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Wenn die Sinne Karussell fahren

Schwindel Wenn die Sinne Karussell fahren

Er befällt uns mitten in der Schlange an der Kasse, beim Autofahren oder Spazierengehen: Schwindel kann jeden treffen und hat viele Ursachen.

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Die Ursachen für Schwindel sind vielfältig, die Diagnose daher äußerst schwierig.

Quelle: Getty/iStock

Hannover. Schwindel bringt unsere Welt ins Wanken und kann das Leben auf den Kopf stellen. So ging es Anna Schmedes*, als ihr mitten in einer Chorprobe der Fußboden entgegenkam. „Es ging einher mit einem Panikanfall“, berichtet die 52-Jährige. „Ich wusste überhaupt nicht, was los war, und musste mich erst mal setzen.“ Sie vermutete einen zu hohen Blutdruck, weil sie schon länger gestanden hatte. Aber dann passierte es wieder in einer Chorprobe. „Ich begann zu schwitzen, mein Puls raste und mein Herz klopfte wild“, berichtet Schmedes weiter. „Typische Anzeichen einer Panikattacke, beides gehört zusammen“, erklärt sie. Die Anfälle häuften sich. „Das Ganze weitete sich auch auf andere Situationen aus, etwa, wenn ich im Theater in der Mitte einer Reihe saß“, erinnert sich Schmedes. Also in Situationen, aus denen sie nicht ganz schnell herauskonnte.

20 Jahre quälte sie sich mit den Anfällen, glaubte, damit allein klarkommen zu müssen. „Meine Mutter hatte den Schwindel auch schon, deshalb war es nichts Unbekanntes für mich.“ Dann aber ging vor sechs Jahren auf einmal gar nichts mehr. Zu den Panikattacken und Schwindelanfällen und einem latenten Schwankschwindel tagsüber wurde ihr dann auch nachts im Bett schwindelig. Anna Schmedes konnte sich kaum noch auf den Beinen halten und fiel beruflich fünf Monate aus. „Ich erkannte, dass ich die Ursache des Problems angehen musste“, berichtet sie. Schwindel ist laut dem Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrum der Universität München nach Kopfschmerz nicht nur in der Neurologie und HNO-Heilkunde das zweithäufigste Leitsymptom (siehe Kasten).

„Diagnostik ist noch immer schwierig“

Doch die Ursache zu erkennen ist oft nicht einfach. Zuerst ist immer der Gang zum Neurologen sinnvoll, um einen Tumor im Gehirn auszuschließen. Oft geht’s danach gleich zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt. „Es gibt sehr viele Patienten, bei denen nicht geklärt werden kann, welcher Schwindel es ist, da es mehrere Ursachen in mehreren Fachgebieten gibt und die Diagnostik noch immer schwierig ist“, berichtet Dr. Katharina Stölzel, Hals-Nasen-Ohren-Ärztin an der Charité in Berlin. „Oft hängt der akute Schwindel mit dem Ausfall des Gleichgewichtsorgans zusammen – zum Beispiel durch Viren und Bakterien –, meist findet man jedoch keine Ursache. Es kommt dabei vor, dass den Patienten schlecht wird, sie sich übergeben und sich dann kaum bewegen können.“ Dieser Schwindel (akute einseitige Vestibulopathie) kann mit Kortison behandelt werden, „oft aber schafft es die Natur selbst, das Gleichgewichtsorgan wieder zu heilen oder den Ausfall zu kompensieren“, ergänzt die Ärztin.

Daneben gibt es den gutartigen Lagerungsschwindel, der nach Erfahrung von Dr. Stölzel in 17 bis 18 Prozent aller Fälle auftritt. „Er zeigt sich dadurch, dass den Betroffenen morgens nach dem Aufstehen für etwa 30 Sekunden schwindelig ist“, Ursache seien kleine Steinchen, die sich im Innenohr gelöst haben. Diese Patienten kämen sehr zeitnah in die Praxis, berichtet Dr. Stölzel. Um die Ursache des Drehschwindels zu diagnostizieren, schaut die Ärztin dem Patienten in die Augen, während eine spezifische Lagerung stattfindet. „Wenn bei dem Patienten ein Rotieren des Auges zu sehen ist, weist das auf den Lagerungsschwindel hin.“

„Viele erleben einen starken Leidensdruck“

Auch der Morbus Menière fällt in das Fachgebiet der Hals- Nasen-Ohren-Ärztin. „Es ist eine chronische Erkrankung des Hörorgans, die mit Hörminderung und Tinnitus einhergeht. Dieser Schwindel tritt anfallsartig auf.“ Die Ursache ist ein Überdruck im Ohr, der medikamentös behandelt werden kann. Eine Operation ist ebenfalls bei ausbleibender Besserung möglich, aber mit hohen Risiken verbunden, erzählt Dr. Stölzel. „Bei der Sakkotomie wird das Ohr aufgebohrt und die Flüssigkeit abgelassen – allerdings kann das Taubheit zur Folge haben“, gibt sie zu bedenken. Prinzipiell würde sie sich wünschen, dass jeder Patient, der unter Schwindel leidet, zu den einzelnen fachärztlichen Behandlungen eine standardisierte psychologische Betreuung erhält, denn „viele erleben einen starken Leidensdruck“.

Während sie in ihrer Praxis etwa fünf bis zehn Patienten im Monat zählt, ist die Zahl derer, die wegen Schwindel Hilfe beim Arzt suchen, in der Praxis von Dr. Felix Hessel aus Hannover um einiges höher. „Zu mir kommen etwa acht bis zehn Patienten in der Woche mit diesen Beschwerden“, erzählt der Orthopäde und Osteopath. „Schwindel ist häufig ein Symptom von vegetativem Stress“, weiß Dr. Hessel zu berichten. „Die Folge davon können Kiefer- oder Nackenverspannungen und Funktionsstörungen an Wirbelsäule und Becken sein, die zu dem Schwindel führen.“ Aber auch Störungen des Magen-Darm-Traktes können als Ursachen infrage kommen, meint er aus der Sicht des Osteopathen.

„Der Patient muss seine Lebensumstände überprüfen“

Bei Verspannungen gebe es die manuelle wie medikamentöse Therapie. „Physiotherapie oder Medikamente zur Muskelentspannung können helfen“, so Dr. Hessels Beobachtung. „Genauso sind autogenes Training, Akupunktur oder eine osteopathische Behandlung manchmal hilfreich.“ Wichtig sei, dass die Betroffenen bereit seien, ihren Stress abzubauen. „Die große Arbeit liegt beim Patienten“, betont Dr. Hessel. „Er muss seine Lebensumstände überprüfen und bei sich aufräumen. Dabei kommt auch der Ernährung eine wichtige Rolle zu, da viele Nahrungsmittel Unverträglichkeiten und Entzündungen verursachen können, wodurch vegetativer Stress entstehen kann.“

Anna Schmedes hat genau das getan. „Ich fiel in ein großes Loch, weil ich dachte, ich könnte nie wieder arbeiten.“ Erst versucht sie, einen Therapieplatz zu bekommen – vergeblich. „Dann habe ich mich in stationäre psychologische Behandlung begeben und auch Antidepressiva genommen. Ich habe mich anfänglich mit den Medikamenten schwergetan, aber sie haben sehr gut gegen die körperlichen Symptome gewirkt.“ Ein Kurs in Achtsamkeit und die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Familiengeschichte führten sie langsam auf den Weg der Besserung. „Ich habe gelernt, dass die Gedanken den Schwindel erst auslösen und ich die Situation beeinflussen kann.“ Anna Schmedes hat seit fünf Jahren keine Schwindelanfälle mehr. „Ich weiß, dass sie jederzeit wieder auftreten können, aber dann fange ich nicht bei null an!“

* Name von der Redaktion geändert.

Schwindel – hier gibt es Hilfe

Schwindel ist häufig. Etwa jeder fünfte bis sechste Patient, der einen niedergelassenen Neurologen aufsucht, klagt über Schwindel. Findet der Arzt vor Ort die Ursache nicht, hilft eine Fahrt zum Deutschen Schwindelzentrum der Universität München. In diesem interdisziplinären Forschungs- und Behandlungszentrum für Schwindel, Gleichgewichts- und Augenbewegungsstörungen werden alle Arten des Schwindels behandelt. Dazu gehören: Drehschwindel, Schwankschwindel und Gangunsicherheit oder Benommenheitsgefühl.

www.deutsches-schwindelzentrum.de

Von Sonja Steiner/RND

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