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Mobbing ist Chefsache

Auf der Couch – der Expertentipp Mobbing ist Chefsache

Ist Mobbing menschlich? Von wegen. Das erste Mobbingopfer war ein Fuchs. Er pirschte sich an Gänse heran, um sie anzufallen. Doch das Federvieh schlug zurück: Es bildete einen Mob und jagte den Fuchs zum Teufel. Staunender Beobachter war der Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der sich gleich ein Wort dafür ausdachte: Mobbing.

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Martin Wehrle ist Karrierecoach und Bestseller-Autor, sein aktuelles Buch: „Der Klügere denkt nach – Von der Kunst, auf die ruhige Art erfolgreich zu sein“ (Mosaik, 2017).

Quelle: gpt

Hannover. Längst sind es nicht mehr die Schwachen, die sich per Mobbing gegen die Starken wehren, Mobbing ist zur Chefsache geworden. In 70 Prozent aller Mobbingfälle mischt ein Vorgesetzter mit, weist eine Studie des Psychologen Dieter Zapf nach. Und so funktioniert das im Alltag: Zum Beispiel sagt der Chef bei einer Besprechung: „Herr Müller, das Team erwartet mehr Engagement von Ihnen. Hängen Sie sich endlich rein!“ Dieser öffentliche Rüffel signalisiert den Jagdhunden in der Firma: Hier wurde ein Kollege zum Freiwild erklärt. Warum sonst hat der Chef seine Kritik öffentlich und im Namen des Teams geäußert, statt ein Vieraugengespräch zu suchen?

Mobbing beginnt mit sozialer Ausgrenzung. Die Kollegen gehen in die Kantine, doch Herr Müller wird im Büro „vergessen“. Er muss sich böse Witze gefallen lassen, die anderen lachen auf seine Kosten. Beim Meeting bleibt der Stuhl neben ihm leer. Und wenn er sich mal zu Wort meldet, wird seine Idee sofort in der Luft zerrissen. Oder man unterbricht ihn.

Mobbing gedeiht in schlechtem Klima

Schließlich wird Herr Müller ignoriert. Weil Infos an ihm vorbeilaufen, macht er Fehler. Weil er Fehler macht, greift man ihn an. Weil er angegriffen wird, schwindet sein Selbstvertrauen. Am Ende kommt es zur Abschiebung aus dem Team: Er landet in einem Büro am Flurende, dem Abstellgleis. Man weist ihm Arbeiten zu, die ihn überfordern (unrealistische Termine), demütigen (Kopien machen) oder zu Tode langweilen (zehn Minuten Arbeit für acht Stunden).

Herr Müller wird krank – doch man unterstellt ihm, dass er nur krankmacht. Angeblich auf Kosten des Teams. Nach seiner Rückkehr wird er offen beschimpft und angegangen – bis er es eines Tages nicht mehr aushält und dauerhaft krank wird. Oder selbst kündigt. Das spart seiner Firma die Abfindung.

Mobbing ist wie Schimmelpilz, es gedeiht in schlechtem Klima. Wenn Firmen ältere Mitarbeiter rausekeln, den Konkurrenzkampf fördern, Leiharbeiter ausbeuten, dann ist das Dünger fürs Mobbing. Ich bin sogar sicher: Vorgesetzte sind nicht nur an 70 Prozent der Mobbings beteiligt, sondern an 100 Prozent. Denn ein Chef, der diesen Namen verdient, nimmt Mobbing wahr. Wer die Augen zumacht, macht sich schuldig – so wie ein Schiedsrichter, der einer Mannschaft alle Fouls durchgehen lässt, für immer mehr Brutalität auf dem Platz sorgt.

Beherztes Einschreiten ist gefragt

Was kann der Gemobbte selbst tun? Zum Beispiel seinen Angreifer früh zur Rede stellen: „Ich habe gehört, du verbreitest folgendes Gerücht über mich ... Warum tust du das?“ So zeigt er sich wehrhaft. Wer von Kollegen gemobbt wird, sollte sich zudem immer an seinen Vorgesetzten wenden. Dieser muss auf solche Meldungen reagieren. Unternimmt der Chef nichts, verletzt er seine Fürsorgepflicht. Betroffene haben dann unter Umständen Anspruch auf Schadensersatz oder Schmerzensgeld.

Komplizierter wird es natürlich, wenn der Chef selbst der Mobber ist. Den Opfern bleibt dann nur zum Betriebsrat oder vor Gericht zu gehen. Aussicht auf Erfolg haben Betroffene dort aber nur, wenn sie ihre Vorwürfe belegen können. Sie sollten die einzelnen Mobbingvorfälle deshalb schriftlich und chronologisch dokumentieren.

Die Kultur einer Firma, die Haltung eines Vorgesetzten, die Courage der Kollegen: Das sind die besten Waffen gegen Mobbing. Wo sich die Mehrheit hinter dem Angegriffenen schart, wo Vorgesetzte beherzt einschreiten, wo ein tägliches Miteinander gelebt wird, dort hat Mobbing so wenig Chancen wie ein Schimmelpilz im Trockenen. Manches Mobbing lässt sich abstellen, ehe es zum internen Volkssport geworden ist.

Von Martin Wehrle/RND

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