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14:33 08.10.2018
Quelle: Getty Images/iStockphoto
Hannover

Du alte Petze!“ – ein Urteil, das sich keiner wirklich gern auf die Fahne schreiben will. Alleine der Wortklang „PETZE“ verspricht nichts Gutes. Heimtückischer Verrat liegt dabei in der Luft. Anschwärzen. Schadenfreude. Wer einmal im Kindergarten oder in der Schule den Stempel aufgedrückt bekommen hat, lebt künftig möglicherweise eher einsam. Aber wann petzt ein Kind eigentlich? Und will es dabei wirklich einen anderen in die Pfanne hauen?

Ein Psychologen-Team der University of Virginia hat in einem Experiment mit Dreijährigen Folgendes untersucht: Es spielte den Kindern eine Szene mit Handpuppen vor. Die Handpuppen bastelten kleine Kunstwerke und präsentierten sie stolz den Kindern. Eine Puppe schloss ihr Bild in eine Box ein und verließ den Raum. Eine andere Puppe hatte den Schlüssel zur Box, öffnete diese und zerstörte das Bild. Als die Besitzerin des kaputten Bildes zurückkehrte, erzählte ihr mehr als die Hälfte der Kinder, was passiert war. In einer abgewandelten Szene wurden die Kinder Zeuge davon, wie die böse Puppe ein für die anderen Puppen unwichtiges Objekt zerstörte. Daraufhin meldete sich nur ein Kind zu Wort, um die Zerstörung zu melden. Die Studie zeigt auf, dass es den dreijährigen „Petzenden“ darum geht, Normen unter ganz bestimmten Bedingungen aufrechtzuerhalten. Wenn jemand direkt leidtragend ist, melden deutlich mehr Kinder den Vorfall. Für das Gruppengefüge ein durchaus positiver Akt, so die Psychologen.

Absichten sind altersabhängig

Als Kinder- und Jugendpsychiaterin betrachtet die Münchnerin Dorothea Wolff kindliches Verhalten erst mal im Kontext von Entwicklung und Entwicklungsaufgaben. Jedes Kind löst seine Entwicklungsaufgaben abhängig von persönlichem Temperament, seiner Umwelt und seiner Erziehung. Entscheidend ist immer, was das Kind bisher gelernt hat und was davon erfolgreich funktioniert hat. Kinder von drei bis fünf Jahren seien in ihrem Verhalten sehr stark ausgerichtet auf die Bezugspersonen. Das sind in erster Linie die Eltern und die Kindergärtner, sagt Dorothea Wolff: „Die Kinder versuchen, in ihrem Verhalten so zu sein, dass sie bei den Bezugspersonen Gefallen finden. Und insofern wäre ein petzendes Kind, das darauf aufmerksam macht, dass ein anderes Kind die Schokolade weggenommen hat, die für alle vorgesehen war, für mich erst mal etwas ziemlich Normales. Das wäre das Verhalten eines Kindes, das versucht, Regeln zu internalisieren und sich besonders gut daran zu halten.“

„Komm, wir sagen es!“ ist einer der Sätze, den auch die Kindergartenerzieherin Eva-Maria Beck regelmäßig hört. Und zwar immer dann, wenn sich zwei Kinder zusammentun, um die Verfehlungen eines Dritten zu melden. Meist seien das die Vierjährigen und ältere Kinder. „Oft kommen die gleichen Kinder, die untereinander Konflikte haben“, beschreibt die Erzieherin klassische Szenarien in ihrer Gruppe: „Die wissen einfach nicht mehr weiter. Vielleicht versuchen sie sogar, etwas zunächst alleine zu lösen. Aber dann ist es doch einfacher, sich an die Erzieherin zu wenden, damit die alles regelt.“ Während sie bei den bis Dreijährigen das Petzen in erster Linie als Hilferuf wahrnimmt oder als reine Berichterstattung, vermutet sie bei den Älteren oft schon einen weitreichenderen Hintergedanken, der auch mal fies sein kann. „Aufmerksamkeit bekommen“ ist für Erzieherin Eva-Maria Beck der Hauptantrieb der Kinder: „Aber ich nehme nicht immer die Rolle ein, dass ich sofort hingehe und bestrafe. Ich biete Hilfe an und versuche, gemeinsam eine Lösung zu finden.“

Grenzen austesten durch petzen

Wenn Kindergartenkinder petzen, geht es ihnen nach Einschätzung von Kinder- und Jugendpsychiaterin Dorothea Wolff eigentlich um das Austesten eigener und fremder Grenzen. Sie wollen feststellen, dass da Regeln sind und immer wieder deren Verbindlichkeit überprüfen, weiß die Expertin. Denn: Kinder mögen Regeln, weil sie Struktur geben. Sie zu erlernen ist ein Prozess. Wenn Mama es gut findet, dass ein Kind ihr meldet, dass das kleine Geschwisterchen gerade den Küchenschrank ausräumt, dann ist das die eine Seite. Wenn Mama es aber im Gegenzug nicht mag, wenn man ihr ständig erzählt, dass das Geschwisterchen Spielzeug in den Mund steckt, muss ein Kind erst mal begreifen, wann petzen oder berichten gut und wann eventuell überflüssig ist.

Beim Grundschulkind folgt die nächste Lernstufe. Sein Hauptthema ist die Stellung in der sozialen Gruppe. Grundschulkinder entwickeln ein Bewusstsein dafür, wie sie sich in einer Gruppe von Gleichaltrigen gut verhalten können. Für Psychiaterin Wolff wird das Thema Petzen dann erst relevant: „Wenn ein siebenjähriges Kind andauernd kommt und erzählt, was andere falsch machen, dann sollte ich das Kind darauf hinweisen, dass es – wenn es immer so über andere redet – vielleicht nicht mehr so gerne dabeigehabt wird.“ Dabei ist die Wortwahl der Eltern, Erzieher oder anderer Bezugspersonen außerordentlich wichtig. Mit Begriffen wie „Lügen“ oder „Petzen“ ist die Kinder- und Jugendpsychiaterin sehr vorsichtig, „weil ich das Verhalten von Kindern nicht mit der Brille sehe, durch die ich dasselbe Verhalten bei Erwachsenen beurteilen würde. Das ist ein Unterschied!“ Dass Erwachsenenmaßstäbe nicht anwendbar sind, kann auch Sonderschullehrerin Stefanie Weber nur bestätigen: „Eigentlich müssen vielmehr die Eltern lernen, die Intention der Kinder richtig wahrzunehmen. Letztendlich sind es die Erwachsenen, die die Situation bewerten. Und die Kinder lernen aus dieser Bewertung.“ Eine vermeintlich böse Absicht sollte auf keinen Fall überbewertet und hart verurteilt werden.

Vielmehr gelte es, Verhaltensstrukturen wie Petzen bis zum Einsetzen der Pubertät freundlich und mit Geduld zu klären. Neutrale Wortwahl ist ausgesprochen wichtig, betont Kinder- und Jugendpsychiaterin Wolff: „Das Bild, das ein Kind bis ins hohe Alter von sich selbst hat, hängt in hohem Maße davon ab, wie ich als Elternteil mein Kind bewerte. Wenn ich meinem Kind wiederholt sage: ‚Du bist eine Petze!‘ Dann wird es in sein Selbstbildnis integrieren: Ich bin eine Person, die petzt. Und das sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen.“

Von Andrea Mayer-Halm

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