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Wissen Pädagoge Wolfgang Bergmann spricht über seine Krebserkrankung
Nachrichten Wissen Pädagoge Wolfgang Bergmann spricht über seine Krebserkrankung
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14:47 28.08.2010
Wolfgang Bergmann hält am Sonnabend, 4. September, ab 20 Uhr eine Lesung im Café Lohengrin in der List über das Thema "Nachdenken über den Tod, während man ihm ins Angesicht schaut". Quelle: Nico Herzog

Herr Bergmann, Sie sind schwer an Knochenkrebs erkrankt. Wie geht es Ihnen heute?

Mir geht es besser, als mein Befund erwarten ließe, aber nicht wirklich gut. Ich spüre, ich werde schwächer, nicht von ­einer Woche zur nächsten, aber von einem Monat zum nächsten.

Vor einer Woche sind Sie schwer gestürzt. Was ist geschehen?

Ich bin zweimal gestürzt: einmal, ganz gespenstisch, nachts im Zimmer. Ich sah, wie eine fremde Gestalt hinfiel und merkte: Das bin ich ja selber. Ich habe mir die Wirbelsäule gebrochen und 14 Tage nach der Operation der Wirbelsäule die Hüfte. Das ist eine sehr intensive Behinderung meines Lebens. Viele Dinge, die ich früher mit links machen konnte, gehen jetzt nicht mehr.

Haben die Stürze mit Ihrer Krankheit zu tun?

Unmittelbar. Man ist unsicherer auf den Beinen, man nimmt massive Schmerzmittel, die das Wahrnehmungssystem durcheinanderrütteln. Zudem würde bei so einem Sturz normalerweise nichts brechen. Aber in meinem Fall, wo die Knochen nicht mehr so stabil sind, schon.

Wann genau haben Sie von Ihrer Krankheit erfahren?

Mitte Februar dieses Jahres. Nach der ersten Computertomographie war klar: Die Krankheit ist unheilbar. Trotzdem folgte eine Odyssee durch Krankenhäuser, Arztpraxen. Man wird von Institu­tion zu Institution gereicht. Man findet kaum einen Arzt, bei dem man eine kompetente, umfassende Auskunft bekommt. Man wartet auch als Schwerkranker bis zu fünf Stunden auf ein Gespräch von zehn Minuten. Und das ist nicht die Schuld der Ärzte. Das System versagt. Wir bräuchten dringend eine beratende, fürsorgliche Betreuung für Leute, die es so hart erwischt. Dazu kommt die Hetze des modernen Medizinbetriebs. Selbst in Krankenhäusern bewegt man sich ausschließlich im Laufschritt. Es ist ein Wunder, dass da nicht reihenweise Leute sterben, allein aus Versehen.

Wie haben Sie reagiert, als Sie die Diagnose erfahren haben?

Ich war verblüfft, damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. In den ersten ­Wochen habe ich schwere Fehler gemacht, einfach, weil man mir höchstens im Nebensatz gesagt hat, wie eilig und wichtig manche Schritte sind. Heute weiß ich, dass in dieser Zeit meine Metastasen massiv explodiert sind. Erst auf der Palliativstation im Siloah-Krankenhaus kam ich zur Ruhe. Manchmal spürte ich eine fast melancholische Heiterkeit.

Haben Sie eine Chemotherapie gemacht?

Nein, keine Chemotherapie, auch keine Operation. Dafür war es zu spät.

Wie sieht Ihre derzeitige Therapie aus?

Ich bekomme eine Antihormontherapie und einmal im Monat Infusionen, um die Knochen zu stabilisieren. Viel mehr kann man wohl nicht machen.

Was ist eine Antihormontherapie?

Was man sonst mit dem OP-Messer macht, macht man hier mit einem Medikament. Es blockt die hormonellen Anteile, die zum Wachstum des Krebses führen.

Haben Sie Schmerzen?

Die Schmerzen halten sich in Grenzen, wegen des hoch dosierten Morphiums. Was einen mürbe macht, ist, dass diese Schmerzen einfach immer da sind. Man wacht morgens auf, und es tut weh. Man bewegt sich, und es tut weh. Dazu ist einem ständig übel von den Medikamenten. Diese Symptome sind kaum zu bewältigen, sie sind immer da.

Haben Ihre Ärzte Ihnen gesagt, wie lange Sie noch leben werden?

Nein, ich glaube, sie wissen es auch nicht. Im besten Fall vier oder fünf Jahre, das halte ich aber für extrem unwahrscheinlich. Es kann auch sein, dass ich mich in vier oder fünf Monaten allmählich aus dem Leben verabschiede.

Was gibt Ihnen Halt?

Nichts, außer der einfachen Tatsache des Lebens. Ich genieße jeden Cappuccino, jede Freundlichkeit von Menschen. Ich bekomme sehr empfindsame Briefe von Kindern, die mit elf, zwölf Jahren bei mir in der Praxis waren. Ich lebe nicht mehr mit zwei Dritteln in der Zukunft und einem Drittel in der Vergangenheit. Das bringt einem die Krankheit auch bei. Wenn ich früher einen Cappuccino trinken wollte, dann ging ich eben schnell ­einen Cappuccino trinken. Heute genieße ich das mit allen Sinnen. Es gibt eine Gegenwart ohne Zukunft. Auch das lehrt der Krebs.

Haben Sie Träume, die Sie unbedingt noch verwirklichen wollen?

Stimmt, ich könnte jetzt machen, was ich will. Ich könnte sogar jemanden auf der Straße erschießen, viel passieren würde mir nicht. Ich bekäme vermutlich sogar Haftverschonung. Aber warum sollte ich das tun? Das Extraordinäre hat auch etwas zutiefst Banales. Außerdem hatte ich in den letzten 20 Jahren das Privileg, genau das zu machen, was ich will: mit Kindern hilfreich zu spielen, Eltern beratend zur Seite zu stehen – und über all das, was ich lese und erfahre, Bücher zu schreiben. Was soll ich auf Tahiti?

Was bedeutet Ihnen Ihre Arbeit?

Wenn da so ein Dreijähriger neben mir her watschelt, dann geht mir das Herz auf, heute genau wie früher. Der Blick auf die Kinder, das glaube ich fest und habe es immer wieder überprüft, schärft sich am eigenen Todeswissen, das ja sowieso nur abstrakt ist, nicht gefühlt. Man schaut nachdenklicher, konzentrierter. Man hat mehr Gefühl für die Kostbarkeit des Lebens, denkt öfter: Herrgott, das ganze Leben liegt noch vor diesem Kind, hoffentlich machen es jetzt nicht irgendwelche überehrgeizigen Eltern oder dämliche Schulen kaputt.

Sie behandeln auch noch Patienten ...

Ja, und ich mache es mit derselben Lebensfreude und Intensität wie früher, im Spielen mit den Kindern und in der Beratung der Eltern.

Spielt Abschiednehmen in Ihrem Leben eine Rolle?

Sentimentalitäten im Umgang mit Tod und Abschied kann ich mir nicht leisten. Wenn ich mit Sätzen wie „Ach, du lebst ja nicht mehr lange. Wie traurig!“ konfrontiert werde, dreht sich in mir etwas weg und sagt: „Ja, aber im Moment lebe ich noch.“

Wie geht man um mit der Angst?

Mit existenzieller Angst kann man nicht umgehen. Sie kommt und geht. Auch die Zuversicht kommt und geht. Und man weiß, ganz zu allerletzt wird nicht Zuversicht sein.

Wie reagiert Ihre Freundin auf die Krankheit?

Sie pendelt zwischen Verleugnen und Traurigsein. Ich glaube, von außen kann man nur das tun. Aus dem eigenen Inneren wachsen einem manchmal ganz andere Kräfte zu. Manchmal macht sie Witze über das Sterben. Das liebe ich.

Warum?

Weil es nicht sentimental ist. Ich habe mal gesagt, ich lege mich irgendwann wie die alten römischen Senatoren in die Badewanne und schneide mir die Pulsadern auf. Da hat sie gesagt, ich lege mich daneben und plansche. Das lässt mir das Herz aufgehen.

Sie werden in Kürze einen Vortrag über das Leben im Angesicht des Todes halten. Warum?

Das gibt mir einen Kick. Es ist ein Lebensprinzip von mir, aus allem den letzten Funken an Erleben rauszuholen. Wenn ich schon so eine Krankheit habe, dann will ich auch den Kick haben, der dazu gehört. Ich will darüber reden, ich will es spüren, ich will merken, was andere spüren, wenn ich darüber rede. Indem ich es in meine Sprache fasse, erreiche ich dazu einen ganz anderen Grad der Reflexion.

Und wenn die Kraft Sie beim Sprechen verlässt?

Auch das gehört zur Freiheit des Sterbens. Niemand zwingt einen, den Schein aufrechtzuerhalten. Ich könnte mitten im Vortrag anfangen, in Tränen auszubrechen. Es würde mir wenig ausmachen. Ich würde einfach sagen: „Liebe Leute, ich gehe jetzt nach Haus.“

Beschäftigen Sie sich mit dem Sterben?

Ich weiche nicht aus, ich begebe mich da rein. Ich suche täglich Informationen, wer etwas darüber weiß, was beim Sterben passiert. Es hilft mir, in diese Vorstellungswelt hineinzugehen, solange ich noch Herr über die Situation sein kann. Schlimm ist es, wenn man seelisch abgleitet, wenn man das Gefühl hat, man kann eigentlich gar nichts mehr steuern. Dieses Gefühl der Ohnmacht ist sehr schwierig.

Glauben Sie an ein Leben nach den Tod?

Überhaupt nicht. Das widerspricht jeder psychologischen Erkenntnis. Das Ich hat sich in den ersten drei Lebensjahren gebildet: nach der Geburt, auf der Grund­lage des Körpers. Vom Körper wissen wir, dass er nicht wieder aufsteht. Was soll also bleiben?

Das klingt nicht gerade tröstlich ...

Tröstlich ist die Erkenntnis, dass der Tod wie das Leben selbst ein Geheimnis ist. Man kehrt in etwas ein, von dem wir nichts wissen, von dem wir überhaupt keine Chance haben, irgendetwas zu erfahren. Sterben ist etwas radikal Anderes als alles, was vorher war. Diesen Gedanken finde ich ermutigend.

Sie glauben nicht, dass etwas von uns übrig bleibt?

Es gibt einen Satz von Paulus, mit dem ich jeden meiner Vorträge beende: „Die Liebe höret nimmer auf.“ Das ist das Einzige, was ich dem Tod entgegenhalten kann. Ich verlasse mich ein bisschen darauf.

Interview: Jutta Rinas

sus dsc

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