Ein Hut, ein Stock, kein Regenschirm: So ziehen schwarz gewandete Handwerksgesellen noch immer von Ort zu Ort. Um neue Leute kennenzulernen, um zu arbeiten – und um später von der schönsten Zeit ihrer Lehrjahre zu erzählen. Davon wird auch Flavian Graber vermutlich bald berichten.
Zwölf Monate lang tourte der Sänger und Gitarrist des Künstlerkollektivs We Invented Paris durch Europa. Mit einem Bündel voll Musik und Freunden, die diese in wechselnder Besetzung intonierten – in Schaufenstern, auf Balkonen oder im Frisiersalon. Anschließend, auf der „Tour d’Ouverture“, spielten We Invented Paris dann bereits in kleinen Klubs.
Ihr Debütalbum ist eine Walz in 13 Episoden. Das wortlose, von Streichern und Glockenspiel getragene Intro geht mit „The Busker“ in eine trappelnde Ode an das Vagabundenleben über. Schon hier schraubt Graber seine Stimme bis in Falsetthöhe. Für die erste Single „Iceberg“, ein treibendes Liebeslied, gönnt er sich ein 40-sekündiges Vorspiel. Auch beim auf leisem E-Piano gebetteten „Kyrie“ setzt erst nach einer zweiminütigen Andacht der Beat ein, das elegische „Public Places“ ist ein Innehalten in der Masse. So viel Müßiggang kann den Nichtreisenden allerdings anstrengen. Der Druck, den Graber gegen Ende mit dem düsteren „Nothing To Say“ und dem in Elektrogefrickel ausufernden „More“ aufbaut, hätte früher kommen können. Aber Gesellen haben nun mal Zeit.
Nicole Wehr
We Invented Paris: „We Invented Paris“, Rough Trade.
www.weinventedparis.com
HAZ.de Anmeldung