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Judith Weidner schildert eine Begegnung um die Weihnachtszeit Judith Goetsch zeichnet eine schwierige Entscheidung nach

Die besten Geschichten Klasse 7 bis 9

Judith Goetsch zeichnet eine schwierige Entscheidung nach

Mit ihrer Geschichte "Vilma und Vasco" gewinnt Judith Goetsch (15) den 3. Platz. Sie besucht die 9. Klasse der Bismarckschule in Hannover.

Judith Weidner belegt den 1. Platz in ihrer Altersklasse.

Judith Weidner belegt den 1. Platz in ihrer Altersklasse.

Judith Goetsch belegt den 2. Platz in ihrer Altersklasse.

Judith Goetsch belegt den 2. Platz in ihrer Altersklasse.

12. Dezember: Ich vermisse ihn. Oder nicht? Ach, verdammt.

Der weiße Schnee überzog die Straßen, glitzerte in der schwachen Wintersonne. Meine Finger waren offensichtlich schon zu Eis erstarrt, ich spürte sie jedenfalls nicht mehr. Ich sah die Bahn in die Station einfahren, ein sanfter Windstoß streifte meine Wange, als der Zug an mir vorbeischoss und schließlich stehen blieb. Es herrschte ein fürchterliches Gedränge, wie so oft zu dieser Tageszeit. So wurde ich zwischen einer ziemlich korpulenten Frau und einem Kinderwagen eingequetscht, hatte Mühe, das Gleichgewicht zu halten, als sich das Gefährt in Bewegung setzte.

Einige Stationen weiter, als ich schon beinahe zu ersticken glaubte, geschah etwas, das meine Laune sofort verbesserte. Die Türen des Zuges öffneten sich, und ich sah einen großen Jungen einsteigen, der mir sehr bekannt vorkam. Ein Lächeln huschte über meine verfrorenen Lippen, denn er war meinem Blick begegnet. Da er einige Meter entfernt stand und ich nicht den Mut hatte, über die Menge hinwegzubrüllen, beließ ich es bei dieser stummen Geste. Vasco. Wie lange kannte ich ihn schon? Waren es Jahre? So fühlte es sich an.

15. Dezember: Ich denke an ihn. Ich war gerade bei ihr. Es war ... besonders. Und schön. Besonders schön? Ich weiß nicht.

Die Rückseite meines Schulblockes war nicht wiederzuerkennen. Tausendfach hatte ich diese Namen geschrieben. „Vilma. Vilma. Vilma. Vasco. Vasco. Vasco. Vilma. Vilma. Vilma. Vasco. Vasco. Vasco ...“ Immer und immer wieder hatte ich sie niedergeschrieben, jeden einzelnen Buchstaben auf eine andere Art. Der Unterricht war im Moment nicht die Nummer 1 meiner Prioritäten. Mit meinen Gedanken war ich ganz woanders. Bei ihm und bei ihr. Bei ihrem honigfarbenen Haar. Bei seinen tiefgründigen Augen. Bei ihrer Offenheit und Spontaneität. Bei seinem Mut und seinem Willen.

Ich kann nicht aufhören, die Bilder anzusehen

19. Dezember: Ich war mit ihm in einer Fotobox. Kann nicht aufhören, die Bilder anzusehen. Denke an ihn und mich. Sein Lächeln. Wir sehen ... glücklich aus?

Vasco und ich verabschiedeten uns. Es fielen nicht viele Worte. Doch er sagte, es sei ein schöner Tag gewesen. Und sah mich dabei an, wie er mich bestimmt noch nie angesehen hatte. Ich berührte seine Hand, er strich mit seinem Finger über meinen Handrücken. Bevor er ging, blieb sein Blick noch kurz an mir hängen. Nun saß ich da und schloss die Augen, um diesen Moment wieder abzurufen.

25. Dezember: Weihnachten war schön. Er ist mit seinen Eltern verreist. Sie ist da. Ich rufe sie an.

Sie sagte, sie habe Angst. Diese Gefühle seien ihr neu. Ich schilderte ihr meine Sicht. Ich wüsste auch nicht genau, was das zwischen uns sei. Ich hätte ebenfalls Angst. Vilma zweifelte. Sie wolle unsere Freundschaft nicht aufs Spiel setzen, meinte sie. Aber wir waren uns einig, so unsicher konnte es nicht weitergehen. Also beschlossen wir erst mal, darüber zu schlafen.

1. Januar: Ich denke nach. Über alles. Es ist wie eine Entscheidung, die ich treffen muss. Das ist härter, als ich gedacht habe.

Neujahr. Ich hockte auf meinem Bett, die Arme um meine Knie geschlungen. Er hat angerufen, doch ich habe nicht abgenommen. Ich konnte nicht. Ich konnte ihn nicht verletzen. Ich konnte sie nicht verletzen. Seitdem ich mit Vilma vor sechs Tagen telefonierte, hatten wir keinen Kontakt. Ich dachte an sie, an unsere Stunden. Das Plätzchenbacken und die damit verbundenen zufälligen Berührungen, die mich verwirrten und zugleich erfreuten. Im Sommer noch, das verbotene Schwimmen im Fluss. Mit einem Mal dachte ich wieder an ihn, zerbrach mir den Kopf über unsere Treffen. Was bedeutete er mir? Was bedeutete sie mir? Ich wünschte mir so sehr, dass sich alles einfach fügen würde. Doch eigentlich war mir bewusst, dass das nicht so einfach passieren würde. Für solche Dinge muss man zwangsläufig leiden. Oder?

9. Januar: Ich war beim Sport. Morgen beginnt wieder die Schule. Werde sie sehen. Werde ihn sehen.

Der Wecker schrillte erbarmungslos. Ich schrak auf, war rasch auf den Beinen. Wie mechanisch zog ich mich an, schminkte mich. Doch ich bekam keinen Bissen von meinem Brötchen hinunter. Nach einiger Zeit gab ich auf und machte mich auf den Weg zur Schule. Die Musik in meinen Ohren, die mich sonst so beruhigte, half dieses eine Mal nicht. Vilma ging in meine Klasse, mit ihr, so stellte ich mich ein, würde ich also zuerst reden. Vasco hingegen war einen Jahrgang über mir, sodass ich ihn erst in der Pause zu Gesicht bekommen würde. Genug Zeit, versuchte ich mich zu beruhigen, genug Zeit, alles noch mal zu durchdenken. In der Schule angekommen jedoch war ich nicht weniger ratlos als vor Tagen.

10. Januar (nach der Schule): Sie hat gesagt, sie sei sich jetzt sicher. Sie habe sich in mich verliebt. Ich bin keinen Schritt weiter, was das angeht. Meine Worte waren, ich hätte sie sehr gern. Die Enttäuschung ist ihr anzusehen, und sie macht mich ganz verrückt. Er war nicht in der Schule. Sein Bruder sagt, er sei krank. Ich besuche ihn.

Er lag in seinem Bett und schlief, ich saß neben ihm, darauf wartend, dass er aufwachte. Damit ich mit ihm sprechen konnte, soweit das möglich war. Tränen liefen mir über die Wangen. Ich wischte sie fort. Auch wenn er mich nicht sehen konnte, wollte ich nicht in seiner Gegenwart weinen. Verdammt seist du, Stolz. Nun öffnete er die Augen.

Er gab nicht mehr als ein schwaches „Hey“ von sich, sobald er meine Anwesenheit bemerkte. „Wie geht es dir?“, fragte ich. „Mies“, sagte er. Doch jetzt schon deutlich besser, ich sei ja da. „Ja. Ich bin da. Ich bin da ...“ Meine Worte hörten sich an, als sollten sie ein kleines Kind trösten. „Danke.“ Er sprach noch immer leise, doch er sah mir dabei ins Gesicht. Plötzlich verstand ich.

Immer noch 10. Januar, abends: Ich habe mit ihm über alles geredet. Plötzlich war kristallklar, dass er ein Freund für mich ist. Wie ein Bruder. Doch mehr nicht. Das habe ich ihm gesagt. Er hat mich angesehen und gesagt, es ging ihm genauso. Er lächelte. Doch das lag wahrscheinlich an seinem Fieber. Ich verspüre Erleichterung. Vilma. Vilma. Gleich morgen.

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