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Wissen Wie Windräder das Verhalten von Tieren beeinflussen
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19:16 05.11.2018
Windkraftanlagen haben weitreichende Folgen für die Umwelt: Das bestätigt eine Studie von Forschern der Universität in Bangalore. Quelle: Daniel Reinhardt/dpa
Bangalore/Hannover

Windräder haben Auswirkungen auf die Umwelt. Das mag wenig überraschen, schon gar nicht die Kritiker von Windkraftanlagen. Forschern gelang jetzt ein tieferer Einblick, wie weitreichend diese sind. Dabei beobachteten sie eine ganze Reihe von Effekten, die sich quer durch die Nahrungskette ziehen und damit auch Tiere treffen, die auf den ersten Blick gar nicht beeinträchtigt erscheinen.

Die Forscher um Maria Thaker vom Zentrum für Umweltwissenschaften der Universität Bangalore, veröffentlichten ihre Ergebnisse jetzt in der Fachzeitschrift „Nature“. Im Westen Indiens hatten sie und ihre Co-Autoren Gebiete mit und ohne Windfarmen im Westgahts-Gebirge beobachtet und verglichen.

Weniger Raubvögel in Windparkgebiet

In Regionen, in denen die Windenergie genutzt wurde, stellten sie fest, dass es weniger Raubvögel gab. Sie beobachteten zudem, dass die verbliebenen Vögel weniger häufig zum Beuteschlagen ansetzten. Laut den Forschern nahm dadurch die Zahl einer bestimmten Eidechsenart enorm zu. Im Gegenzug hätten die Eidechsen in den Windpark-Gebieten ein weit weniger ausgeprägtes Fluchtverhalten gezeigt. Dafür habe es deutliche Anzeichen einer Konkurrenz innerhalb der eigenen Art gegeben.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, so Thaker und ihre Mitstreiter, dass Windfarmen großen Einfluss auf die Nahrungsnetze auf die Gebieten haben, in denen sie betrieben werden. Sie wirken sich auf verschiedenen Ebenen der Nahrungsnetze aus.

Kollegen halten Studie für neu und interessant

„Das Ergebnis, dass weniger Raubvögel zu mehr Beutetieren führen, ist keine Neuigkeit. Das Neue an der Studie ist die Kaskade an Effekten, die der Windpark ausgelöst hat: Der Windpark führt zu einem Rückgang der Greifvögel. Das wiederum führt zu einem Anstieg der Beutetiere, was wiederum sich nicht nur in der Anzahl, sondern auch in der deren Verhalten und Physiologie ausdrückt“, bewertet Frauke Ecke die Studie. Gerade Letzteres mache die Studie neu und interessant, sagte die Professorin der Schwedische Universität für Agrarwissenschaften in Umeå dem Science Media Center Germany (SMC).

Was Echsen in Indien sind, könnten Wühlmäuse in Europa sein

Eine Schwäche sieht sie darin, dass für die Studie nur ein Gebiet betrachtet wurde. Dennoch ließen sich die Ergebnisse mit Einschränkungen auch auf Regionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz übertragen. „Was die Echsen in Indien sind, könnten in Großteilen Europas eventuell Kleinsäuger – vor allem Wühlmäuse – sein. Wühlmaus-Populationen sind dafür bekannt, dass sie mit verstärkter Vermehrung auf die Abwesenheit von Raubtieren reagieren – solange es genug Nahrung und Lebensraum gibt.“

Allerdings gebe es in Großteilen Europas nicht nur Raubvögel, sondern auch viele andere Raubtiere wie Füchse oder Hermeline, die von fehlenden Raubvögeln profitieren könnten. Sie schließt auch nicht aus, dass nicht die Windanlagen selbst das Problem sein müssen. So werde in Schweden Blei zur Elchjagd eingesetzt, das bei Raubvögeln das Reaktionsvermögen einschränken könne. Diese liefen dann verstärkt Gefahr, mit Windrädern zu kollidieren.

Windräder können, aber müssen nicht die Ursache sein

Auch Reinhard Klenke, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Naturschutzforschung am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, hält die Erkenntnisse für übertragbar auf gemäßigte Zonen in Europa oder Nordamerika. Die Ergebnisse seien aber erwartbar, sagte er dem SMC.

In der Meeresforschung sei bereits untersucht worden, wie das Aufstellen von Windrädern zu einem Zuwachs von Tieren führt, die sich sonst am unteren Ende der Nahrungskette finden: Weil etwa Kleinwale vertrieben werden und die Fischerei unmöglich wird, gibt es mehr von ihnen.

Problematisch an der Studie erscheine ihm, dass die Forscher einfach annehmen, die betrachteten Gebiete unterschieden sich nur durch den Betrieb des Windparks. So könnten sich Sonnenausrichtung, Temperaturverlauf und Niederschlag ebenso auf die Eidechsen auswirken – und somit die Greifvögel. Oder es könnten Bodenverdichtungen beim Bau der Windräder die Dichte der Bodenorganismen beeinflusst haben – und damit dann auch nahrungssuchenden Vögel, gibt er zu bedenken.

Mit Windrädern dringt die Industrie in Naturraum ein

Klenke räumt aber gleichwohl ein, dass es durch Windkraftanlagen sowohl zu Anziehungs- als auch Abschreckungs- und Vertreibungseffekten kommen kann. Lebensbedingungen können sich dadurch für einzelne Arten oder auch Artengruppen verbessern oder verschlechtern.

Lärm, Turbulenzen, Schattenwürfe sowie künstliches Licht in der Nacht beeinträchtigten die Ruhe und Natürlichkeit der Lebensräume. Damit veränderten Windparks Natur- und Kulturlandschaften in Richtung von Industrielandschaften. Wie bei allen technischen Anlagen gebe es auch hier Risiken für Havarien: „Mineralöl, Farbdämpfe, Korrosion, Turbinenbrand führen regelmäßig zur Verschmutzung von Böden und Luft“, sagte er.

Von Manuel Niemann/RND

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