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12:00 30.09.2015
Wut auf das Baby und Selbstmordgedanken: Zehn bis 15 Prozent der Mütter sind von postpartalen Depressionen betroffen. Quelle: Patrick Pleul
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Frankfurt/Main

Wut auf das Baby und Selbstmordgedanken: Hannah Keller fiel nach der Geburt ihrer ersten Tochter in eine tiefe Depression. „Ich habe mich monatelang wie hinter Glas gefühlt“, sagt die 35-Jährige aus dem Rhein-Main-Gebiet. „Dass ich weder mir noch dem Kind etwas Irreparables angetan habe, war reine Glückssache.“ Was mit der jungen Mutter, die ihren richtigen Namen nicht nennen will, los war, erkannten weder ihre Familie noch die Hebamme, der Frauen- oder der Kinderarzt. Auch bei Psychiatern und einer Babyambulanz machte Keller die Erfahrung: „Depressionen nach der Geburt sind ein Stiefkind.“

„Die Ausbildung und das Wissen um diese Symptomatik und diese Erkrankung sind nicht so gut, wie es sein sollte“, sagt der Direktor der Klinik für Psychiatrie der Frankfurter Universität, Prof. Andreas Reif. Aus enormen Scham- und Schuldgefühlen teilten allerdings auch viele Frauen ihre Depression nicht mit. „Sie schreiben sich häufig selber zu, sie hätten versagt und seien keine gute Mutter“, berichtet Reif. „Es ist kein Versagen, da kann niemand was dafür.“ Und die Krankheit könne gut behandelt werden.

Mindestens jede zehnte Mutter betroffen

„Ein Babyblues ist ganz häufig, bei 50 bis 60 Prozent der Frauen“, sagt Silvia Oddo-Sommerfeld, Leitende Psychologin in der Abteilung für Geburtshilfe der Uniklinik Frankfurt. Die auch „Heultage“ genannte Verstimmung trete in der Regel in der ersten Woche nach der Geburt auf, oft noch im Krankenhaus, sei rein hormonell und müsse in der Regel nicht behandelt werden. An echten Depressionen nach der Geburt litten etwa zehn bis 15 Prozent der Mütter. Dies werde jedoch längst nicht immer diagnostiziert, sagt die Leiterin der Techniker Krankenkasse in Hessen, Barbara Voß.

Was sind die Ursachen? „Da kam viel zusammen“, erzählt Keller. „Es war eine sehr schnelle, heftige und schmerzhafte Geburt.“ Auf der überfüllten Station im Krankenhaus fand die Verhaltenstherapeutin keine Ruhe, und ihre kleine Tochter schrie von Anfang an, „als ob sie stirbt“. „Ich habe alles gemacht, was ich machen konnte, damit sie nicht schreit und versucht, den Laden am Laufen zu halten“, beschreibt Keller ihre ersten Monate als Mutter. Ihr Umfeld reagierte mit Unverständnis: „Für mich war es, als ob ich zur Chemo gehe, und die Leute sagen: Genieß es!“

Ein höheres Risiko zu erkranken haben nach Einschätzung der Fachleute Frauen, die schon einmal unter Stimmungserkrankungen gelitten haben oder in der Schwangerschaft ängstlich und depressiv waren. Auch Depressionen in der Familie können ein Faktor sein. „Es ist gar nicht mal so selten, dass sich eine psychische Erkrankung das erste Mal im Wochenbett demaskiert“, sagt Reif.

Frauen mit hohem Bildungsgrad

Der soziale Rückhalt der Mutter spielt nach Einschätzung von Oddo-Sommerfeld ebenfalls eine Rolle. „Vor allem wenn der Partner die Frau nicht unterstützt, ist das Risiko etwas höher.“ Reif betont dagegen: „Klassische postpartale Depressionen finden sich auch bei Frauen, die in einem perfekten Umfeld leben, wo der Partner voll dahinter steht, sich alle freuen und die Geburt glatt ging.“

Neuere Studien zeigen Oddo-Sommerfeld zufolge, dass die Ausrichtung der Persönlichkeit der Mutter auch ein Risikofaktor sein kann: „In der Regel sind das sehr autonome, gewissenhafte und perfektionistische Frauen“, berichtet die Psychotherapeutin. „Es fällt ihnen häufig schwer, mit einem Kind nicht mehr alles selbstbestimmt kontrollieren zu können.“ Oddo-Sommerfeld, die seit zehn Jahren mit betroffenen Müttern arbeitet, hat zudem die Erfahrung gemacht, dass es eher Frauen aus höheren Bildungsschichten trifft. Sie hat eine telefonische „Wochenbettdepression-Hotline“ ins Leben gerufen und fordert betroffene Frauen auf, rasch Hilfe zu suchen.

Monatelang Todesangst

Wochenbettdepressionen treten nicht selten beim zweiten Kind wieder auf, wie Reif sagt. Das ging auch Keller so, als ihre zweite Tochter zur Welt kam. Dabei war alles zunächst ganz anders. Die Geburt war so selbstbestimmt wie möglich und letztlich „total schön“, erinnert sich die 35-Jährige. Sechs Wochen später überfiel sie die Depression: „Innerhalb von einer Sekunde auf die andere stand ich vor einem Abgrund, der vorher nicht da war und der nicht mehr wegging.“ Monatelang quälten sie wahnsinnige Todesangst-Attacken.

Mithilfe von Antidepressiva konnte Keller zweimal ihre Depressionen überwinden und musste dabei auch nicht auf das Stillen verzichten. Bei der Therapie werde Psychopharmakologie mit Psychotherapie kombiniert, sagt Reif. In schweren Fällen gehe es auch noch darum, wieder den Bezug zum Kind zu bekommen. Psychotherapie funktioniere sehr gut, wenn sie in den ersten zwei bis drei Monaten nach der Geburt beginne, sagt Oddo-Sommerfeld. Sie warnt: „Wenn man die Depression nicht rechtzeitig behandelt, hat das massive Auswirkungen auf das Kind, die ganze Familie und die Partnerschaft.“

dpa

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