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Hafenbau bedroht Great Barrier Reef

Weltnaturerbe in Gefahr Hafenbau bedroht Great Barrier Reef

Bunte Korallenvielfalt, Tummelplatz exotischer Fische – aber das größte Korallenriff der Welt ist bedroht. Australien will gigantische Häfen bauen. Umweltschützer sind alarmiert, die Unesco sieht den Status als Weltnaturerbe gefährdet.

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Das Great Barrier Reef: eine Weltnaturerbestätte in Gefahr?

Quelle: Great Barrier Reef Marine Park Authority/dpa

Airlie Beach. Eine Plattform mitten im Ozean am Hardy-Riff vor der australischen Ostküste: Von einem Metallgitter an der Seite springen Besucher mit Taucherbrille und Schwimmweste ins Wasser und sind sofort mitten in der Wunderwelt des Great Barrier Reef, des größten Korallenriffs der Welt. Ein zwei Meter langer Zackenbarsch zieht vorbei, eine Großaugen-Stachelmakrele und Dutzende silbrige, blaue und gelbe Fische wuseln durch das Wasser.

„Unglaublich, solche Fische kenne ich nur aus dem Aquarium!“, schwärmt Nancy Wong aus Malaysia. „Ich habe blaue und gelbe Korallen gesehen, wie Schwämme sahen sie aus, und dazwischen kam Nemo zum Vorschein“, sagt ihre zehnjährige Tochter Lynn. Der Zeichentrickfilm „Findet Nemo“ von 2003 mit dem süßen Clownfisch aus dem Pazifik hat dem ohnehin populären Barrier Reef viele weitere Besucher beschert. Schon 1981 hatte die UN-Kulturorganisation Unesco es als Weltnaturerbe ausgezeichnet.

Die Idylle ist aber in Gefahr, fürchten Umweltschützer und Naturerbe-Experten. An der Ostküste sollen die größten Kohlehäfen der Welt entstehen. Dafür muss tief gebaggert werden, der Aushub soll ins Meer gekippt werden. 2000 Kilometer nördlich von Sydney liegt Abbot Point, ein Brennpunkt für Umweltschützer und die Unesco.

Welterbestätte in Gefahr?

Das Unesco-Welterbekomitee nimmt das Riff seit 2011 mit wachsender Sorge unter die Lupe. Australien hat Schutzmaßnahmen versprochen. Aber die Experten sind nicht überzeugt. Sie empfehlen dem Komitee, das vom 15. bis 25. Juni wieder in Katar tagt, „wenn keine deutlichen Fortschritte gemacht werden, das Great Barrier Reef 2015 auf die Liste der "Welterbestätten in Gefahr" zu setzen“.

Abbot Point, nicht mehr als ein Schild weist entlang des Bruce Highway von Cairns nach Mackay auf den Hafen hin. „Privatgelände“ steht an der Stichstraße, Unbefugte haben keinen Zutritt. Hier wohnt aber Maurice Wilson (68), genannt Tubs, australisches Urgestein. 35 Jahre hat er hier auf ein paar Hektar Land Pferde gezüchtet, bis die Hafenbehörde vor ein paar Jahren kam und sein Land akquirierte.

Tubs wohnt seitdem fast ganz in der Natur. Unter einem hohen Flachdach 50 Meter vom Strand hat er sich Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer eingerichtet. Wände gibt es nicht. Für schlechtes Wetter gibt es einen Wohnwagen. „Sie wollten das Land für neue Gleisanlagen“, sagt Tubs. In Abbot Point sollen bald Riesenmengen Kohle verschifft werden, im Galilee-Becken 500 Kilometer im Hinterland sind gigantische neue Bergwerke geplant.

Den Hafen gibt es seit 1984. Die Lage ist attraktiv, weil sich 300 Meter lange Frachter in Küstennähe, über eine zweieinhalb Kilometer lange ins Meer gebaute Mole beladen lassen. Die indische Firma Adani hat den Hafen geleast und will die Kapazität von 50 auf 120 Millionen Tonnen Kohle im Jahr ausbauen - das wäre der größte Kohlehafen der Welt.

Tubs sieht schwarz. „Die Fischgründe sind schon jetzt hin, wir bekommen hier kaum noch etwas an die Angel“, sagt er. „Vor 20 Jahren waren hier 150 Nester von Grünen Meeresschildkröten und Wallriffschildkröten am Strand. Letztes Jahr habe ich noch vier Nester gefunden, aber in keinem einzigen waren Eier.“ 2010 verklagte die Umweltbehörde eine Baufirma, die dort bei Arbeiten im Hafen giftige Stoffe illegal ins Meer abließ.

Die Umweltschützer und Unesco sind vor allem alarmiert, weil für neue Schiffliegeplätze am Ende der Mole drei Millionen Tonnen Schlamm und Sand ausgehoben werden müssen. Der Aushub soll verklappt werden, etwa 25 Kilometer nordöstlich des Hafens, in 40 Metern Tiefe, in einem 400 Hektar großen Areal im Great-Barrier-Reef-Marineschutzpark.

 Die Sicht im Riff wird immer schlechter

„Wissenschaftler sagen, die Sedimentwolke dürfte noch weiter driften als in bisherigen Modellen angenommen“, sagt WWF-Kampagnendirektor Richard Leck. „Weitere Verschmutzung tötet das Riff. Mit der Verklappung wird das Riff aber wie eine Müllhalde behandelt“, so der Experte der Umweltschutzorganisation.

Die Marinepark-Behörde (GBRMPA) räumt ein, dass Verklappung problematisch sein kann. So lässt sie das Abladen etwa nur von März bis Juni zu, wenn Korallen nicht laichen, und nur in kleinen Mengen. Die Betroffenen beruhigt das keineswegs.

„Ich tauche seit 30 Jahren am Barrier Reef, die Sicht ist immer schlechter geworden“, sagt Col McKenzie, Direktor des Verbandes der Tourismusanbieter im Marinepark (AMPTO). „Ich habe es mal mehrere Monate getestet: Heute beträgt die Sicht bei jedem dritten Tauchgang weniger als fünf Meter. Eigentlich müsste man 30, 40 Meter haben.“

Schlechte Sicht ist nicht das einzige Problem, sagt McKenzie. „Korallen brauchen sauberes Wasser und Sonne. Ist das Wasser trüb kommt weniger Licht in die Tiefe, die Korallen sterben und ohne Korallen verschwinden auch die Fische.“ Der Tourismus ist mit 60.000 Arbeitsplätzen größter Arbeitgeber entlang des 2300 Kilometer langen Riffs. „Wir kämpfen hier um unsere Zukunft“, erklärt er.

Das sagt auch Terry Must (53) in Bowen, 25 Kilometer südlich von Abbot Point. Der Fischer hat viel investiert, in zwei Trawler und eine kleine Fischverarbeitung. „Nun geht alles den Bach runter, wenn unsere Fischgründe beeinträchtigt werden? Verkaufen kann ich auch nicht.“ Er fürchte ein zweites Gladstone. Dort, 650 Kilometer weiter südlich, hat der Hafenausbau verheerende Folgen.

Durch die Verklappung des Aushubs hat das Wasser dort eine hohe Schwermetall- und Stickstoffkonzentration. Es ist trübe, toxische Algen blühen, Fische sterben. „Bei uns sagt die Fischereibehörde nun, hier seien gar keine wichtigen Fischgründe“, sagt Must. „Aber hier gibt es so viele Makrelen wie sonst nirgends im Umkreis von 300 Kilometern, und wir hatten letztes Jahr die beste Garnelen-Saison seit zehn Jahren.“ Die Sorge: Die drei Millionen Kubikmeter Sand und Schlamm jagen die kleinen Fische weg, die die großen erst anlocken.

Hohe Korallenverlust

McKenzie und Must sagen, sie seien nicht gegen den Hafenausbau per se. „Es muss nur anders gemacht werden“, sagt McKenzie. „Die Umweltbelastung am Riff ist schon hoch genug, wir können uns keine Verschlechterung mehr leisten“, sagt Must.

Stichwort Klimawandel, Versauerung der Meere, Korallenbleiche. Das Barrier Reef hat nach einer Studie des Meeresforschungsinstituts AIMS in 27 Jahren die Hälfte seiner Korallen verloren. 48 Prozent seien auf Sturmschäden zurückzuführen, 42 Prozent auf Dornenkronen, 10 Prozent auf Korallenbleiche.

Häufigere und unberechenbare Stürme sind eine direkte Folge des Klimawandels. Dornenkronen sind Korallen fressende Seesterne, die in einem intakten Ökosystem - wie ein Waldbrand - Platz für neuen Wuchs schaffen würden. Von Plantagen ins Meer gespülter Dünger bringt das Ökosystem aber durcheinander, mehr Dornenkronenlarven überleben, Korallenbänke können sich von immer häufigeren Invasionen nicht mehr erholen. Korallenbleiche: Wenn das Wasser zu warm wird, produzieren die auf den Korallen lebenden Algen Giftstoffe. Die Korallen stoßen die Algen ab und zurück bleiben die weißen Korallenstöcke. Ohne Algen können die Korallen nicht überleben.

Umweltschützer haben für Abbot Point Alternativen vorgeschlagen: entweder die Mole zwei Kilometer aufs Meer hinaus zu verlängern, um das Ausbaggern überflüssig zu machen, oder den Aushub an Land zu lagern. Zu teuer, findet Hafenbetreiber North Queensland Bulk Ports (NQBP). In dessen Umweltanalyse heißt es zur Landlagerung etwa: „Die ökonomische Zwänge wären bedeutend und würden die Machbarkeit des Projekts infrage stellen.“ Bei der Mole sorgt NQBP sich um „die Wartung und die Navigationssicherheit“.

Dessen Chef Brad Fish beteuert in Zeitungsanzeigen: „Keinem Australier ist das Riff egal, und keiner hat das Monopol auf die Sorge um den Schutz dieses Schatzes der Natur. Die Hafenbesitzer und -manager investieren Millionen, um dieses einmalige Gut, das Great Barrier Reef, zu schützen, während sie auch weiter effiziente und dem Umweltschutz verpflichtete Häfen betreiben.“

Bruce Hedditch ist Vorsitzender der Handelskammer von Bowen bei Abbot Point. Er vertraut Fish. „Die neuen Bergwerke bringen 12.000 Arbeitsplätze“, sagt er bei einem Bier in seinem Hotel Larrikin. Auch für den Hafenausbau und die Eisenbahn brauchen sie 15.000 Leute.“

Bowen mit rund 10.000 Einwohnern ist seit der Schließung eines Bergwerks 80 Kilometer weiter auf dem absteigenden Ast. 400 Leute haben ihre Arbeit verloren. 30 Läden haben geschlossen, darunter ein Pub, ein Café, die Reinigung, der Papierwarenladen. „Wenn Australien vorankommen will, brauchen wir den Hafen“, sagt Hedditch. „Vielleicht können wir den Kohlehafen ja zur Touristenattraktion machen.“

Tony Fontes ist Tauchausbilder in Airlie Beach, 100 Kilometer südlich von Abbot Point. Er kämpft gegen die Verklappung, auch wenn die Strömung dafür sorgen sollte, dass die Riffe vor Airlie Beach in der Whitsundays Region verschont bleiben. Der nächste Hafenausbau ist aber in Mackay geplant, 150 Kilometer weiter südlich. „Das würde uns voll treffen“, sagt er. „Das einzig Gute an Abbot Point ist, dass das Thema Verklappung nun in aller Munde ist. Und der Widerstand wächst. Wir haben vielleicht eine Schlacht verloren, aber wir könnten den Krieg gewinnen“, meint er.

Das Hardy-Riff ist von Airlie Beach aus in drei Stunden per Schiff zu erreichen. 300 Gäste am Tag, die teils die Anweisungen ignorieren und bei Ebbe über die Korallen laufen, haben ihre Spuren hinterlassen. Die aus Unterwasser-Dokumentationen bekannte Korallenpracht gibt es hier schon jetzt nicht mehr. Der Ort ist dennoch malerisch, vor allem für ein paar wenige Gäste, die hier mitten im Meer unter freiem Himmel übernachten können. Wenn die Tagesausflügler fort sind, wenn die Abendsonne das Riff bescheint und die Korallenbänke unter der Wasseroberfläche nur zu ahnen sind, könnte man meinen, die Welt am Barrier Reef sei noch völlig in Ordnung.

dpa

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