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Die besten Geschichten Klasse 10 bis 13

Eva Dumann versetzt sich in eine Besucherin der Loveparade

Eva Dumann belegt mit ihrer Geschichte "Im Auge des Sturms" den 3. Platz. Die Autorin ist 17 Jahre alt und besucht die St. Leonards School in St. Andrews in Schottland.

Eva Dumann belegt mit ihrer Geschichte den 3. Platz in ihrer Altersklasse.

Es heißt, im Herzen des wirbelnden Trichters herrsche Ruhe. Windstille, in der Vögel fliegen und Kerzen brennen können. Auch in ihr brennt ein kleines, flackerndes Licht beinahe unberührt, während um sie der Wirbelsturm tobt – Beine, Arme, schwitzende Leiber, der süßliche Geruch der Panik, während ihr geschundener Körper auf dem Boden liegt, zusammengerollt wie ein Embryo, die Hände über dem Kopf zusammengekrampft. Im Auge des Sturms ist sie allein.

Die Beats der Musik hämmern unbarmherzig weiter. Sie werden eins mit dem stotternden Takt ihres Herzens. Sie kann nicht mehr schreien. Sie hat keine Luft dazu, die scheint der Hurrikan aus gesichtslosen, trampelnden Menschen in seinem Strudel nach oben zu wirbeln, bis nichts zum Atmen übrig bleibt. Die gewölbte Tunneldecke über ihren aufgerissenen Augen erscheint ihr endlos weit entfernt. Irgendwo dort draußen ist der Sommertag, zu dem sie wenige Minuten zuvor noch gehört hat.

Viel zu viele Füße, die blind vorwärtsdrängen

Ein Schlag in den Nacken, sie ist gestolpert, gestürzt, während um sie herum der Tunnel von der rettenden Öffnung zum gierigen Schlund geworden ist, der alles einsaugt und die Party zum Mahlstrom werden lässt. Viel zu viele Menschen. Viel zu viele Füße, die blind vorwärtsdrängen. Einfach über sie hinweg.

Und es kommen immer mehr.

Ihre Augen fallen zu.

Sie liegt auf der Seite, zusammengerollt, wie ein Fels, gegen den eine Brandung aus immer neuen Tritten anrollt. Die nackten Arme, die den verschwitzten Haarschopf schützend umklammern und auf die angezogenen Knie pressen, sind mit schmelzenden Lippenstiftbuchstaben bedeckt. „Fuck you“ steht auf dem einen, „Don’t stop the music“ auf dem anderen. „My name is“ auf dem schutzlosen Viereck zwischen ihren Schultern, das ihr Top freilässt. Der Rest ist verwischt.

Das Brüllen und Stampfen der fernen Musik verschwimmt mit dem Lärm der Menge, dem Tumult der Wellen, die nun gegen das Nadelöhr schwemmen. Doch in ihrem Kopf herrscht gleißende Ruhe. Die Ruhe im Auge des Sturms, in dem die schwache Lebenskerze brennt und Satzfetzen heranflattern wie verirrte Vögel.

Eine panische Frauenstimme. „Da liegt jemand! Da liegt jemand! Sie wird zertrampelt! Hilfe!“

„Hör auf“, herrscht ein Mann sie an, „du kannst ihr nicht helfen.“

„Aber ... aber sie ... Hilfe!“

„Geh weiter, verdammt! Du darfst nicht stehen bleiben. Oder willst du enden wie sie?“ Das Schluchzen der Frau verschwimmt.

Ich bin nicht stehen geblieben, denkt sie. Ich habe mich umgedreht. Helft mir!

Sie will es herausschreien. Sie will kämpfen. Doch ein Tritt in die Seite presst alle Luft aus ihren Lungen. Nichts als ein trockenes Röcheln kommt heraus. Und noch ein Tritt.

„Steh auf, los!“, lallt es, „Hömma ... rumlieg’n un hier’n Weg versperren!“ Wieder tritt er zu. Lauwarme Tropfen besprenkeln ihre Arme. Es riecht nach Dosenbier. Sie würgt. Vor ihren Augen tanzen Lichter. Heb’ mich auf, denkt sie. Bring mich weg. Ich kriege keine Luft.

„Los, hoch mit dir! Wo kämen wir ’n hin wenn ... Fick dich doch, Hure!“ Sie bleibt liegen. Ich muss raus, denkt sie. Warum kann ich nicht aufstehen? Ich darf doch den Zug nicht verpassen. Die teuren Tickets ... Ich kriege keine Luft.

„Halt!“, brüllt eine Stimme über ihr, „Leute, nicht hier! Passt auf! Hier ist jemand gestürzt, hier ...“

„Zieh die Arme ein, du Scheißkerl! Wir wollen alle raus!“

„Hör auf“, flüstert eine Mädchenstimme beschwörend. „Lass es. Nimm ... nimm meine Hand.“ Sie klingt erstickt, als kämpfe sie mit den Tränen.

„Die da ... die ist tot.“

Nein, nein, denkt sie, ich bin nicht tot. Ich werde nicht sterben. Ich muss doch die Bahn kriegen. Sie fleht stumm. Helft mir.

„Baby, lass uns gehen, ja?“ Dann überflutet der Lärm die Stimme des Mädchens. Sie ist wieder allein in der brodelnden Menge. Ich bin nicht tot. Aber ich kriege keine Luft mehr. Ich werde sterben, wenn mir keiner hilft.

Die ferne Musik setzt aus. Hebt wieder an, mit stärkeren Bässen. Wie ein pochendes Herz, das vor Angst immer schneller schlägt. Sie ist zusammengerollt wie ein Baby. Ich werde sterben, wenn mir keiner hilft.

Jemand packt ihren Arm. „Hey, du!“, sagt ein Junge. Seine Stimme erinnert sie an Tom. Sie will die Augen öffnen, aber ihre Lider sind zu schwer. „Hey, du!“

„Weiter! Los, weiter!“, schreit ihn ein anderer an. Seine Finger berühren ihren Nacken. Seine Stimme stockt. „Ihr Name ist ...“

„Los, weiter! Denk an dich selbst! Fuck you, guck! Der da ist nicht mehr zu helfen!“

Sie bleibt liegen, in der stickigen, heißen Luft. Ihr ist kalt. Vor Angst. Oder ... Bin ich tot? Wo bist du, Tom? Tanzt du noch? Ich habe mich umgedreht. Ich habe mich nach dir umgedreht, Tom.

Wo bist du? Auf einmal warst du nicht mehr da. Die Zeit scheint sich in die Länge zu ziehen. Der Herzschlag der Drumbeats dehnt sich, verschmilzt zum Donnerhall. Die Welt brüllt in ihren Ohren. Tom, ich werde sterben. Der Gedanke überrascht sie. Ich habe von dir geträumt. Gestern Nacht. Nun, im Auge des Sturms, kommt es ihr unendlich fern vor. Ich habe von dir geträumt, Tom.

Auf einmal sehnt sie sich in seine Arme. Hungert nach seinen Augen, seinem Mund. Ich will nicht sterben. Ich habe doch noch nicht gelebt. Ihr fallen die Lippenstiftbuchstaben ein. „Don’t stop the music ...“ Nein! Stop the music! Stop the music, ich ersticke!

Sie will nicht, dass sie sie so finden. Sie will nicht „die da“ sein. Mein Name, mein Name steht auf meinem Rücken! Ich will, dass sie den Namen sehen. Sie versucht, sich zu drehen, doch ihre Muskeln gehorchen ihr nicht mehr. Es ist, als sei ihr Körper ein Teil des wirbelnden Hurrikans aus fremden Körpern geworden. Alles, was von ihr übrig ist, ist diese kleine schrumpfende Kerze, der die Luft zum Brennen fehlt. Ausgetretenes Feuer.

Jemand packt ihre Schulter. „Lilo!“ Das ist Toms Stimme. Sie will den Kopf drehen und ihn ansehen. Sie öffnet die Augen. Der Tod fühlt sich ganz anders an, Tom. Keine Bilder, Tom, keine Stimmen ...

Jemand reißt ihren Körper hoch. Arme umschlingen sie. Die beschmierte Tunneldecke verschwimmt. Es ist, als hebe der Sturm sie auf. Er trägt sie weit fort, für immer. Durch das Auge des Sturms blickt sie in einen klaren Wintertag.

Morgen wird der Sommerwind durch den leeren Tunnel fegen und eine scheppernde Bierdose vor sich hertreiben. Er wird die Kerzen zum Flackern bringen, die dort stehen, wo sie gelegen hat.

Ein erloschenes Leben. Neunzehn Kerzen. Eine für jedes Jahr.

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