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Ab auf die Couch

Abenteuer im Wohnzimmer Ab auf die Couch

Unterwegs auf den Sofas dieser Welt: Beim Couchsurfing starten Reisende ihre Abenteuer in den Wohnzimmern ihrer Gastgeber. Auf ZiSH erzählen Hannoveraner von ihren Erlebnissen in der Ferne – und warum sie gerne Fremde aufnehmen.

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Beim Couchsurfing starten Reisende ihre Abenteuer in den Wohnzimmern ihrer Gastgeber.

Quelle: Illustration: Stefan Hoch

Hannover. Kuriose Geschichten vom Couchsurfing können viele erzählen – doch dem 31-jährigen Sachbearbeiter Sebastian kann wohl keiner das Wasser reichen. 76 Gäste haben bereits auf seinem Sofa kostenlos genächtigt. Viele von ihnen kamen aus Europa – aber auch aus fernen Ländern wie Russland, Kanada, China oder Indien.

Reisende nennen diese kostenlose Alternative zu teuren Hotel- und Hostelbetten Couchsurfen. Gerade zu Messezeiten lockt Hannover viele Menschen in die Stadt, die auf der Internetseite www.couchsurfing.org derzeit die Auswahl aus Hunderten sogenannten Hosts in Hannover haben. Doch ist es nicht nur die Ersparnis, die Reisende auf die Couch fremder Menschen bringt. „Viele meiner Gäste kommen, um Land und Leute kennenzulernen“, erklärt Sebastian. Eine Stadt erfahren, ganz ohne die Anleitung durchgestylter Reiseführer – auch das ist Couchsurfing.

Für seine Gäste hat Sebastian ein zweites Fahrrad im Keller stehen. Auf Radtouren führt er sie dann an Sehenswürdigkeiten vorbei zum Maschsee. Und wenn die Sonne untergegangen ist, geht’s zum Feiern in die Glocksee oder auch ins Feinkost Lampe. Für ihn ist das kein lästiges Touristenprogramm: „Mir ist wichtig, allen Gästen zu zeigen, dass sie willkommen sind“, erklärt er. Vielleicht klinge es naiv, doch er möchte ein Zeichen gegen die vermeintliche deutsche Ausländerfeindlichkeit setzen. Außerdem tausche er sich gerne über Kulturen aus.

Das motiviert auch Eva Westerling. Die 32-jährige Ärztin hat wenig Zeit, selbst zu verreisen. Sie holt sich die Welt nach Hause. „Ich finde es schön, dass Couchsurfer sich gegenseitig vertrauen“, sagt sie. Heutzutage sei das schließlich nicht immer so. Schlechte Erfahrungen habe Eva noch nicht gemacht. Ganz im Gegenteil: Durch Couchsurfen habe sie schon viele nette Leute kennengelernt.

Zum Erfahrungsaustausch treffen sich Gastgeber und Surfer aus Hannover bei Gruppenabenden, die über die Plattform couchsurfing.org organisiert werden. Gäste sind immer eingeladen. Über solche Abende hat Eva die Krankenschwester Franziska Klein kennengelernt. Die 29-Jährige „hostet“ seit drei Jahren. Auch Franziska hatte schon einige skurrile Erlebnisse mit ihren Gästen. „Ich war mit einem Engländer was trinken und musste ihn anschließend nach Hause schleppen“, erzählt sie. Schuldbewusst fragte er am nächsten Morgen, ob er dem Klischee des trinkfesten Engländers entsprochen hätte.

Nebenbei ergeben sich auch für die Gastgeber neue Reiseziele. „Viele meiner Gäste  laden mich auch gleich zu sich ein, was ich auch schon angenommen habe“, sagt Sebastian. Er ist sich sicher: „Die Gastfreundschaft, die man gibt, bekommt man irgendwann zurück.“

Andrea Hasenfuß

Revolution? Nie gehört!

Beirut trägt immer noch die Spuren des Bürgerkriegs in seinen Mauern. Während das Zentrum für die Touristen aus den Golf-Staaten auf Hochglanz geputzt ist, haben sich die Randbezirke keine Reparaturen leisten können. Das Taxi fährt mich vorbei an Einschusslöchern und Hausruinen. Kein gemütlicher Ort für ein Couchsurfing-Abenteuer.

Tiffany ist schon seit einem Tag in Beirut. Wir teilen uns heute Nacht eine Couch in einem der unzähligen Hochhäuser am Stadtrand der libanesischen Hauptstadt. Unsere Gastgeberin serviert uns Minztee im Sonnenuntergang. Tiffany heißt eigentlich nicht Tiffany, aber da niemand ihren chinesischen Namen aussprechen kann, hat sie sich einen anderen gegeben.

Sie ist seit einem Jahr unterwegs. Angefangen hat sie mit Europa, und weil ihr das nicht gereicht hat, hängt sie jetzt noch den Nahen Osten dran. Zu Hause in China konnte niemand verstehen, warum sie ihren Job gekündigt hat und die Welt entdecken wollte. Allein. Als einziges Kind ihrer Eltern.

Gestern ist Tiffany aus Syrien gekommen. Sie ist getrampt, weil das am billigsten ist. Ihren Wanderrucksack hat sie dort in irgendeinem Kloster abgestellt, ist nur mit einer bunten Tragetasche unterwegs. Sie sieht aus, als käme sie vom Strand und nicht aus einem Krisengebiet. Ob sie denn was mitbekommen hätte von Unruhen in Syrien? Arabischer Frühling? Revolution? Nie gehört. Dafür hat Tiffany mein Horoskop dabei, das chinesische natürlich. Wie sich herausstellt, bin ich ein Hahn, mein Freund ist ein Ochse. Wir passen wundervoll zusammen.

Ann-Kathrin Seidel

Für ein volles Reisetagebuch

Die Einreise in die Vereinigten Staaten von Amerika haben wir uns viel leichter vorgestellt. Schließlich waren meine Freundin Ines und ich schon neun Monate lang auf unzähligen Sofas in Kanada und den USA unterwegs. Zur Erholung vom Roadtrip durch Nordamerika wollten wir uns einen Kurzurlaub in der Dominikanischen Republik gönnen, um anschließend unsere Reise in New Jersey ausklingen zu lassen. Doch bei der Einreise vom karibischen Inselstaat in die USA haben wir das falsche Visum im Gepäck, und die Einreise verzögert sich.

Als wir endlich amerikanischen Boden betreten dürfen und zum vereinbarten Treffpunkt in Manhattan gefunden haben, lernen wir unsere Gastgeberin kennen. Lara öffnet ihr Apartment, und schon läuft uns ihr Mitbewohner über den Weg. Ein komischer Kerl, denken wir. Er murmelt „Hello“ und verzieht sich in sein Zimmer.

Lara hat gleich zwei Sofas für uns im Angebot, und aus der Dusche haben wir einen unvergleichlichen Blick auf die Skyline der Stadt, die niemals schläft. New York scheint uns zu Füßen zu liegen. Das ist purer Luxus.

Laras mysteriösen Mitbewohner bekommen wir kaum zu sehen. Wenn doch, wirkt er verzweifelt und übernächtigt. Später erzählt uns Lara, dass er kurz vor unserer Ankunft seinen Lottoschein verloren hat. 250.000 Dollar futsch – einfach aus der Tasche gefallen. Mit der Geschichte wird er zur Schlagzeile für die Lokalpresse – und eine tragisch-komische Erinnerung für unser Reisetagebuch.

 David Rezwanian, aufgezeichnet von Isabell Rollenhagen

Gesurft, verliebt und umgezogen

Lässig lehnt sie an ihrem alten Mercedes, im Arm ein selbst zusammengestelltes Touristen-Info-Paket. Schon in ihrer Zusage-Mail hatte Heather angeboten, mich vom Bahnhof in San Diego abzuholen. Die 20-jährige Studentin ist die letzte Gastgeberin auf meinem ersten Couchsurfing-Trip durch Kalifornien. Im Auto erzählt sie von ihren elf Nasenbrüchen und ihrer voluminösen Zunge, wegen der sie manchmal lispelt. Wir navigieren Kajaks durch die Mission Bay, bauen Sandburgen, essen Muschelsuppe und fahren Karussell.

Schon vier Monate später besuche ich sie wieder. Nach einer kurzen Nacht mit Strand, Barbecue und Whirlpoolparty geht es für mich weiter. Mit Heather bleibe ich über Facebook in Kontakt. Ich verfolge ihre launigen Posts über weitere Körperverletzungen durch Outdoor-Abenteuer und über den Alltag mit ihren neuen Mitbewohnern. Zweieinhalb Jahre später fliegt Heather für eine große Tour nach Europa. Irgendwann im Oktober 2010 sitzt sie in meiner Fünfer-WG in Hamburg-Altona. Statt Couch bekommt Heather am Abend meine linke Betthälfte. Strahlend erzählt sie mir von einer Bekanntschaft, die sie beim Oktoberfest kennengelernt hat: Manfred aus Mannheim, Wirtschaftsinformatikstudent und genauso naturverliebt wie Heather. Kurz darauf fahren sie zusammen nach Italien. Kein Jahr später ziehen sie zusammen nach Augsburg, wo Manni zur Uni geht und Heather in einer Sprachschule Englisch unterrichtet. Irgendwann will sie ihre Liebesgeschichte aufschreiben. Das Gegenlesen übernehme ich gern. Beim nächsten Besuch.

Nicole Wehr  

Zur Abwechselung aufs Sofa

Fast tausend Kilometer in einem Bus sind nicht das, was ich mir unter entspanntem Reisen vorgestellt habe. Doch ich wollte mehr sehen als Chilliwack, eine Stadt an der kanadischen Westküste, in der ich ein Jahr als Au-pair arbeite. Mein neues Ziel war Calgary, südlich von Edmonton im Herzen Kanadas. Und weil mein Auslandsaufenthalt schon sehr teuer war, wollte ich kostenlos als Couchsurfer nächtigen. Auf meiner Fahrt von Chilliwack nach Calgary sehe ich die kanadischen Rocky Mountains und viele kleine Dörfer an mir vorbeiziehen.

In Calgary angekommen, stelle ich meine Uhr eine Stunde vor und suche schnell die Wohnung meiner Gastgeberin. Ganz wohl ist mir dabei nicht: Ich habe Angst, dass sie mich vergessen hat. Doch sie zeigt mir meinen Schlafplatz. Die Couch ist so klein, dass wohl kaum zwei Leute nebeneinander darauf sitzen könnten. Doch nach der langen Reise ist mir das egal. Schließlich ist alles besser als mein Sitz im Reisebus. Erst am nächsten Morgen entdecke ich den Rest der Wohnung: Überall liegt Kleidung herum, ihre Einrichtung ist spartanisch. Die engen Zimmer sind voll mit Bildern fremder Leute und Notizzetteln. Im Wohnzimmer kann man sich kaum bewegen.Bücherregal und Schreibtisch füllen den Raum aus. Trotzdem bin ich froh darüber, nicht in einem Hotel zu sein. Denn so erfahre ich, was man in Calgary alles gesehen haben muss. Viel zu kurz ist mein Aufenthalt – schon sitze ich im Bus nach Chilliwack. 16 Stunden Fahrt liegen vor mir. Patricia Köster, aufgezeichnet

Lisa Günther / ZiSH

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