiges zu tun", sagt Reisinger. In anderen Bereichen aber könnte Deutschland Nachhilfe gebrauchen: Gerade bekam Reisinger in Rostock Besuch von einem Kollegen aus den Niederlanden. In dessen Universitätskrankenhaus kümmern sich doppelt so viele Ärzte und Schwestern um die Patienten wie in manchen deutschen Kliniken.

Der Sparkurs im Gesundheitswesen könne krank machen, sagt Reisinger: "Wir brauchen in den Krankenhäusern mehr Ärzte und mehr Schwestern, dann können wir mehr gegen Resistenzen tun. Wir brauchen auch mehr Reinigungspersonal. Da wird im Akkord geputzt, auch das kann schädliche Folgen haben."

Deutsche Forscher: Noch keine postantibiotische Ära

Dennoch herrscht in Deutschland eine betont ruhigere Tonlage als in den USA. "Es gibt keinen Anlass zur Panik", sagt Reisinger. "Wir sprechen nicht von einer postantibiotischen Ära. Wir haben noch ausreichend wirksame Antibiotika."
Die Bundesministerien für Gesundheit, Landwirtschaft und Forschung hatten bereits vor acht Jahren die Deutsche Antibiotika-Resistenz-Strategie (DART) entwickelt, die zuletzt 2015 aktualisiert wurde. Erst Anfang Mai trat eine verschärfte Meldepflicht in Kraft.

Auch den Patienten dürften kleinere Veränderungen im Klinikalltag auffallen. Wie das "Ärzteblatt" berichtet, tragen die Ärzte in den Krankenhäusern eines bundesweit tätigen Gesundheitskonzerns seit Anfang Mai nur noch kurzärmelige Kittel. Mit dieser Maßnahme reagiert das Unternehmen auf die Sorge vor einer Ansteckung mit multiresistenten Keimen. Ein Sprecher erklärt den Hintergrund: „Die Ärzte gehen von Patient zu Patient und untersuchen sie. Der lange Ärmel hat Kontakt zu den Patienten. Die Hände desinfiziert der Arzt, aber er wechselt nicht jedes Mal den Kittel.“

Von Stefan Koch 
und Jan Sternberg

Die tödlichen Keime

Zwischen 7500 und 15 000 Menschen sterben nach Schätzungen in Deutschland jedes Jahr an Krankenhausinfektionen – so viele wie an Alkohol und anderen Drogen zusammen.
Die Ursache sind zumeist multiresistente Keime wie MRSA. Die Abkürzung steht für Methicillin-resistenter Staphyloccocus aureus. Der Name bedeutet, dass das Antibiotikum Methicillin dem Bakterium nichts anhaben kann – und die Superwaffe der Medizin somit wirkungslos ist. Laut Schätzungen trägt jeder Dritte MRSA auf der Haut. Bei gesunden Menschen ist das zumeist unbedenklich. Zum Problem werden die Keime dann, wenn sie, etwa nach Operationen, in den Körper gelangen und Entzündungen oder Blutvergiftungen verursachen, die kaum mehr zu behandeln sind.
Als Hauptursache für die Resistenzen gilt neben dem zu häufigen Verschreiben und dem übermäßigen Einsatz in der Tierzucht die unzuverlässige Einnahme durch die Patienten: Brechen sie die Antibiotikatherapie ab, überleben einige Erreger – die dann oft Resistenzen ausbilden.

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