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Max Martin Höfer schreibt über den Meisterdetektiv Gordon Dachs Nele Möhring schreibt über Marie und den Zeiträuberzwerg

Die drei besten Geschichten bis Klasse 4

Nele Möhring schreibt über Marie und den Zeiträuberzwerg

Nele Möhring (9) hat mit der Geschichte "Der kleine Zeiträuber" den zweiten Platz in der Kategorie beste Geschichten bis Klasse 4 erreicht. Die

Nele Möhring belegt in ihrer Altersklasse den 2. Platz.

Nele Möhring belegt in ihrer Altersklasse den 2. Platz.

Marie ist neun Jahre alt und lebt auf dem Land. Sie hat blonde Haare, lustige Sommersprossen tanzen auf ihrer Nase. Ihre Hobbys sind Handball, Minigolf und Lesen, ihr Lieblingsfach ist Sport. Oft kommt Marie zu spät zur Schule. Schließlich trifft sie auf den Zeiträuberzwerg.

Es war wie immer. Marie trödelte, schaute nach links, schaute nach rechts. Überall gab es interessante Dinge zu sehen. So konnte es schon mal passieren, dass ihr Schulweg, der eigentlich in 15 Minuten zu gehen war, viel länger dauerte. Obwohl sie schon immer 30 Minuten vor Beginn der ersten Stunde das Haus verließ, musste Marie das letzte Stück oft laufen.

So war es auch heute wieder. Eine Viertelstunde war sie schon unterwegs gewesen – und hatte mal gerade das kleine Stück bis zur Ecke an dem großen Kastanienbaum geschafft. Es war herrlich warm an diesem Morgen – da musste man einfach die Natur genießen. Und die große Kastanie hatte immer etwas zu bieten. Heute schaute Marie begeistert zwei Eichhörnchen zu, die von einem Ast zum anderen sprangen und sich gegenseitig jagten. Ihre Augen folgten den beiden Tieren – bis sie plötzlich an einer Astgabel hängen blieben: Was war das denn?

Ein breiter Mund grinste sie an – eingerahmt von zwei riesigen Ohren. Eine merkwürdige Gestalt, nicht größer als ihre Schultasche, saß da im Baum. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Gerade wollte sie weglaufen, da hörte sie auch schon die Stimme des seltsamen Wesens: „Psst, nicht erschrecken! Grüß dich, Marie!“

Das komische Wesen grinst Marie an

Marie war verdutzt. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich dich schon mal gesehen habe“, sagte sie zu dem komischen Wesen. „Haben wir uns auch nicht“, kam es aus dem grinsenden Mund.

„Und warum sitzt du hier?“, fragte Marie, „Ich habe dich hier noch nicht gesehen.“

„Wo soll ich denn sonst sitzen?“, fragte die Gestalt. „Außerdem bin ich hier, weil du heute Jubiläum hast.“

„Jubiläum?“, fragte Marie.

„Ja!“ Der kleine Kerl nickte. „Heute ist nämlich dein 3333er-Tag auf dieser Erde.“

„Aha, und woher weißt du das?“, wollte Marie wissen.

„Das weiß ich halt“, war die Antwort.

Plötzlich wurde Marie ganz heiß: Erschrocken sah sie auf ihre Armbanduhr. Schon drei Minuten vor Schulbeginn! Sie wollte losstürmen: „Du, ich muss ganz schnell zur Schule, es ist fast acht Uhr.“ Da lächelte das Kerlchen: „Genau dafür bin ich doch da.“

In diesem Moment hörte Marie ein merkwürdiges Geräusch – dann war alles still. Totenstill.

„Was hast du gemacht?“, fragte Marie ängstlich.

Der kleine Mann rutschte am Baumstamm herunter, stellte sich breitbeinig vor Marie auf und sagte: „Ich habe die Zeit angehalten.“

„Die Zeit angehalten? Aber das geht doch gar nicht.“ Marie konnte nicht glauben, was sie hörte.

„Doch, du kannst jetzt ganz entspannt zur Schule gehen. Wir haben eine Stunde Zeit, erst dann läuft alles um dich herum normal weiter!“

Marie war so verwirrt, dass sie keine weiteren Fragen stellte. Gemeinsam gingen sie zur Schule. Unterwegs sah sie mitten auf der Straße stehende Autos, Vögel, die wie an unsichtbaren Schnüren am Himmel hingen, ohne sich zu bewegen, Menschen, die ganz erstarrt wie Schaufensterpuppen herumstanden. Die große Uhr über dem Schuleingang zeigte eine Minute vor acht an. Gleich würde der Unterricht losgehen. Im Schultreppenhaus konnte man, ebenfalls wie versteinert, ein paar Schüler und Lehrer stehen sehen.

Als Marie dann gemeinsam mit dem merkwürdigen Wesen vor ihrer Klassentür ankam, stand die Klassenlehrerin schon davor. Marie wollte die Lehrerin zur Seite drücken, doch ihr Begleiter warnte sie. „Wenn du ein Lebewesen anfasst, läuft die Zeit weiter.“

„Woher weißt du das, und wer bist du eigentlich?“

„Ich bin ein Zeiträuberzwerg – und du kannst das jetzt glauben oder nicht: Berührst du deine Lehrerin, dann bin ich verschwunden, und alles läuft weiter.“

Marie nickte, quetschte sich zwischen Türrahmen und Lehrerin in das Klassenzimmer und setzte sich an ihren Platz.

Komisch sah das aus: Alle ihre Klassenkameraden standen da wie eingefroren. Plötzlich musste Marie lachen. „Da könnte man jetzt eine Menge Unsinn machen“, rief sie in die Stille. Doch während sie noch überlegte, was sie Lustiges anstellen könnte, wurde sie auch schon von dem Zeiträuberzwerg aus ihren Gedanken gerissen: „Marie, lass dir bloß nichts Dummes einfallen, ich zähle jetzt bis drei, und dann lass ich die Zeit weiterlaufen.“ Marie konnte gerade noch „Danke“ rufen, und dann war plötzlich ein riesiger Trubel um sie herum: Als wenn jemand einen kurz angehaltenen Film wieder zum Laufen gebracht hätte, war nun ein riesiger Trubel im Klassenzimmer: „Sie kommt!“, hörte sie Jürgen rufen. Der starrte sie mit großen Augen an. „Wo kommst du denn her?“

Marie grinste breit – und weil sie es selbst nicht richtig erklären konnte, was da eigentlich alles geschehen war, sagte sie einfach gar nichts.

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