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Wie die Forschung Klarträume nutzt

Alptraum-Therapie Wie die Forschung Klarträume nutzt

Lange galt das Klarträumen als Hirngespinst oder esoterische Spinnerei. Erst Anfang der 1980er Jahre konnte der Zwischenzustand objektiv nachgewiesen werden. Wissenschaft und Forschung nutzen das Bewusstsein des Träumens zur Therapie von Alpträumen und Schizophrenie.

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Der 30-jährige Lucas Krieg aus Nürnberg kann gezielt Einfluss auf seine Träume nehmen.

Quelle: Timm Schamberger

Nürnberg. Der Alptraum kam immer wieder: Der kleine Junge wird in seinem Kinderzimmer wach. Das Licht brennt und jemand - oder etwas - ist in der Wohnung. Das Monster will ihm etwas antun. Die Tür geht auf - und Lucas Krieg wacht vor lauter Panik auf. Als er fünf Jahre alt war, hatte Krieg diesen Traum immer wieder. Doch eines Nachts passierte etwas Neues: Im Traum kam ihm die Idee, dem Monster die Freundschaft anzubieten. „Ich streckte ihm die Hand hin und wir haben unseren Frieden gemacht“, erzählt Krieg. Danach kam der Traum nie wieder. Es war der erste sogenannte Klartraum, den der heute 30-Jährige hatte. Der Nürnberger war sich bewusst, dass er träumte und er konnte gezielt Einfluss auf das Geschehen nehmen.

Für Bewusstseinsforscher ist das „luzide Träumen“ besonders spannend. „Klarträume bieten die Möglichkeit, Zwischenzustände des Bewusstseins zu ergründen“, sagt Ursula Voss von der Uni Frankfurt. Das schlafende Gehirn reflektiere während des Klartraums über die eigene Wachheit: „Wir bewegen uns damit gewissermaßen in zwei Sphären gleichzeitig - wir schlafen und wachen.“ Doch lange galt das „luzide Träumen“ als Hirngespinst oder esoterische Spinnerei, wie der Neurowissenschaftler Martin Dresler sagt, der zurzeit in den Niederlanden forscht. Erst Anfang der 1980er Jahre konnte es objektiv nachgewiesen werden.

Die Forscher baten damals Probanden, sobald sie den Klartraum bemerken, die Augen schnell abwechselnd nach links und rechts zu bewegen. Dies konnten die Wissenschaftler mit Hilfe von Messungen von den normalen Augenbewegungen im Traum unterscheiden. Andere Messungen ergaben, dass die Teilnehmer tatsächlich immer noch schliefen.

Inzwischen gibt es eine ganz Reihe von Studien über Klarträumer. So konnten Forscher des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München und der Berliner Charité etwa beweisen, dass es die gleichen Areale im Gehirn sind, die in Wachzustand und Traum bestimmte motorische Bewegungen steuern. „Das war zwar keine Überraschung, konnte vorher aber nicht belegt werden“, sagt Dresler.

Graue Substanz ist besonders aktiv

Noch relativ neu ist die Erkenntnis, dass bei Klarträumern ein Bereich im Gehirn stärker ausgeprägt ist, der komplizierte Denkprozesse ermöglicht - etwa sich Gedanken über das eigene Denken zu machen. Bei Klarträumern wurde im vorderen Stirnhirn vermehrt graue Substanz gefunden. Dieses Areal ist im Klartraum besonders aktiv, im normalen Traumschlaf dagegen deaktiviert. „Das wird als Ursache dafür angenommen, dass wir in normalen Träumen kognitiv eingeschränkt sind und eben nicht merken, dass wir träumen.“

Im Umkehrschluss bedeute das aber nicht, dass Menschen, die noch nie einen Klartraum hatten, nicht gut über ihr eigenes Denken nachdenken können, betont Dresler. Auf statistischer Ebene gebe es diesen Zusammenhang zwar - der Effekt sei aber sehr klein.
Außerdem sind Klarträume sehr selten. Laut einer repräsentativen Studie hat ungefähr die Hälfte der Menschen mindestens einmal im Leben einen luziden Traum, wie Michael Schredl vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit sagt. Etwa ein Fünftel der Menschen habe einmal im Monat einen Klartraum und etwa fünf Prozent im Schnitt einmal pro Woche. Und rund die Hälfte der Klarträumer könne auch Einfluss auf ihr Traumgeschehen nehmen.

Dass das luzide Träumen so eine Rarität ist, „legt zumindest nahe, dass das Abschalten höherer kognitiver Fähigkeiten im Traum eine Funktion haben könnte“, sagt Dresler. Womöglich hatte dies einen evolutionären Nutzen. Warum das aber so ist und welche Funktion Träume überhaupt haben, darüber rätseln die Forscher noch.

Eine Theorie ist, dass der Traum eine Art virtuelle Realität ist. Die Annahme: „Wir simulieren Situationen des realen Lebens im Traum, können Gefahrensituationen ausprobieren und Gegenstrategien entwickeln“, sagt Dresler. Eine vollständige Einsicht im Traum würde das verhindern: „Wenn einem klar ist, dass etwas irreal ist, gäbe es keinen Grund, eine Strategie dagegen zu entwickeln.“

Klarträume gezielt nutzen

Klarträume können jedoch auch gezielt genutzt werden. Der Sportwissenschaftler Daniel Erlacher von der Universität Bern untersucht etwa, wie Bewegungsabläufe im Traum geübt werden können. Das hat ähnlich starke Effekte wie das tatsächliche Training. Eine ganze Reihe von Profisportlern nutzt laut Dresler bereits Klarträume, um gefährliche Bewegungsabläufe gefahrlos auszuprobieren.

Auch in der Therapie von Alpträumen können Klarträume hilfreich sein - die Betroffenen können sich der Gefahr stellen oder eine Gegenstrategie anwenden. Möglicherweise könnten luzide Träume auch für Menschen mit Schizophrenie nützlich sein. „Die Hirnstrukturen, die dem Klartraum unterliegen, sind die gleichen, die bei Patienten mit schlechter Krankheitseinsicht gestört sind“, sagt Dresler. Eine Idee ist, dass die Patienten in guten Phasen die Einsicht in ihre Krankheit im Traum trainieren.

Lucas Krieg nutzt ebenfalls seine Träume. Der Designer und Künstler zapft sie als Quelle für seine Arbeit an. „Ich glaube, man ist im Traum viel kreativer. Es gibt nicht diesen Filter wie im Wachen, wo man vieles sofort wieder verwirft.“ Auch Michael Schredl sagt: „Der Traum setzt mehr in Bilder um. Ideen werden nicht so abstrakt abgehandelt, sondern da wird gleich ein Action-Film draus.“

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