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13:21 08.10.2018
Schmerzen, Anspannung oder Angst: Manchmal hilft es schon, wenn man seine Hände auf den Körper legt – und sich dadurch ein bisschen entspannter fühlt. Quelle: christian arivers/unsplash
Hannover

Kaum hat am Morgen der Wecker geklingelt, ist unser Tastsinn in Aktion: Die meisten Erwachsenen berühren dann erst mal den Lichtschalter, die Zahnbürste, die Seife, die Kaffeetasse,verschiedene Kleidungsstücke – und zwischendurch und spätestens danach: das Handy. Einen Großteil solcher Kontakte unserer Haut nehmen wir kaum noch wahr, sie sind in unseren Tagesablauf integriert. Nur: Wenn unsere Hände ausschließlich das – und dann noch das Lenkrad, die Tastatur des Rechners und die Fernbedienung – spüren, ist es eindeutig zu wenig. Der Mensch braucht es, im wahrsten Sinn des Wortes, von Menschen berührt zu werden.

Mit Berührungen Ängste lindern

Sicher, manche Männer und Frauen empfinden es als unangenehm, gestreichelt, umarmt oder auch nur per Handschlag begrüßt zu werden. Doch für die meisten sind wohlwollend gemeinte Hautkontakte angenehm – zum Glück. Denn erst durch sie spürten wir unsere Existenz, sagt Gabriele Mariell Kiebgis, die gemeinsam mit Prof. Bruno Müller-Oerlinghausen gerade das Buch „Berührung. Warum wir sie brauchen und wie sie uns heilt“ geschrieben hat. „Das beginnt schon im Mutterleib. Sehr bald entwickeln wir in unserem Leben eine ,Sprach-Bibliothek‘ von Berührungen und können umfangreich damit kommunizieren“, sagt die Körpertherapeutin und Autorin. „Wichtige Nervenfasern, die unter der Haut liegen, transportieren Berührungsimpulse direkt ins Gehirn, wo sie sortiert und bewertet werden und entsprechende Hormone ausschütten. Vernachlässigen wir diesen Vorgang, produzieren wir immer weniger Stoffe, die uns gesund halten und unser Überleben sichern.“ Ein solcher wichtiger Stoff ist Oxytocin, das sogenannte Hormon der Nähe. Wie zen­tral es für den Menschen ist, zeigen zahlreiche Untersuchungen: Für die gesunde Entwicklung eines Neugeborenen etwa ist körperlicher Kontakt zur Mutter lebensnotwendig.

Die Haut – die Schnittstelle zwischen Innen- und Außenwelt – ist ein zentrales Organ. Diese gut fünf Kilogramm schwere Hülle, die fast zwei Quadratmeter Fläche bedeckt, steckt voller Sensoren, die Reize ins Hirn transportieren. Wohlwollende Berührungen lösen, einfach gesagt, Wohlgefühl aus. Müller-Oerlinghausen und Kiebgis ist ein weiterer Aspekt besonders wichtig: Berührung kann Schmerzen lindern – und gegen Ängste helfen. Untersuchungen haben gezeigt, schreiben die Autoren, dass Massagen einen Rückgang von Angstsymptomen bringen können. Und Mediziner Müller-Oerlinghausen, emeritierter Professor an der Freien Universität Berlin, ist von den positiven Auswirkungen von Massagen bei depressiven Menschen überzeugt. Auch wenn der Experte für Depressionserkrankungen betont, dass es bislang wenig belastbare wissenschaftliche Untersuchungen gebe.

Kuschelroboter für die Pflege

Hilfsbedürftige und alte Menschen brauchen Hautkontakte oft besonders stark. Seit Jahren testen – gerade in Japan – Wissenschaftler den Einsatz von Robotern für die Pflege in Altenheimen. Die künstlichen Helfer sind mittlerweile zum Beispiel dazu in der Lage, Patienten daran zu erinnern, zu trinken oder ihre Medikamente zu nehmen. Außerdem gibt es sogenannte Kuschelroboter wie etwa Paro, der einer Robbe nachempfunden ist. Er wird in der Pflege dementer Patienten eingesetzt – mit dem Ergebnis: Wenn sie mit Paro kuscheln und knuddeln, reagieren Demente positiv – ähnlich wie im Umgang mit Therapiehunden.

Kiebgis findet allerdings menschliche Berührung in der Pflege von kranken und alten Patienten nötig: „Eine sanfte Berührung am Arm, an der Schulter oder mal über die Handoberfläche streicheln, löst sofort Akzeptanz und Mitgefühl aus“, sagt sie. Und: „Das Gleiche gilt in Pflegeeinrichtungen, wobei die Einsamkeit der Pflegebedürftigen eine große Rolle spielt. Wir können hier mit Berührung sehr viele Ängste mildern.“

Doch selbst wenn die angenehme, heilende Wirkung von Hautkontakten nahezu unumstritten ist, gilt Deutschland eher als „berührungsarmes“ Land. Wer einen Menschen, mit dem er nicht befreundet oder sehr vertraut ist, bei einem Gespräch zum Beispiel einfach mal an den Arm fasst, muss mit Ablehnung oder Zurechtweisung rechnen. Erwachsene kommunizieren eben mehr über Sprache als über Gesten oder Anfassen.

Kuschelpartys und Profi-Massagen

Zugleich gibt es jedoch eine Sehnsucht nach Berührung. In einer Gesellschaft, in der 41 Prozent der Bevölkerung laut Statistischem Bundesamt allein leben und viele davon nicht in einer festen Partnerschaft sind, ist das nicht überraschend. Kein Wunder also, dass sich Menschen seit einiger Zeit auf sogenannten Kuschelpartys zusammenfinden, um andere Körper zu spüren – und nicht, um Sex zu haben.

Autorin Kiebgis plädiert dafür und ermutigt dazu, dass man seriöse Kuschelpartys besucht und sich auch mal eine professionelle Massage gönnt, dass man tanzen geht (ihr besonderer Tipp: Tango Argentino) und in der Familie Berührung ausprobiert (sie stellt zahlreiche Übungen vor). Kiebgis empfiehlt, wenn einem danach ist, beim Friseur ruhig nach einer Kopfmassage zu fragen. Außerdem könnten Menschen mit einfachen Mitteln und ganz für sich für gute Berührungen sorgen. Ihr Tipp: Man kann zu Hause doch mal wieder ein Fußbad nehmen und sich anschließend die Füße eincremen – schön langsam, genüsslich und wohltuend.

Prof. Dr. Bruno Müller-Oerlinghausen/Gabriele Mariell Kiebgis: „Berührung. Warum wir sie brauchen und wie sie uns heilt“. Ullstein Verlag. 283 Seiten, 18 Euro.

Von Martina Sulner

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