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Wissen Konstanzer Forscher entwirft ersten Moraltest
Nachrichten Wissen Konstanzer Forscher entwirft ersten Moraltest
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09:47 02.08.2009
Der Psychologe Georg Lind hat einen Moraltest entwickelt. Quelle: Michael Latz/ddp
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Das Ergebnis der damit verbundenen zweijährigen Studie ist verblüffend, wie Trainer Mathias Scharlipp berichtet: „Wir sind davon ausgegangen, dass der Rückgang der moralischen Urteilskraft im Gefängnis höchstens aufgehalten werden kann.“ Ein Test hat jedoch ergeben: Die Urteilsfähigkeit der Häftlinge kann durch Diskussionen sogar verbessert werden.

Den weltweit ersten Test zum Nachmessen der moralischen Urteilskraft hat der Psychologe Georg Lind von der Universität Konstanz erfunden. Der Test ist mittlerweile in 30 Sprachen übersetzt. Es geht um die Frage, in wieweit Menschen Argumente nach ihrer moralischen Qualität bewerten und sich nicht nur von ihrer eigenen Meinung leiten lassen. Diese Fähigkeit könne man trainieren, betont Lind. Mit den Trainingsmöglichkeiten beschäftigten sich jüngst gut 100 Wissenschaftler bei einem Kongress an der Universität Konstanz.

Erstaunlicherweise erhalten bei dem Test Medizinstudenten eine weit schlechtere Diagnose als die Berliner Häftlinge: Obwohl Mediziner wie keine andere Berufsgruppe bei Entscheidungen über Leben und Tod mit moralischen Fragen konfrontiert werden, geht bei ihnen die moralische Urteilsfähigkeit im Laufe des Studiums zurück. Das hat die Psychologin Marcia Schillinger von der Pädagogischen Hochschule Weingarten in einer Untersuchung unter 1149 Studenten verschiedener Fächer und Länder herausgefunden. Der Grund: Gerade im Fach Medizin muss viel gepaukt werden. Eigenständiges Denken ist weniger gefragt. Doch genau darauf kommt es bei der Bewertung moralischer Fragen an.

Für sein Moraltraining hat der 63-jährige Psychologe Lind die sogenannte Konstanzer Dilemmadiskussion entwickelt, wie sie auch im Gefängnis Moabit angeboten wird. Nach dieser Methode werden strittige Themen wie Sterbehilfe, Folter oder Abtreibung diskutiert. Die Teilnehmer lernen zuzuhören, zu argumentieren und Argumente zu bewerten. Die Methode kam auch schon bei Schülern und im Altenheim zum Einsatz.

Nach Foltervorwürfen bei der Bundeswehr schulte der Konstanzer Wissenschaftler sogar Soldaten der Bundeswehr. „Das ist ein sehr intelligentes Programm“, urteilt Oberstleutnant Mathias Wilke, Teilnehmer und Dozent am Zentrum für Innere Führung in Koblenz. Die Wirkung gehe über den theoretischen Moralunterricht hinaus, glaubt der Soldat.

„Im Grunde haben alle Menschen in allen Kulturen moralische Ideale“, erklärt Moralforscher Lind. Nur mit der Umsetzung hätten manche Menschen Probleme. Für den Wissenschaftler ist Moral daher keine Einstellungsfrage, sondern eine Fähigkeit, die man erlernen kann. Während sich die Ideale in verschiedenen Kulturen kaum unterscheiden, gebe es in der Urteilsfähigkeit riesige Unterschiede. Die Ursachen dafür sieht Lind nicht in politischen Systemen, sondern in der Bildung und der Qualität des Unterrichts. Auch die Religion spiele eine wichtige Rolle.

So offenbarten dem Wissenschaftler zufolge Studien in Rumänien, im Iran und in Lateinamerika, dass dogmatische Religiosität negative Folgen auf die moralische Urteilskraft haben kann. Die Studienteilnehmer übernahmen dort nicht nur die Meinung der Kirche, sondern weigerten sich, über kritische Themen wie Sterbehilfe überhaupt nachzudenken. „Das ist in Deutschland bei streng Evangelikalen übrigens nicht anders“, sagt Lind. Nach Meinung des Psychologen verhält es sich mit der moralischen Urteilskraft wie mit einem gebrochenen Bein: „Wenn man es nicht benutzt, werden die Muskeln schlaff.“

Die Uni Ulm zieht aus der Studie bereits Konsequenzen: Ab dem Wintersemester sollen dort Medizinstudenten in einer Projektgruppe moralische Fragen nach der Konstanzer Dilemmadiskussion erörtern. Eingeübt werden kann die moralische Urteilsfähigkeit laut Lind aber auch durch mehr Eigenverantwortung im Lehrplan, durch Projektarbeit, Vereinsarbeit oder beim Ferienjob.

ddp

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