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Was darf ein Lebensjahr kosten?

Niederlande diskutieren Was darf ein Lebensjahr kosten?

Die Debatte ist schmerzhaft: Weil manche medizinische Behandlung extrem teuer ist und die Gesellschaft sie deshalb nicht für jeden Patienten finanzieren kann diskutieren die Niederlande derzeit darüber, in welchen Fällen sich eine Behandlung lohnt.

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Was darf ein Lebensjahr? Die Niederlande führen gerade eine intensive Debatte.

Quelle: dpa/Archiv

Amsterdam. Der erste Tumor war dünner als eine Bleistift-Spitze, nur 0,8 Millimeter. Von diesem Punkt breiteten sich Metastasen im ganzen Körper aus, bis in den Kopf. Im Januar 2010 wurde bei Astrid Nollen eine bösartige Form von Hautkrebs entdeckt. Die Mutter von drei kleinen Kindern war damals 36 Jahre alt. Eine Chemotherapie und zwei Operationen halfen nicht. Als letzte Möglichkeit verschrieb ihr Arzt eine Immuntherapie: eine neue Behandlungsmethode, die zwölf Wochen dauert - und 80.000 Euro kostet.

Astrid Nollen sitzt am Küchentisch in Bussum, einem Städtchen nahe Amsterdam. Nur in etwa 20 Prozent aller Fälle wirkt die Immuntherapie. Nollen wurde durch sie geheilt. In einer Stunde holt sie die Kinder von der Schule ab. Sie ist zurück in einem normalen Leben. "Ohne die Immuntherapie wäre ich heute nicht mehr hier", sagt sie. Die Studien deuten aber auch darauf hin, dass bei vier von fünf Patienten die Therapie nicht wirkt. Bezahlt werden muss sie trotzdem. In den Niederlanden wird deshalb diskutiert, wie viel die Gemeinschaft für den einzelnen Patienten in Zukunft aufbringen kann. Im Kern geht es um die Frage, wie viel Solidarität man sich leisten kann.

Experten diskutieren über einen Maximalbetrag, möglicherweise 80.000 Euro. Therapien würden nicht mehr bezahlt, wenn die Kosten für ein gewonnenes Lebensjahr über diesem Betrag lägen - wenn beispielsweise durch eine Therapie für 100.000 Euro "nur" ein paar Monate mehr an Lebenszeit erreicht werden. Zugrunde liegt eine Kosten-Nutzen-Rechnung: Sind die Ausgaben dafür gerechtfertigt oder ist das Risiko zu groß, dass eine Therapie nicht wirkt?

Wouter Bos war Finanzminister und leitet heute das Amsterdamer Universitätsklinikum. "Wir w issen, dass es heute bereits Obergrenzen gibt, die aber schwer zu kontrollieren sind", sagte er in der Fernsehsendung "Een Vandaag". Bos warnt vor einer gefährlichen Grauzone: "Wenn wir keine Vereinbarung treffen, werden Entscheidungen irgendwann irgendwo durch irgendwen getroffen." In den Niederlanden müssen die Kliniken innerhalb eines zugewiesenen Budgets arbeiten.

"Bei der Diskussion um eine Obergrenze geht es darum, ein transparentes Kriterium dafür zu entwickeln, welche Gesundheitsleistungen sich eine Gesellschaft nicht leisten möchte", erklärt Harald Tauchmann, Professor für Gesundheitsökonomie an der Uni Erlangen. Transparenz sei wichtig, weil sonst im Einzelfall zufällig und unsystematisch entschieden werde, ob eine Behandlung begonnen wird. Befürworter in den Niederlanden argumentieren, eine Regelung sei deshalb gerechter.

Kritiker dagegen meinen, ein Maximalbetrag sei in der Praxis nicht umzusetzen. Zu viele Patienten würden durch das Raster fallen. Außerdem gebe es im Gesundheitssystem noch genügend Reserven. In Deutschland stehe aus diesem Grund ein Maximalbetrag nicht zur Diskussion, sagt Ann Marini vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen. Eher brauche man eine gesellschaftliche Debatte darüber, wie sich die unverhältnismäßigen Gewinn-Interessen der Pharmaunternehmen begrenzen ließen.

Astrid Nollen sagt, sie hätte die Behandlung bei einer Obergrenze der Therapiekosten vermutlich nicht bekommen. Zu groß wäre das Risiko gewesen, dass sie nicht wirkt. Bisher wird die Immuntherapie nur bei wenigen Patienten eingesetzt, erklärt Nollens Arzt in Amsterdam, der deutsche Mediziner Christian Blank. Nur deshalb könne man die Behandlungen noch finanzieren.

"Bald könnte es aber nicht mehr um Hunderte Fälle gehen, sondern um Tausende", sagt Blank. Künftig könnte die Immuntherapie auch bei Lungen-, Blasen- und Nierenkrebs angewendet werden. Noch laufen die Studien für die Einführung in Europa, im nächsten Jahr aber könnten bereits die Preisverhandlungen beginnen.

Allein in Deutschland erkranken jedes Jahr rund 40.000 Menschen neu an Lungenkrebs. Blank rechnet vor: Gehe man von möglichen Kosten von 100.000 Euro für die neue Therapie aus, wären das vier Milliarden Euro. Hinzu kommt ein allgemeiner Trend in der modernen Medizin: Therapien werden individueller, immer spezieller - und immer teurer. Die Folge davon könnte laut Blank sein, dass bald auch in Deutschland eine Kosten-Nutzen-Diskussion zu führen ist.

epd

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