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Die besten Geschichten Klasse 10 bis 13

Anne Bernhold versetzt sich in die Tochter einer krebskranken Mutter


Anne Bernhold (15) besucht die Schillerschule in Hannover. Die Jury kürte ihre Geschichte "Ermutigung zum Leben" mit dem 1. Platz.
Anne Bernhold belegt den 1. Platz in ihrer Altersklasse.

Anne Bernhold belegt den 1. Platz in ihrer Altersklasse.

2. Juli

Alle meine Gedanken an sie sind unklar und verwirrend. Ich muss immer wieder daran denken: Ist es sicher, dass sie sterben wird? Ich habe Angst vor dem Nachher. Was wird sein? Es gibt kein Nachher nach dem Tod. Das Nachher ist nur alles, was man zurücklässt, wenn es passiert ist: weinende Menschen, verwirrende Worte in Tagebüchern. Das hat sie bis jetzt auch am Leben gehalten. Die Angst, unser Leben zu zerstören durch das gewisse ,Nachher‘. Es ist noch nicht zu spät. Ich brauche sie! Aber was soll ich ihr sagen? Ich will nicht ins Krankenhaus.

Was schreibe ich hier? So viele Fragen. Was soll ich schreiben, um zu beschreiben, wie ich mich fühle? Krebs, Tumor, Tod. Das sind mächtige Wörter. Ich bin es doch gewohnt, es ist ja schon das dritte Mal. Aber all das ändert nichts. Es ändert nichts, dass ich diese Wörter hier aufschreibe. Wie sollen sie mir helfen? Sie werden nichts ändern. Er sagt, Wörter sind Macht. Sind sie nicht, Wörter sind nur Wörter. Was ich brauche, ist ein Plan. Und Logik. Ich werde so handeln, wie sie es immer mache. Realistisch, logisch und bodenständig. Also reiß dich zusammen und verkrieche dich nicht weiter im Haus. Voller Erinnerungen, voller Bilder. Aber ich will mich verkriechen! Es klingelt.“

Wenn ich diesen Eintrag lese, kann ich mich sehr gut an alles erinnern. Diese schwüle Hitze, der man nicht entkommen konnte. Und wie ich tagelang auf meinem unbezogenen Bett lag, mein zerfleddertes Tagebuch immer neben mir. Als es geklingelt hatte, stand meine Oma vor der Tür. Es ist doch immer anders, als man es sich vorgestellt hat. Und ich habe es mir lange Zeit ausgemalt. Vor zwei Jahren, als erneut ein Tumor bei ihr entdeckt wurde. Und vor einem Jahr, als ich meine Mutter gehört habe. Im Schlafzimmer. Wie sie mit Papa geweint hat, nach einem Anruf ihrer Ärztin. Ich habe gedacht: Vielleicht weint sie gar nicht. Vielleicht lacht sie. Und ich habe mir vorgestellt, dass sie dort sitzt und vor Freude lacht, und umso mehr ich mir das vorgestellt habe, umso besser ging es mir. Meine Taktik war Verdrängung, kein Wort über die Krankheit verlieren, sich an Oberflächlichkeiten festhalten.

Die ersten Worte meiner Oma waren: „Lass mich schnell rein, sonst verkohle ich hier noch. Und hol mir ein Glas Wasser!“ Sie setzte sich an den Küchentisch und trank begierig. Ich habe kein Wort gesagt.

„Du bist aber blass. Es wird Zeit, dass ihr mal wieder an die frische Luft kommt!“ Als sie die Vorhänge aufzog, brannte die Sonne in meinen Augen. „Noch ist niemand tot! Du musst hier nicht sitzen wie ein Trauerkloß! Also zieh dir ordentliche Sachen an, wir fahren jetzt zum Krankenhaus!“ Sie holte mir Anziehsachen und ein Haargummi aus dem Schrank, half mir, mich anzuziehen. Wie ein kleines Kind.

Ich wollte nicht ins Krankenhaus! Ich war einmal da, nachdem sie abgeholt wurde, und es war schrecklich. Dieser Geruch, dieses weiße, unpersönliche Zimmer. Solange ich mir nur vorgestellt habe, dass es ihr gut geht, ging es mir auch gut. Solange ich nur alle Zweifel nicht zugelassen habe.

Aber dann hat meine Oma mich wirklich ins Krankenhaus gefahren. Auf dem Weg hat sie mir andauernd erzählt, wie furchtbar alles ist, wie wir ihr leidtun. Wie ihr Sohn, mein Vater, sich bemüht, die Familie zusammenzuhalten in so einer schweren Zeit. „Kann er weggehen?“, fragte ich.

„Wer?“

„Der Krebs, der Tumor, was auch immer.“ „Da sind sich die Ärzte nicht sicher, aber sie geben ihr Bestes. Durch die vielen Behandlungen wird der Tumor immer resistenter, keine Behandlung schlägt mehr richtig an. Morgen wollen sie mit einer neuen Methode beginnen. Aber sie ist sich nicht sicher. Sie hat nach dir gefragt. Sie vermisst dich.“

„Ich vermisse sie auch.“

„Ich weiß, ich weiß. Warum besuchst du sie nicht?“

„Ich kann es nicht. Sie sieht immer so anders aus, und das macht es mir schwer, daran zu glauben, dass sie wieder gesund wird.“

„Sie braucht euch jetzt. Alle! Sie braucht eure Unterstützung, sie überlegt, aufzugeben. Sie muss euch sehen! Also überwinde deinen Egoismus, und helfe deiner Mutter. Mein Gott, lächele ein bisschen und erzähle etwas, so schwer ist das doch nicht!“

Wir fuhren ins Krankenhaus. Dort lag sie. Meine Mutter war blass. So zerbrechlich lag sie auf ihrem Bett. Die Glatze war fremd. Sie trug immer eine Perücke zu Hause. Eine Perücke, die ihre Sorgen verbarg, die ihr half, sich so zu sehen, wie sie sich gerne nach außen gab: selbstlos, lebensfroh, interessiert. Ihr Gesicht und ihr Körper waren schmal, ihre Haut durchsichtig wie Papier. Ihre Augen blutunterlaufen. Überall hingen Kabel.

Ihr Gesicht glich einem Vogel, mit der spitzen Nase. Der Mund zuckte beim Sprechen. Sie sah alt aus, viel älter, als sie eigentlich war. Und ich setzte meine Perücke auch ab. Meine Perücke der Oberflächlichkeiten. „Alles wird gut“ zählt nicht mehr. „Hallo, Mama“, sagte ich. Ich habe meine Tränen unterdrückt, aber meine Stimme wurde ganz brüchig.

Sie hat so gut gerochen, wie sie sonst auch immer riecht

„Hallo, mein Schatz. Komm her, setz dich.“ Ich setzte mich zu ihr auf das Bett. Sie hat so gut gerochen, wie sie sonst auch immer riecht. Nach Seife und nach ihrem Parfüm. „Mama, du darfst nicht aufgeben. Denk an uns.“ Meine weinerliche Stimme verzerrte die Worte. „Ich kann nicht mehr. Sieh mich doch an. Ich bin müde.“

„Bitte, lass nicht los, es gibt ein Leben da draußen, lass uns nicht allein. Die ersten beiden Male hast du es auch geschafft!“ Ich merkte, dass ich sie geradezu anbettele. Sie sah mich nur mit ihren glasigen Augen an. Ich musste mir etwas anderes überlegen.

„Willst du aufgeben?“ Ihre Augen blieben voller Gleichgültigkeit, fast trotzig. Ich wollte ihr von der Zukunft erzählen, die sie verpassen würde. „Ich will kein weißes Kleid anhaben bei meiner Hochzeit. Ich will Blau tragen. Und ich möchte in einem Garten heiraten. Du sitzt unter einem Apfelbaum und lächelst mich die ganze Zeit glücklich an. Und ich möchte drei Kinder bekommen. Zwei Jungs am liebsten und ein Mädchen. Wir kommen dann am zweiten Weihnachtstag zu euch nach Hause. Unter dem Weihnachtsbaum liegen eure Geschenke, und die drei packen noch schnell ihre unordentlich verpackten Geschenke drunter. Auf drei Geschenken steht: Für meine Omi, daneben ist ein Herz gekrakelt.“ Ich presste diese Worte aus mir raus, wie eine Beschwörung. Sie weinte. „Hör auf“, sagte sie. „Nein. Du könntest das alles miterleben. Nur weil du so feige bist und aufgibst, sollen meine Kinder keine Oma haben? Hör zu: Du denkst, ich bin ohne dich klargekommen?“ Die Tränen hinterließen dunkle Flecken auf meiner hässlichen Bluse. „Bin ich nicht. Es ist schrecklich zu Hause. Und jetzt sag mir, dass du weitermachst. Ich komme allein nicht klar, ich brauche dich.“

„Schon okay.“

„Nein, nicht okay, ich habe mir nur eingeredet, dass alles gut wird, ich wollte dich nicht sehen, weil ich Angst hatte.“

„Ich habe auch Angst.“

„Willst du sterben?“

„Nein, ich will, dass die Schmerzen aufhören.“

„Die Schmerzen werden aufhören.“

„Wenn ich die Chemotherapie beende.“ Schweigen.

„Wenn du durchhältst.“

„Ich weiß.“

Ich umarmte sie. Wir weinten, wir redeten, wir lachten. Konnte ich Mama mit Worten retten? Können Worte Großes bewegen?

„Was willst du machen?“

„Ich will hier raus.“

„Mach diese Therapie, vielleicht hilft sie.“ „Aber dieses ,Vielleicht‘ ist mir zu wenig!“ „Dann ohne vielleicht: Sie hilft!“

„Ja. Okay.“

„Du machst es?“

„Ja, ich werde es machen.“ Sie seufzte.

„Auf ein Neues. Eine neue Therapie, eine neue Chance, sagen die Ärzte.“ Sie seufzte erneut. Dann lächelte sie.

„Was wünschen sich denn deine Kinder zu Weihnachten?“ Sie lächelte mit Tränen in den Augen.

„Ich habe dich lieb, Mama.“

„Ich weiß.“

Oma hat in der Cafeteria gewartet. Als ich zu Hause war, zog ich die Vorhänge auf und öffnete alle Fenster. Ich setzte mich in mein Zimmer, auf das unbezogene Bett, und schrieb.

2. Juli (Fortsetzung)

„Wörter können viel ausrichten. ,Auf ein Neues‘, hat sie gesagt und gelächelt. Meine Mutter wird nicht sterben. Sie hält durch, sie wird gesund werden. Wenn ich das oft aufschreibe und oft sage, wird es etwas ändern? Ich glaube daran, ich muss glauben. Sie wird gesund, sie wird gesund, sie wird gesund! Die Behandlung gelingt. Und sie wird mit meinen Kindern Weihnachten feiern und bei meiner Hochzeit unter dem Apfelbaum sitzen.“

Ich weiß nicht, warum ich dieses Buch heute noch mal aufgeschlagen habe. Heute sollte etwas anderes im Mittelpunkt stehen.

Ich. Und doch wieder Wörter. Ja, ich will.

Der Boden im Standesamt hatte eine hässliche Farbe. Ich ging zum dunklen Tisch, ganz vorne. Vorne saß er. Und mein Bruder, seine Freundin, mein Vater. Und meine Mutter. Sie lächelte.

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