Navigation:
HAZ-Shop AboPlus Online-ServiceCenter
Die drei besten Geschichten Klasse 7 bis 9

Judith Weidner schildert eine Begegnung um die Weihnachtszeit


Die 14-jährige Judith Weidner besucht die 9.Klasse der Gesamtschule in Neustadt am Rübenberge. Mit ihrer Geschichte "Der alte Mann und das Mädchen" belegt sie den 1. Platz in ihrer Altersklasse.
Judith Weidner belegt den 1. Platz in ihrer Altersklasse.

Judith Weidner belegt den 1. Platz in ihrer Altersklasse.

"Du darfst hier nicht sitzen.“

Der alte Mann schaut auf. Vor ihm steht ein kleines Mädchen, höchstens sieben Jahre alt. Es trägt braune Stiefel und einen Mantel, und seine langen, blonden Haare sind ganz zerzaust unter der blauen Mütze. „Du darfst hier nicht sitzen“, wiederholt das Mädchen. „Morgen ist doch Weihnachten.“

Der alte Mann senkt den Kopf, so wie er es immer tut, wenn die Leute ihm mal wieder spöttische Blicke zuwerfen. Wobei die meisten ja eher vorbeilaufen und so tun, als würde er gar nicht existieren. Man hört ja auch so einiges, von wegen, Menschen wie er würden den Ruf der Stadt schädigen. Aber dass ihn jetzt schon Kinder wegscheuchen ...

„Du musst doch die Geschenke austeilen!“ Jetzt sieht der Mann auf.

„Die Geschenke?“

„Ja, sonst sind die Menschen traurig, wenn Weihnachten ausfällt.“

„Traurig? Für wen hältst du mich denn? Den Weihnachtsmann oder was?!“

Das Mädchen blickt ihn irritiert an.

„Ja ...“ „Tzs ...“, macht der alte Mann. „Der Weihnachtsmann, ich bin doch nicht der Weihnachtsmann!“

„Oh“, sagt das kleine Mädchen. „Na ja, dann bekommen wir ja doch unsere Geschenke.“ „Geschenke? Mir schenkt niemand etwas!“ „Nicht einmal deine Freunde?“

„Ich habe keine Freunde.“

Das kleine Mädchen fixiert ihn, als könne es durch seine Augen in seine Seele blicken. „Ich mag dich“, sagt es.

Endlich lächelt der alte Mann

Ich mag dich. Nur drei Worte. Einfach so. Und da endlich lächelt der alte Mann. Trotz der beißenden Dezemberkälte breitet sich auf einmal Wärme in ihm aus. Wärme, Glück und Zuneigung, Gefühle, die der alte Mann schon lange nicht mehr gespürt hat. Das Mädchen setzt sich neben ihn. „Was wünscht du dir denn?“ Erwartungsvoll schaut es ihn an. „Wie?“

„Na, was du dir wünschst! Morgen ist doch Weihnachten!“

„Oh.“

Das Mädchen sieht ihn immer noch an.

„Nichts“, sagt der alte Mann. „Nichts?“ Das Mädchen runzelt die Stirn. „Aber du musst dir doch irgendetwas wünschen!“

„Nein“, sagt der alte Mann, „Ich wünsche mir nichts. Ich habe alles, was ich brauche. Weißt du ...“ Er zögert einen Moment, „manchmal glaube ich, dass ich vielleicht sogar ein bisschen mehr habe als all die anderen Menschen. Aber ...“ Er schüttelt den Kopf. „Das verstehst du noch nicht.“

„Weil ich zu klein dafür bin?“ Das Mädchen verzieht keine Miene.

„Hm ... ja, weil du noch klein bist. Und deswegen hast du das, was ich habe, auch. Aber ich glaube, das verstehst du erst, wenn du ein bisschen älter bist.“

„Was ist es denn nun?“ Das kleine Mädchen sieht ihn neugierig an. „Erklär es mir, bitte!“ Der alte Mann seufzt. „Also gut“, sagt er schließlich. „Schau dich einmal um. Was siehst du?“

„Hm“, macht das Mädchen. „Menschen, und ...“

„Genau“, unterbricht der Mann sie. „Und was tun sie?“

„Sie laufen, weil morgen Weihnachten ist und sie noch ganz viel erledigen müssen.“ „Richtig.“ Der alte Mann schaut das kleine Mädchen an und lächelt. „Weißt du jetzt, was ich meine?“

Das Mädchen nickt. „Ich glaube schon.“ „Tja“, erklärt der Mann, „Zeit heißt das Zauberwort. Wenn es nicht um Geld geht, dann geht es um Zeit. Merken sie denn nicht, dass es sie nur unglücklich macht? Und ich sitze hier und habe endlos viel Zeit. Na ja, Geld macht eben nicht immer glücklich!“ Der Mann schüttelt traurig den Kopf.

„Meine Mama ist auch so“, sagt das Mädchen. „Ständig muss sie arbeiten, nie hat sie Zeit für mich. Und dann sagt sie immer, ich soll glücklich sein, weil ich doch so ein großes Zimmer und so viele Spielsachen habe.“ „Hm ...“ Der alte Mann nickt gedankenverloren. Eine Weile sagt keiner von beiden etwas. „Und du?“, fragt der Mann schließlich. „Was wünschst du dir denn?“

„Schnee“, sagt das Mädchen. „Ich wünsche mir Schnee.“

„Schnee?“ Jetzt ist es der alte Mann, der erstaunt guckt.

„Ja“, sagt das Mädchen. „Zu Mama habe ich gesagt, dass ich mir eine Puppe wünsche und Haarspangen und ein Pony als Kuscheltier. Aber eigentlich wünsche ich mir bloß Schnee.“ „Oh“, sagt der alte Mann. Oh, sonst nichts.

„Was ist das?“ Plötzlich zeigt das Mädchen auf eine kleine rechteckige Schachtel.

„Ah, das ...“, der alte Mann hebt den Deckel von der Schachtel, „... ist eine Flöte.“

Bewundernd sieht das kleine Mädchen ihn an. „Kannst du spielen?“, fragt es.

„Mmhh.“ Der Mann hebt die Flöte aus der Schachtel. „Kennst du das?“ Und dann fängt er an zu spielen. Seine Finger tanzen über das Holz der alten Flöte und locken aus ihr so wunderschöne Melodien hervor, dass das Mädchen ganz verzaubert ist. Und dann fängt es an zu singen: „Stille Nacht, heilige Nacht ...“ Und die Leute bleiben stehen und sehen den alten Mann und das kleine Mädchen und sind für einen winzig kleinen Augenblick in einer Welt, in der Zeit keine Rolle mehr spielt.

Irgendwann legt der alte Mann seine Flöte beiseite. „Das war schön.“

Das Mädchen strahlt. Endlich ist da jemand, der es versteht, jemand, der Zeit hat. Auch der alte Mann lächelt. Er hat das Gefühl, auf einmal in einer Welt zu sein, in der nicht nur Kälte und Einsamkeit, sondern auch Freude und Glück existieren. Völlig in seine Gedanken versunken, bemerkt der alte Mann erst gar nicht, was für ein kleines Spektakel sich gerade vor ihm ereignet: Eine große, dünne Frau stürzt sich schreiend auf das Mädchen und zerrt es hoch. „Was machst du denn, Schätzchen?!“, ruft sie mit schriller Stimme. Dann fällt ihr Blick auf den alten Mann. Ihr Gesicht verfinstert sich. „Hat er dir was getan?“

„Nein Mama, ich ...“

„Na, das will ich auch hoffen. Sonst kriegt er es mit mir zu tun! Dann werde ich mich höchstpersönlich dafür einsetzen, dass diese dreckigen Kerle...“ Die Frau brüllt weiter ihre Ansichten über die „dreckigen Kerle“ durch die Stadt und lenkt allmählich die Aufmerksamkeit auf sich.

Der alte Mann senkt den Kopf. Die Traumwelt, in der er sich bis eben gerade noch befand, ist zerplatzt, „Plopp.“ Wie eine Seifenblase. Der alte Mann schaut wieder auf. Das Mädchen wirft ihm einen entschuldigenden Blick zu. Er nickt ihm stumm zu und kratzt sich am Kinn. Inzwischen hat sich eine kleine Menschenmenge versammelt. Die Leute diskutieren. Der alte Mann fühlt sich unwohl, und auch das Mädchen schämt sich. Schließlich packt die große, dünne Frau das Mädchen am Arm und zieht es mit sich. Auch die anderen Menschen erklären die Diskussion für beendet und widmen sich wieder ihren Weihnachtseinkäufen.

Der alte Mann schaut dem kleinen Mädchen nach. Es dreht sich noch einmal um, dann stolpert es seiner Mutter hinterher. Erst als es zwischen den anderen Menschen verschwunden ist, weiß der alte Mann, was er sich wünscht: dass er das kleine Mädchen eines Tages wiedersehen wird.

rör

Nächster Artikel
Nächster Artikel
Vorheriger Artikel
Voriger Artikel

++ ZiSH-Plattentipps ++

Anzeige

Fernschreiber

Ein halbes Jahr lang waren Malte und Jonas in Australien unterwegs. Ausgerüstet mit Neugier auf die Menschen, die ihnen zwischen Youth Hostels und Bananenplantagen über den Weg laufen, haben die Abiturienten aus Down Under berichtet.

Songs zur EM 2012

So klingt der Sommer

Oceana (30) wuchs in Wedel bei Hamburg und New York auf. Mit 16 zog sie zu Hause aus, lebte in Paris, Berlin, Los Angeles, London und auf Martinique in der Karibik. Sie war Backgroundsängerin bei Seeed, arbeitete als Choreografin und versuchte sich als Musicaldarstellerin und TV-Moderatorin. Der Durchbruch gelang ihr solo: Ihre Debütsingle „Cry Cry“ landete 2009 in mehreren Ländern in Osteuropa auf Platz eins der Charts. „Endless summer“, der offizielle UEFA-EM-Song, trägt seinen Titel zu Recht: Er klingt nach warmen, entspannten Tagen am Strand. Die einfachen Lyrics, die sich oft wiederholen, werden nicht nur Fußballfans schnell mitsingen können. Auch Lukas Podolski kann mit Zeilen wie „We gonna party in the sun / You’re gonna be my number one“ schon mal sein Englisch üben, ehe er von Köln nach London wechselt. ans/jlz

Zur Fußball-EM gibt es viele neue Songs für Fanfeste und Stadien – einer davon ist „Endless Summer“ von Oceana.
ZiSH hat mit ihr über Fußball und Musik gesprochen. mehr

KommentareKommentar/e





Top