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Warum jeder Dritte auf Urlaubstage verzichtet

Befragung des Deutschen Gewerkschaftsbundes Warum jeder Dritte auf Urlaubstage verzichtet

Sommerzeit gleich Urlaubszeit? Statt die Seele im Urlaub baumeln zu lassen, arbeiten viele Beschäftigte und lassen freie Tage verfallen. Ob das immer freiwillig geschieht?

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In der Reinigungsbranche verzichtet der DGB-Studie zufolge nahezu jeder zweite Angestellte auf einen Teil seines Urlaubsanspruchs.

Quelle: Franziska Kraufmann/dpa (Symbolbild)

Berlin. Reinigungskräfte und Bauarbeiter. Sie verzichten laut Deutschem Gewerkschaftsbund besonders oft auf einen Teil ihres Urlaubs und gehen stattdessen arbeiten. Oft seien das Beschäftigte, die den Verlust ihres Arbeitsplatzes fürchten. Ergebnis einer aktuellen Befragung des DGB: Jeder dritte Arbeitnehmer in Deutschland verzichtet auf Urlaubstage. Fachleute und die Politik sind alarmiert.

Ärztin: Urlaub wichtig für die Gesundheit

Egal ob am Meer, in den Bergen oder Zuhause auf Balkonien: Urlaub machen ist wichtig. So sieht es die Vizepräsidentin des Verbands der Betriebs- und Werksärzte, Anette Wahl-Wachendorf. Sie macht klar: "Wenn man auf Dauer keinen Urlaub macht, kommt man in einen Erschöpfungszustand". Berufstätige seien unkonzentriert, müde und machten Fehler.

Mit der Zeit kämen sie in eine chronische Erschöpfung und würden richtig krank, sagt die Medizinerin. Kann das im Interesse von Arbeitgebern sein? Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) reagiert knapp. Die Befragung des DGB zeichne ein "interessensgeleitet verzerrtes Bild". Es entspreche nicht den tatsächlichen Verhältnissen in der Arbeitswelt und tue allen betrieblichen Akteuren Unrecht. In Deutschland gebe es keinen Arbeitnehmer, dessen gesetzlicher Urlaubsanspruch nicht erfüllt werde.

Verzicht aus Angst vor Jobverlust

Doch in der Reinigungs- und Baubranche verzichtet der DGB-Studie zufolge nahezu jeder zweite Angestellte auf einen Teil seines Urlaubsanspruchs. Die Zahlen überraschen den Sprecher der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt, Ruprecht Hammerschmidt, wenig. Weil viele in der Branche nur befristet beschäftigt seien, hätten Chefs oft ein hohes Erpressungspotenzial. Er vermutet, dass die Angst vor einem Jobverlust gerade in Reinigungsfirmen sehr hoch ist.

Die Linksfraktion im Bundestag reagiert prompt: "Wenn Beschäftigte aus Angst, ihren Job zu verlieren, auf ihren Urlaub verzichten, dann muss die Bundesregierung aktiv werden", fordert die gewerkschaftspolitische Sprecherin Jutta Krellmann. Die Grünen bezeichnen die Umfrageergebnisse als "völlig inakzeptabel". Den gesetzlichen Mindesturlaub gebe es aus gutem Grund, heißt es aus dem Bundesarbeitsministerium. Es sei "gesamtgesellschaftlich" und "volkswirtschaftlich" sinnvoll und ratsam, wenn Arbeitnehmer ihre Urlaubstage auch wirklich nehmen.

In der Baubranche hat der Urlaubsverzicht nach Einschätzung von Hammerschmidt auch andere Gründe. Nicht wenige Bauarbeiter ließen sich Urlaubstage ausbezahlen. Sie schuften also, statt frei zu machen. Oftmals hätten Arbeitnehmer aber auch nicht die Lobby, um auf ihre gesetzlichen Ansprüche auf Urlaub aufmerksam zu machen. Baubetriebe hätten durchschnittlich zehn Mitarbeiter, sagt der Gewerkschaftler. Bei Unternehmen dieser Größe seien Betriebsräte oft Mangelware.

"Arbeitgeber hat Sorgfaltspflicht"

Eine Studie des Instituts für Arbeitsrecht und Arbeitsbeziehungen in der EU, aus der die gewerkschaftsnahe Boeckler-Stiftung zitiert, besagt: Betriebsräte tragen dazu bei, dass Arbeitnehmer ihre Urlaubsansprüche ausschöpfen. "Arbeit darf nicht auf die Knochen der Beschäftigten gehen. Der Arbeitgeber hat hier eine Sorgfaltspflicht", sagt Annelie Buntenbach aus dem DGB-Vorstand.

Der Berliner Fachanwalt für Arbeitsrecht, Alexander Bredereck, schränkt aber ein: Arbeitgeber müssten sich keine Sorge um Konsequenzen machen, wenn ihre Mitarbeiter ihren Anspruch auf Urlaub nicht ausschöpfen. Wird der Anspruch auf Urlaub nicht genommen oder ausbezahlt, verfällt er in aller Regel. Wie viele Urlaubstage Arbeitnehmer so verschenken, ist unklar.

Das Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) errechnete im Jahr 2011, dass Beschäftigte im Schnitt mehr als drei Urlaubstage pro Jahr verfallen lassen. Nach Einschätzung des DGB dürfte sich an dieser Zahl wenig verändert haben. Grundsätzlich hat jeder Arbeitnehmer Anspruch auf Urlaub, so steht es im Bundesarbeitsgesetz. Wie viele Tage pro Jahr Mitarbeitern zustehen, hängt von den Arbeitstagen pro Woche ab. Bei einer Fünf-Tage-Woche liegt er bei 20 freien Arbeitstagen, bei einer Sechs-Tage-Woche sind es 24. Viele Tarif- oder Arbeitsverträge sehen jedoch mehr Urlaub vor.

dpa/RND

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