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Judith Weidner schildert eine Begegnung um die Weihnachtszeit Claudia Köhler über einen inneren Kampf auf dem Sprungbrett

Die besten Geschichten Klasse 7 bis 9

Claudia Köhler über einen inneren Kampf auf dem Sprungbrett

Ihre Geschichte "Wie Lily sich traute" belohnte die Jury mit dem 3. Platz. Die Autorin Claudia Köhler ist 13 Jahre alt und besucht das Gymnasium in Neustadt am Rübenberge.

Claudia Köhler belegt mit ihrer Geschichte den 3. Platz in ihrer Altersklasse.

Claudia Köhler belegt mit ihrer Geschichte den 3. Platz in ihrer Altersklasse.

"Spring“, schrie Julie von unten, doch ich war wie erstarrt, begann noch mehr zu zittern. „Komm schon, sind doch nur drei Meter!“ Das war Julie. Die hatte gut reden. Sie traute sich schon seit der vierten Klasse vom Drei-Meter-Turm zu springen, doch ich, Lily, hatte mich damals wie heute nicht getraut. Robby aus unserer Klasse hatte mir mal gesagt, dass es ganz einfach sei, man müsste nur einen Schritt nach vorn gehen, möglichst nicht nach unten gucken und sich fallen lassen.

Hörte sich einfach an. Wie Eisschlecken. Doch die Realität sah anders aus.

Ich wollte springen, musste einfach, doch mein Gehirn sträubte sich

Mein Blick wanderte von Julie, die am Beckenrand stand, zu Robby und Lena, die beide auch gekommen waren, um meinen ersten Sprung vom Drei-Meter-Turm zu sehen. Ich wollte springen, musste einfach, doch mein Gehirn sträubte sich.

„Los, Lily, das kriegst du schon hin!“, rief Robby. „Noch einen Schritt nach vorn, guck nicht nach unten, lass dich einfach fallen!“

„Das schafft sie doch nicht“, sagte Lena zu Julie. „Seit Jahren versucht sie das schon.“

Ich vergaß meine Furcht einen Moment lang, wurde stinkwütend. Warum redete Lena so abwertend von mir? Wer hatte sie denn letztes Jahr vor einer Strafarbeit gerettet? Wer hatte ihr was von der Schokolade abgeben, wenn sie mal wieder kein Geld dabei hatte? Ich. Immer ich.

Entschlossen trat ich einen Schritt vor, was den Schaulustigen unten natürlich nicht unentdeckt blieb, und Julie rief zu mir hoch: „Was ist, Lily? Alles okay?“

Vielleicht dachte sie, ich hätte so was wie einen Kollaps, weil mein Schritt leicht schwankend ausgefallen war.

„Alles Okay“, versuchte ich zu antworten, doch aus meinem Mund kam nur ein Krächzen. Robby reckte beide Daumen in die Höhe.

Jetzt stand ich direkt am Rande des Sprungbretts, meine Zehen ragten schon über den Rand hinaus. Ich atmete tief ein und wieder aus.

Ein und wieder aus.

Irgendwann hörte ich, wie Lena unten sagte: „Das war’s dann wohl, Hasenfuß traut sich nicht. Ich geh dann mal, ich soll heute Abend pünktlich zu Hause sein.“

Mit diesen Worten drehte sie sich um und wollte gehen, doch wie vorhin entflammten ihre Worte ein kleines Feuer der Wut in mir. Jetzt wurde ich auch schon Hasenfuß genannt! Entschlossen tat ich den letzten Schritt. Julie kreischte auf, sei’s aus Angst oder Begeisterung, und Lena wirbelte herum.

Und dann fiel ich. Es kam mir wie in Zeitlupe vor, als ich nach unten sauste. Die Luft rauschte an mir vorbei, und eh ich mich versah, tauchte ich ins Wasser ein, sank wie ein Stein, bis ich mich strampelnd nach oben känpfte. Mein Kopf durchbrach die Wasseroberfläche, und ich hörte Julie kreischen. Mir klingelte es in den Ohren, als ich begeistert krächzte: „Noch mal!“

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