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15:08 22.02.2018
Prostatakrebs ist die häufigste bösartige Krebserkrankung bei Männern. In Heidelberg wurde vor wenigen Jahren eine Diagnose entwickelt, die einen Meilenstein für die Behandlung bedeutet. Quelle: dpa
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Berlin

Krebs ist eine vernichtende Diagnose. Ein Feind, der im Innern wuchert und in vielen Fällen zum Tode führt. Man kann das Risiko, an Krebs zu erkranken, zwar minimieren, es auszuschließen ist unmöglich. Jeder, vom kleinen Kind bis zum Greis, vom Kettenraucher hin zum Triathleten, kann von ihm betroffen sein. Etwa 200 000 Menschen pro Jahr versterben in Deutschland an der Krankheit. „Krebs ist vielschichtig“, sagt Thomas Wiegel vom Universitätsklinikum Ulm. Er ist Präsident des Deutschen Krebskongresses, der an diesem Mittwoch in Berlin losgeht.

Das Motto lautet: „Perspektiven verändern Krebs. Krebs verändert Perspektive.“ Der erste Teil bezieht sich dabei auf die Diagnose der Krankheit, ein Kapitel der Behandlung, deren Fortschritte oftmals ins Hintertreffen geraten, das aber nicht weniger wichtig ist. Heinz-Peter Schlemmer vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg sagt: „Die Früherkennung ist das A und O in der Onkologie. Das war es schon immer und ist bei allem Respekt vor den verbesserten Therapieverfahren das Allerwichtigste. Denn je kleiner der Tumor ist, umso einfacher kann er entfernt werden und umso weniger wird er gestreut haben.“

Der deutsche Mann ist ein Muffel bei der Krebsfrüherkennung

Bestimmte Früherkennungsmaßnahmen sind bekannt und werden von Krankenkassen anerkannt. Die Mammographie für Brustkrebserkrankungen bei Frauen oder die Darmspiegelung bei Männern. Während Frauen wesentlich zuverlässiger diese Früherkennungsmaßnahmen in Anspruch nehmen, ist das bei Männern anders: „Die deutschen Männer sind bei der Früherkennung von Krebs Muffel. Vielmehr müssten von ihnen müssten mit 55 Jahren eine Darmspiegelung durchführen lassen. In diesem Alter können Vorstufen von Krebs erkannt und sicher entfernt werden“, beklagt Thomas Wiegel.

Frühdiagnosen können Vorstufen der Krankheit aufweisen, schwierig wird es, wenn der Krebs erst einmal da ist. Beim Lungenkrebs ist es zum Beispiel so, dass dieser nur geheilt werden kann, wenn er früh genug erkannt wird. Was in den seltensten Fällen der Fall ist.

Eine große Entwicklung gab es bei der Diagnose des Prostatakrebs

Die häufigste, bösartige Krebserkrankung bei Männern ist der Prostatakrebs. Hier gab es vor ein paar Jahren aus Heidelberg eine spektakuläre Innovation aus Heidelberg. Die Prostata stößt ein für sie spezifisches Eiweiß aus. Das gleiche Eiweiß wird von Krebszellen ausgestoßen. Wenn beim ersten Mal Prostatakrebs festgestellt wird, wird das Organ entfernt. Tumoren sind jedoch anfällig für Rezidive, das heißt, sie kehren oftmals zurück. Für genau diesen Fall hat die Radiochemie-Abteilung am Forschungsinstitut in Heidelberg ein Antigen entwickelt, das sich an die von den Krebszellen exprimierten Eiweiße anheftet. In einem speziellen Tomographen werden diese Eiweiße sichtbar.

Der Vorteil dieses Verfahren liegt darin, dass der Krebs schon im ganz frühen Stadium erkannt und durch eine relativ schonende Strahlentherapie behandelt werden kann. Ein Meilenstein für die Behandlung von Prostatakrebs. „Je genauer der Tumor lokalisiert wird, desto präziser kann ich mein Strahlenfeld berechnen und das bestmögliche Ergebnis für den Patienten erzielen“, sagt Matthias Lampe, Strahlentherapeut am medizinischen Versorgungszentrum DTZ in Berlin, wo das Verfahren seit 2013 eingesetzt wird. Davor waren Strahlentherapeuten dazu gezwungen, Regionen zu bestrahlen, in denen der Krebs aus Erfahrungswerten am wahrscheinlichsten saß. Im Zweifel wurde der Tumor dabei gar nicht getroffen.

Klinische Studien sind in Deutschland ein großes Problem

Problem bei der relativ neuen Diagnostik ist die Anerkennung der Krankenkassen. Denn die speziellen Tomographen, die sowohl das Körperbild als auch die radioaktiven Antigene sichtbar machen, werden bisher nur in Ausnahmefällen von den Krankenkassen erstattet. Obwohl diese Apparate einen hohen Stellenwert bei Ärzten haben, fehlen klinische Studien, um deren Qualität zu untermauern. „Solche Studien kosten Geld. Pharmafirmen bringen zwar ihre Medikamente, aber nicht Diagnostika in Studien, weil sie daran weniger Interesse haben. Bei der Finanzierung solcher Studien ist der Staat gefordert einzuspringen“, sagt Kongresspräsident Thomas Wiegel. Studien in diesen Bereichen können mehrere Millionen Euro kosten.

Die Förderung solcher Studien durch den Staat wird eines der Hauptanliegen der Kongressteilnehmer sein. Bei der Tagung werden auch Politiker teilnehmen. „Letztlich kann man Geld sparen, sollte sich bei einer Studie zeigen, diese Diagnostik ist die Beste. Dann wird man sich auf diese zukünftig konzentrieren und andere nicht mehr bezahlen müssen“, sagt Wiegel.

Medizin wird immer komplizierter

Wenn beim Ärztekongress nun ganz unterschiedliche Berufsgruppen aufeinandertreffen, zeigt sich, wie kompliziert und kleinteilig Medizin geworden ist. Große Würfe sind eigentlich nur noch durch Teamarbeit möglich. „Die Behandlungsmöglichkeiten werden immer komplexer und anspruchsvoller. Deswegen ist es wichtig, dass wir interdisziplinärer und sektorenübergreifender arbeiten“, sagt Wolfgang Mohnike vom DTZ. Radiologen, Strahlentherapeuten, Radiochemiker, Urologen, Physiker und viele mehr müssen zusammenarbeiten.

Der Leiter der Radiologie am Krebsforschungszentrum in Heidelberg, Heinz-Peter Schlemmer, spricht vom enormen Potenzial, das sich aus der Kombination von Molekularbiologie und modernen bildgebenden Verfahren entwickeln könnte. Denn erstgenannte haben in der molekularen Diagnostik hochsensible Instrumente entwickelt, um Krebs festzustellen. „Meine Vision wäre, die Molekularbiologie mit einer entsprechenden Bildgebung zu kombinieren, um den Tumor genau zu lokalisieren“, sagt er. Große Sprünge, so der Leiter der Radiologie, seien auch beim Stichwort Künstliche Intelligenz zu erwarten. Der Computer könnte auf Bildern Muster erkennen, die dem menschlichen Auge entgehen und eine Vorauswahl treffen, die er dem Radiologen vorlegt. Krebs zu heilen, das ist beim Krebskongress klar, ist das Ziel aller. Notwendig dafür ist aber, ihm zuerst ein Gesicht zu geben.

Von Jean-Marie Magro

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