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Dr. med. Dünnbrettbohrer

Plagiatsdebatte Dr. med. Dünnbrettbohrer

Ursula von der Leyen soll in ihrer 25 Jahre alten Dissertation abgeschrieben haben. Die Zweifel an der Wissenschaftlichkeit und Originalität der Doktorarbeit der heutigen Bundesverteidigungsministerin sind auch Ausdruck eines Missverständnisses.

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Der Doktortitel – völlig überschätzt oder Nachweis von Qualifikation?  

Quelle: imago

Berlin. Die Doctores der Medizin müssen mit einem sonderbaren Widerspruch leben. In der Bevölkerung genießen sie hohes Ansehen. In der Fachwelt aber hat der Ursprung ihres Titels, die Doktorarbeit, einen miesen Ruf. Keine andere Promotion erweckt so viel Skepsis und Misstrauen wie die medizinische. Als Dr. Dünnbrettbohrer gelten Mediziner mit Titel oftmals, weil sie ihre Doktorarbeit vergleichsweise schnell und in überschaubarem Umfang fertig haben. Die Zweifler finden nun neue Bestätigung - in den von der ­VroniPlag-Plattform bekannt gemachten Details zur Promotionsschrift von Ursula von der Leyen.

Die Ärztin und heutige Bundesverteidigungsministerin von der Leyen soll in ihrer 25 Jahre alten Dissertation über Komplikationen bei der Geburtsvorbereitung und vorzeitigem Blasensprung abgeschrieben haben. Die Mitarbeiter von VroniPlag, dessen Kernteam aus Wissenschaftlern besteht, werfen von der Leyen vor, auf 27 der insgesamt 62 Seiten umfassenden Arbeit abgeschrieben oder falsch zitiert zu haben, und dokumentieren die angeblichen Plagiate mit einem Schaubild auf ihrer Internetseite. Demnach übernimmt die Autorin teils über längere Passagen Formulierungen aus anderen, älteren Publikationen, ohne dies kenntlich zu machen. Hat sie da bewusst geschummelt oder die Passagen in der Annahme übernommen, es handle sich um Allgemeinwissen, auf das es ja keinen Urheberschutz gibt? Solche Fragen hat jetzt die Medizinische Hochschule Hannover zu klären, wo von der Leyen promoviert wurde. Die Hochschule gab gestern bekannt, dass sie nach der Vorprüfung jetzt eine Hauptprüfung eingeleitet hat, was jedoch keinen Rückschluss auf das mögliche Ergebnis des Verfahrens zulasse.

Wie auch immer er ausgehen wird - der Fall von der Leyen ist symptomatisch. Zwar treffen die Plagiatsvorwürfe gegen Prominente erstmals eine Medizinerin. Doch unter den Arbeiten, die nachträglich beanstandet werden, finden sich besonders oft solche von Medizinern - nicht nur bei VroniPlag. Man kann dies mit der schieren Zahl an Medizinerpromotionen begründen. Immerhin stammten von den rund 28 000 ­erfolgreichen Doktorarbeiten im vergangenen Jahr 7300 von Medizinern - gut jede vierte Promotion also. Dabei stellen angehende Ärzte kaum 4 Prozent unter den Studierenden in Deutschland. Der Doktor scheint akademische Massenware zu sein. Sind niedrige Qualitätsstandards da nicht zwangsläufig?

„Nicht die Qualitätsanforderungen sind gering, sondern die zur Verfügung stehende Zeit ist knapp“, sagt Prof. Martin Lohse, Pharmakologe an der Universität Würzburg und Vizepräsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. „Anders als in anderen Naturwissenschaften dauert die medizinische Doktorarbeit in der Regel ein halbes bis ein ganzes Jahr und erfolgt studienbegleitend - sie dient nicht in erster Linie dem wissenschaftlichen Fortschritt, sondern ist ein Beleg dafür, dass man sich mal mit wissenschaftlichen Fragen auseinandergesetzt hat“, sagt Prof. Lohse. „Sie entspricht der einstigen Diplom- oder einer heutigen Master-Arbeit.“ Und dann schiebt Prof. Lohse noch den bemerkenswerten Satz nach: „Ich glaube nicht, dass ich in meiner wissenschaftlichen Arbeit jemals aus einer medizinischen Doktorarbeit zitiert habe.“ Was nach einer Entzauberung der Ärzteschaft klingt, verlangt nach einer Präzisierung: „Man muss unterscheiden zwischen dem medizinischen Doktortitel Dr. med. und dem naturwissenschaftlichen Dr. rer. nat.“, sagt Prof. Lohse. „Das sind zwei verschiedene Diplome.“

Der Dr. med. ist die Regel an medizinischen Fakultäten, der Dr. rer. nat. die Ausnahme. Um ihn zu erlangen, schwänzen Studenten Vorlesungen oder nehmen sich gleich eine einjährige Auszeit. Das stark verschulte, eng getaktete Medizinstudium gewährt kaum Freiräume für vertiefende Forschung. Doch beide Titel hätten ihre Berechtigung: „Die Promotion während des Studiums ist wichtig, um wissenschaftlichen Nachwuchs zu gewinnen“, sagt Prof. Matthias Frosch, Präsidiumsmitglied des Medizinischen Fakultätentags. „Zudem müssen künftige Ärzte ja nicht bloß wissen, wie man Blut abnimmt und Wunden näht - um neue Therapien anwenden zu können, müssen sie auch Studien deuten können.“ Prof. Frosch ist seit zehn Jahren Dekan der Medizinischen Fakultät an der Universität Würzburg, auch er hatte schon mehrere Plagiatsfälle abzuarbeiten. Muss denn heutzutage jeder Arzt auch ein Doktor sein? „Nein“, sagt Prof. Frosch. „Junge Mediziner finden heute problemlos Arbeit, 40 Prozent der Studenten promovieren ohnehin nicht mehr.“ Um die anderen 60 Prozent aber müsse man sich intensiver kümmern.

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Ursula von der Leyen
Foto: „Ich habe nach einem Hinweis, den ich Ende August bekommen habe, sofort die MHH gebeten, meine Doktorarbeit durch neutrale Experten prüfen zu lassen“, Ursula von der Leyen.

Im Ministerflügel des Berliner Bendlerblocks raufen Mitarbeiter sich die Haare: Schon wieder muss ein Verteidigungsminister seine alte Doktorarbeit verteidigen. Diesmal geht es um ein Thema aus der Frauenheilkunde, veröffentlicht im Jahr 1990. Und um Ursula von der Leyen.

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Von Redakteur Marina Kormbaki

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