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Kindergarten als Kaderschmiede

Frühförderung Kindergarten als Kaderschmiede

Englisch- oder Chinesischunterricht, musikalische Früherziehung und Karate: Immer mehr Eltern traktieren schon die Kleinsten mit Sprach- oder Musikkursen – allen Einwänden von Pädagogen zum Trotz.

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Spaß oder Leistungsdruck? In einer Hamburger Sprachschule der Bildungskette „Helen Doron Early English“ sollen schon kleine Kinder fit werden für den Arbeitsmarkt der Zukunft.

Quelle: dpa

An manchen Tagen ist für Philipp erst um 18 Uhr Schluss. Montags zum Beispiel kommt er um diese Zeit erst aus der privaten Englisch-Gruppe. Der Dienstag dagegen „geht noch“, sagt der kleine Blondschopf, den seine Kumpels im Englischkurs „Phil“ mit scharf angestoßenem „f“ und extra gerolltem „l“ nennen. Am Dienstag hat „Phil“ eine halbe Stunde nach Kindergartenende zwei Straßen weiter musikalische Früherziehung. „Das passte so gut vom Ort und von der Zeit, da konnte ich nicht Nein sagen“, erzählt seine Mutter. „Seine ganzen Freunde machen mit, es macht Spaß, und er bekommt wenigstens ein bisschen Musik mit auf den Weg. Wir sind leider völlig unmusikalisch.“ Der Donnerstagnachmittag ist in Philipps Wochenplaner gleichfalls rot markiert. Auch dieser Tag „bringt Spaß“, wie Philipp sagt, aber auch er ist „echt ganz schön voll“. Sieben Stunden ist er am Donnerstag – wie jeden Tag – im Kindergarten. Danach macht er seit Neuestem noch Karate. Philipp ist fünf Jahre alt.

Dass schon Vorschulkinder Stundenpläne wie Gymnasiasten haben, dass dazwischen wenig Zeit fürs Spielen draußen auf dem Spielplatz oder im Wald bleibt, ist heutzutage nichts Ungewöhnliches mehr. Am deutlichsten ablesen kann man das daran, dass die Zahl der Frühförderungseinrichtungen in Deutschland stetig steigt. Nicht genug damit, dass immer mehr Kindergärten einmal wöchentlich eine Stunde musikalische Früherziehung oder Englisch in ihr Programm integrieren. Bildungsketten wie die aus Amerika stammenden FasTracKids mit Lernzentren in Hannover und Berlin, bilinguale Kindergärten wie die aus Stuttgart kommenden „Little Giants“ mit Ablegern in München, Nürnberg oder Frankfurt oder Sprachschulen wie „Helen Doron Early English“ (mit 127 Lernzentren in Deutschland und 651 weltweit) stehen bei Eltern immer höher im Kurs. Im Langenhagener Educaretion-Center genauso wie in der Potsdamer Edelkita „Villa Ritz“ wird Vorschulkindern sogar Chinesisch angeboten.

Fit für den Arbeitsmarkt von Morgen

Bereits Babys geraten so manchmal in Leistungsstress. Statt ihren Alltag wie früher üblich mit Löcher-in-die-Luft-Gucken, Spielen, Schreien, Trinken und Schlafen zu verbringen, können sogar sie bei diversen Bildungsketten heute schon auf „das Leben und die Schule vorbereitet werden“. Kurse für drei Monate alte Kinder bieten beispielsweise die Helen-Doron-Lerncenter an: Die Babys sollen durch das Hören englischer Reime oder Lieder einmal pro Woche 45 Minuten lang „in die fremde Sprache eintauchen“. Mit ein bis vier Jahren erlangen Absolventen der Kurse dann angeblich einen Wortschatz von 270 Wörtern in der fremden Sprache. Das ist angesichts der Tatsache, dass Logopäden den Wortschatz eines 30 Monate alten Kindes in der Muttersprache bei etwa 450 Wörtern ansetzen, umso erstaunlicher. Bei „FasTrac­Kids“ können Eltern lernen, mit ihren gerade einmal sechs Monate alten Kindern in einer eigens entwickelten Zeichensprache „effektiv zu kommunizieren“ und dadurch – angeblich – sogar den Intelligenzquotienten erhöhen. Allein die Namen der Institutionen sind oft Programm: „Little Giants“, „kleine Riesen“, sollen die Kinder aus den gleichnamigen bilingualen Kindertagesstätten werden. „FasTracKids“ kann man mit „Kinder auf der Überholspur“ übersetzen. Wie heißt es in der Werbung der „FasTrac­Kids“ so schön: „Unabhängige Forschungsergebnisse bestätigen: FasTrac­Kids sind Gleichaltrigen um ein bis zwei Jahre voraus.“

Befürworter solcher Kaderschmieden glauben, dass die Arbeitnehmer von morgen sich auf den Märkten der Zukunft ohne das Beherrschen mehrerer Sprachen nicht mehr durchsetzen können. Sie wollen die wichtigste Phase der Gehirnentwicklung – die Zeit vor der Schule – nicht verstreichen lassen, ohne möglichst viel Wissen in die kleinen Köpfe hineinzubekommen. Aber auch unter Eltern, die nicht ganz so ehrgeizige Pläne für ihre Kinder haben, wächst die Fördersucht. Es ist nichts Außergewöhnliches mehr, dass Fünfjährige nach dem Kindergarten an drei oder mehr Tagen nachmittags Kurse belegen. „Man weiß ja, was Kindern heute schon in der Grundschule abverlangt wird“, sagt Philipps Mutter: „Da will man sie gut vorbereiten.“ Schon am Rand des Sandkastens drehen sich Elterngespräche heute deshalb um Fragen wie die, ob Frühkarate, Frühenglisch, musikalische Früherziehung, Ballett oder Schach das jeweils Beste für Lena, Hannah oder Robert ist.

Die zentrale Frage aber lautet: Halten solche Förderprogramme, was sie versprechen? Bieten sie die Garantie, dass die Hirnpotenziale der Kleinen so ausgeschöpft werden, dass sie später problemlos den Übergang von der Grundschule ins Gymnasium schaffen? Der renommierte Schweizer Kinderarzt und Fachbuchautor Remo Largo zeigt in dem Buch „Schülerjahre“ bittere Wahrheiten für ehrgeizige Eltern auf. Die statistische Wahrscheinlichkeit, so schreibt er, dass eine Mutter mit einem IQ von 130 eine Tochter bekommt, die so begabt ist wie sie oder sie sogar überflügelt, liegt bei nur 16 Prozent. Statistisch gesehen neige der Mensch zum Mittelmaß, sagt Largo. Gerade bei besonders intelligenten Eltern sei ­die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Kind nach ihnen kommt, nicht sehr groß.

"Das Lernen in Fördereinrichtungen nutzt den allermeisten Kindern gar nichts"

Der kürzlich verstorbene hannoversche Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann weist in seinem letzten Buch „Lasst eure Kinder in Ruhe! Gegen den Förderwahn in der Erziehung“ zudem nach, dass „das typische Lernen in Fördereinrichtungen den allermeisten Kindern gar nichts nutzt“. Bergmann warnt, die meisten Frühförderer ignorierten, dass das Lernen von Kleinkindern sich vom Wissen-Memorieren elementar unterscheidet. Lernen mit ein, zwei oder vier Jahren heiße eben nicht, dass das Kind abstrakte Informationen auswendig lerne. In diesem Alter gehe es um Aneignung der Umwelt mit allen Sinnen, ein Vertrautwerden mit der Welt.

Bergmann beschreibt, was im Gehirn eines vierjährigen Kindes passiert, wenn es über eine Wiese läuft und eine schöne Blume entdeckt, an ihr riecht, sie befühlt, beobachtet, wie der Wind sie bewegt. Kinder entwickelten bei solchen spielerisch gemachten Erfahrungen ein Reservoir an inneren Bildern, für die sie erst später Begriffe fänden, und zwar solche, die mit eigenen Erfahrungen gefüllt und im Gegensatz zu auswendig gelernten „Wortschnipseln“ unvergesslich seien. Man könne heute nachweisen, dass beim Spielen in allen Gehirnarealen Aktivitäten stattfänden, schreibt Bergmann: „Die Verschaltungen zwischen den Gehirnregionen sind hochaktiv, das Kind lernt ununterbrochen in ganz hoher Komplexität.“ Das Bild, das Bergmann zeichnet, wenn das vierjährige Kind die Blume nicht bestaunen darf, sondern neben ­einer Erzieherin hockt, die zu ihm sagt „Look, this is a flower. Say it again: a ­flower“, nimmt sich dagegen armselig aus. Versuche man mit modernen Verfahren auch hier, Hirnaktivitäten sichtbar zu machen, leuchteten höchstens zwei, drei Gehirnbereiche auf. Die Blume in all ihren sinnlichen Facetten werde auf eine bloße Abstraktion reduziert.

Bergmanns Kritik zielt aber nicht nur darauf, dass viele Eltern nicht mehr darauf vertrauen, dass Kinder beim Spielen komplexere Erfahrungen als beim Vokabellernen machen. Förderinstitutionen übernehmen in bildungsnahen Haushalten häufig dieselbe Funktion wie anderswo der Fernsehapparat. Kinder befinden sich – wenn sie in Lernzentren pauken – nicht auf dem Spielplatz oder auf der Straße, wo nach Überzeugung einer überbehütenden Elterngeneration ständig Gefahren lauern. Sie sind – genau wie vor dem Fernseher – beschäftigt und ruhiggestellt. Der Förderkurs sei dabei lediglich die gesellschaftlich angesehenere Unterbringungsform, schreibt Bergmann. Ein Zweijähriger vor dem Fernsehapparat, das sehe übel aus. Aber derselbe Zweijährige in einem Englisch-Förderkurs, das wirke engagiert, obwohl der Kleine dort nicht ein Gran klüger werde.

Kinderbücher vorlesen ist besser

Dass Eltern ihren Kindern heute immer früher immer mehr Leistung abfordern und ihnen zugleich die eigene emotionale Zuwendung entziehen, schließt Bergmann zudem aus einer kürzlich erschienenen Studie, derzufolge 37 Prozent der Eltern ihren Kindern unter fünf Jahren noch nie etwas vorgelesen haben. Bemerkenswert ist, dass das Bildungsmilieu dabei kaum eine Rolle spielt. 66 Prozent der Eltern, die heute noch zu Vorlesebüchern greifen, haben Hochschulreife. Bei den Müttern und Vätern mit Hauptschulabschluss sind es 60 Prozent.

Dass gerade vertraute Rituale wie das Vorlesen vor dem Einschlafen die Entwicklung der Kinder fördern, weil sie das Verarbeiten von Wörtern und Geschichten mit der Erfahrung von emotionaler Nähe verknüpfen, hat Bergmann ebenso wie der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther immer wieder betont. Vor allem für nicht so gut betuchte Eltern hat diese Erkenntnis einen angenehmen Neben­effekt: Ein gutes Kinderbuch ist preiswerter als jeder Englisch-, Spanisch- oder Chinesischkurs.

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