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Elektronisches Lagerfeuer

Neue Platten: Bon Iver Elektronisches Lagerfeuer

Wieviel Elektronik darf Folk haben? Diese Frage stellt man sich beim neuen Album von Bon Iver. Den Einfluss der Zusammenarbeit mit Kanye West und James Blake hört man auf "22, A Million" deutlich. Jedes der zehn Lieder protzt vor klangverfremdenden Effekten. Das irritiert anfangs, sagt ZiSH-Autor Felix Müller.

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So sehr der neue Studiosound zu Anfang auch irritiert, bringt einen auch der neue Bon Iver zum Träumen.

Quelle: dpa

Nach verschneiten Wäldern, Herzschmerz und Nächten am Lagerfeuer klang die erste Platte von Bon Iver. Kein Wunder, denn Justin Vernon, der Kopf hinter der Musik, hatte sich damals monatelang in eine Hütte in den winterlichen Wäldern Wisconsins zurückgezogen, um eine Trennung zu verarbeiten. Die Songs auf „For Emma, Forever Ago“ (2008) haben einen mitgenommen in diese einsame Hütte.

Nun ist das dritte Album „22, A Million“ erschienen – und vom Wald ist nicht mehr viel zu hören. Jedes der zehn Lieder protzt vor Effekten, die hohe Kopfstimme von Vernon wird von Autotune-Effekten verhallt, gebrochen und gequetscht. Der Akustiksound der alten Platten wird hier ganz bewusst zersetzt. Bon Iver klingt nicht mehr einsam und traurig, eher verletzt und wütend.

Auch beim 20. Durchlauf entdeckt man immer wieder neue Samples, Geräusche und Instrumentspuren. In diesen elektronischen Spielereien erkennt man auch den Einfluss von Kanye West und James Blake, mit denen Vernon zuletzt zusammengearbeitet hat.

Aber ist so viel Elektronik noch Folk? So sehr der neue Studiosound zu Anfang auch irritiert, bringt einen auch der neue Bon Iver zum Träumen: wenn auch eher vom Weltraum als von Wäldern. Doch dann sind da immer wieder die altbekannten Bon Iver-Momente; minimalistische Instrumentierung, flehender Gesang. Dann wird es ganz still, sodass man fast wieder das Knistern der Scheite hört in dieser Hütte in Wisconsin.

Von Felix Müller

Bon Iver: „22, A Million“, Jagjaguwar, www.boniver.org.

Quelle: Handout
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