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Anne Bernhold versetzt sich in die Tochter einer krebskranken Mutter Alina Sophie Herter schildert die Gedanken einer Zerissenen

Die besten Geschichten Klasse 10 bis 13

Alina Sophie Herter schildert die Gedanken einer Zerissenen

Alina Sophie Herter belegt mit ihrer Geschichte "Einsame Schwimmzüge" den 2. Platz in ihrer Altersklasse. Die 17-Jährige besucht die KGS Hemmingen.

Anne Bernhold belegt den 1. Platz in ihrer Altersklasse.

Anne Bernhold belegt den 1. Platz in ihrer Altersklasse.

Alina Sophie Herter belegt den 2. Platz in ihrer Altersklasse.

Alina Sophie Herter belegt den 2. Platz in ihrer Altersklasse.

Langsam zog ich meine Bahnen durch das große Becken unseres Waldschwimmbades. Es war kurz nach acht. Ein Samstagmorgen. Nur einige ältere Damen und Herren leisteten mir Gesellschaft. Ruhe erfüllte meinen Körper. Luft holen. Abtauchen. Mein Körper funktionierte wie eine Maschine. Unter Wasser schien es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Ich spürte, wie meine Hände das Wasser zur Seite drückten und ich Zug um Zug durchs Becken glitt.

Die letzte Nacht hatte alles zerstört. Auftauchen und nach Luft schnappen. Am liebsten würde ich für immer unter Wasser bleiben. Hier schien alles einfach, vor allem war es still. Ich wollte nichts mehr hören. Die ganze Nacht hatte ich nicht geschlafen, doch meine Wut gab mir Kraft, und so kehrte ich am Beckenrand wieder um und schwamm weiter.

Nach Hause wollte ich nicht mehr. Nie wieder. Sie hatten alles kaputt gemacht. Wahrscheinlich hielten sie es nicht mal für nötig, mir eine Erklärung zu geben.

Schon immer war die Treppe von unserem Wohnzimmer zu meinem Zimmer der Ort gewesen, wo ich alle wichtigen Dinge erfahren hatte. Hier konnte ich sitzen und lauschen, was meine Eltern besprachen. Ob es meine Geschenke waren oder ein geplanter Überraschungsausflug. Ich war schon immer neugierig gewesen und kein großer Freund von Überraschungen. Manch Abende saß ich auch einfach dort und lauschte meinem Vater beim Gitarrespielen. Das war schön. Doch an diesem Abend war alles anders. Sie hatten sich mal wieder angeschrien. Diesmal war es aber nicht irgendein Streit, nach dem man sich wieder in den Arm nimmt. Dieser Streit sollte alles verändern.

Wie konnte ich so naiv sein

Meine Tränen vermengten sich mit dem Wasser. Wie konnte ich so naiv sein, denken, dass so etwas wie Scheidung in meinem Leben nie eine Rolle spielen würde?! Ich wusste schon seit Längerem, dass Mama nicht die einzige Frau in Papas Leben war. Bisher aber dachte ich, solange es nicht ausgesprochen wird, hat es auch keine Relevanz für mein Leben.

Der Geruch von Tannennadeln zog in meine Nase. Die Sonne stand bereits hell leuchtend am Himmel. Es sollte ein wunderbarer Sommertag werden. Wie konnte die Welt nur so ungerecht sein und die Natur so schön erscheinen, während es in mir zerrissen und aufgewühlt war? Meine Gedanken waren wirr. Ich versuchte sie zu ordnen und tauchte wieder unter. Papa würde jetzt also mit seiner „Affäre“, mit der er ein Kind erwartete, nach München ziehen. Er würde eine neue Familie gründen und mich ganz schnell vergessen. Natürlich war so ein kleines Baby interessanter als ich Teenager. Wie konnte er uns das nur antun? 650 Kilometer! Wie oft würde er die Strecke für mich zurücklegen? Oder erwartetete er, dass ich seine neue Familie besuchen kam? Ich war enttäuscht, wollte platzen vor Wut. Alles würde sich verändern. Alles. Mama und ich könnten nicht länger in unserem Haus wohnen bleiben. Dafür reichte das Geld nicht. Und überhaupt. Was sollte aus Mama werden? War sie nicht noch schlimmer verletzt worden als ich?

Nach Luft ringend tauchte ich auf. Langsam füllte sich das Schwimmbad. Warum mussten die denn jetzt alle schon kommen? Ich wollte mit dem Wasser und meinen Gedanken allein sein. Das Wasser gab mir das Gefühl, dass ich alles irgendwie lösen könnte. Noch einmal tauchte ich ab, um meine Gedanken zu ordnen, doch es half nicht.

Papa war gestern Nacht weggefahren. Wohin? Ich wusste es nicht, konnte es mir jedoch denken. Mama hatte er weinend zurückgelassen. Schluchzend war sie irgendwann eingeschlafen. Ich wollte sie heute Morgen nicht wecken. Was hätte ich ihr sagen sollen? Sie wusste schließlich noch nicht einmal, dass ich Bescheid wusste. Vermutlich würde sie mir irgendeine Geschichte erzählen, die unsere kaputte Familiensituation erklären sollte. Doch was nützte das? Wir standen allein da. Gezwungen, unser Leben neu zu sortieren. Ein Zurück gab es nach dieser Nacht nicht.

Papas Entschluss stand fest, und ich war allein mit meinen Gefühlen. Das Wasser sog mit jedem Zug meine Wut auf. Das tat gut. Jedoch wurde mir langsam bewusst, dass die Stille im Schwimmbad nicht andauern würde. Ich musste mich der Situation stellen, für meine Mutter da sein. Langsam schwamm ich zur Treppe und stieg wie in Trance aus dem Wasser. Mein Handtuch lag nicht weit vom Beckenrand. Ich hüllte mich darin ein und ignorierte die Gänsehaut, die meinen Körper überzog. Da wir nicht weit entfernt wohnten, war ich im Bikini ins Schwimmbad gefahren. In mein Handtuch gehüllt, machte ich mich daher auf den Weg zu den Fahrradständern. Mein Körper zitterte vor Angst, dass mich die Realität einholen würde. Kreischende Kinder sprangen vom Beckenrand, jedoch hörte ich sie nur wie aus weiter Ferne. Meine Gedanken kreisten immer noch. Am Ausgang hob ich kurz zum Gruß die Hand und öffnete das Fahrradschloss.

Als ich mich in meinen Sattel schwang, war ich in der Realität angekommen: Meine Eltern würden sich scheiden lassen, mein Vater würde wegziehen. Weit weg. Ich musste neu anfangen.

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