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Wie mein Jahr als Au-pair zum Horror wurde

Wie mein Jahr als Au-pair zum Horror wurde Wie mein Jahr als Au-pair zum Horror wurde

Wer als Au-pair ins Ausland geht, wird Teil einer zweiten Familie. So war zumindest die Hoffnung von Alena, die als Au-pair nach Neuseeland ging. Dort hat sie jedoch feststellen müssen, dass das nicht immer so läuft wie geplant.

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Permanent Wäsche waschen: Ein Au-pair darf nicht als billige Haushaltshilfe missbraucht werden.

Quelle: Symbolfoto: Kristopher Roller/Unsplash

Mein Zimmer ist ein Anbau der Garage mit Pappwänden. Der Schrank schimmelt, und in der Tür ist ein Spalt, durch den Ameisen krabbeln. Zur Toilette geht es durch den Garten zum Haus. Es ist Winter und obwohl ich jede Nacht friere, rede ich mir meinen Au-pair-Aufenthalt anfangs noch schön. In den neun Monaten in Neuseeland werde ich meine Gastfamilie bestimmt besser kennenlernen und nur noch zum Schlafen in dieses Zimmer gehen.

Laut der diesjährigen Konjunkturumfrage bei deutschen Au-pair-Agenturen zählt Neuseeland zu den beliebtesten Ländern bei den Bewerbern. Die Organisation AIFS vermittelte mir meine Gasteltern und damit auch das Zimmer in dem Land. „Die Gastfamilien bewerben sich um die Aufnahme in unser Programm. Sie müssen strenge Vorgaben erfüllen, werden von den Kollegen vor Ort interviewt und persönlich überprüft“, sagt Sybille Schulz von AIFS auf Anfrage.

"Ich merkte, wie unselbstständig ich war." Alena Brennig (19), arbeitete als Au-pair in Neuseeland.

Ich malte mir aus, dass Gastvater und -mutter wie Ersatzeltern für mich sein würden und mich als neues Familienmitglied aufnähmen. Allein in dem neuen Land merkte ich erst einmal, wie unselbstständig ich war. Als Au-pair musste ich Wäsche waschen, kam aber mit der Maschine nicht klar. In Neuseeland wäscht man nur mit kaltem Wasser. Nach dem Temperaturschalter suchte ich vergeblich.

Keine tröstende Umarmung

Das war nicht alles. Meine Gefühle fuhren Achterbahn: In einem Moment fühlte mich wohl, dann wollte ich einfach nur nach Hause. Einmal vertraute ich mich meiner Gastmutter an. Ich weinte und erzählte ihr, dass es mir nicht gut ging. Sie meinte nur, sie hoffe, es gehe mir bald besser. Keine tröstende Umarmung, Gespräch beendet. Für sie war ich nur eine Arbeitskraft. Unser Verhältnis war rein dienstlich. Mit meinem Gastvater verstand ich mich besser. Aber er arbeitete viel, und ich sah ihn fast nie. Abends konnte ich niemandem von meinem Tag erzählen und fühlte mich allein.

Worauf man beim Au-pair achten sollte

Organisation oder andere Plattform: Organisationen sind zwar bequem, aber auch mit ziemlich hohen Kosten verbunden. Als Alternative bieten sich Plattformen an, auf denen Au-pairs und Gastfamilien eigene Profile erstellen. Dafür bist du bei Problemen allerdings auf dich allein gestellt.

Erziehung mit den Gasteltern absprechen: Die Kids den ganzen Tag Serien schauen zu lassen, verstehen nur wenige Eltern unter guter Erziehung. Daher solltet ihr zu Beginn Rahmenbedingungen abstecken.
Heimweh vergeht: Sich nach Mamas vertrauter Umarmung zu sehnen, ist ganz normal. Das ergeht vielen Au-pairs am Anfang so. Aber deshalb solltest du nicht gleich den nächsten Rückflug buchen. In den meisten Fällen legt sich der Kummer mit ein wenig Eingewöhnung von ganz allein.

Nicht nur im Zimmer verkriechen: Kaum ist die Arbeit getan, verkriechst du dich auch schon einsam in dein Zimmer und verriegelst auch noch die Tür. So kommen sich Au-pair und Gastfamilie nie näher. Keine Angst, die Gasteltern freuen sich sicherlich auch darauf, dich besser kennenzulernen.

Weder Putzfrau noch Super-Nanny: Klar ist es die Aufgabe eines Au-pairs, die Gasteltern im Alltag zu unterstützen. Dennoch musst du dich nicht ausnutzen lassen oder jeden Tag das ganze Haus putzen. Bei Überforderung sollten alle offen darüber sprechen.

Andere Au-pairs kennenlernen: Über Facebook oder andere Plattformen kannst du Kontakte zu anderen Au-pairs knüpfen, die sich gerade im selben Gastland befinden. So findest du nicht nur Freunde, sondern kannst auch Erfahrungen austauschen – und den Freunden Taschentücher reichen, wenn das Heimweh doch mal hochkommt.

Freie Zeit einplanen – und nutzen: Handy und Fernseher als Hobby? Das kann die ersten Wochen funktionieren, aber irgendwann hast du alle lustigen Katzenvideos durchgeschaut. Also besprich frühzeitig mit den Gasteltern, welche Freizeitmöglichkeiten es in der Nähe gibt.

Einen Arbeitsplan erstellen: Es lohnt sich, mit den Gasteltern einen Wochenplan für anstehende Aufgaben zu erstellen. So vergisst niemand wichtige Termine, und das Au-pair kann Arbeit und Freizeit klar trennen.

Nina Hoffmann

Im Rückblick denke ich, dass meine Wunschvorstellung naiv war. Als Au-pair bin ich keine Adoptivtochter, sondern kümmere mich nun einmal um den Haushalt – und die Kinder, deren Betreuung ich total unterschätzte. Ich wollte mit der zweieinhalbjährigen Tochter der Gasteltern auf den Spielplatz gehen oder Rad fahren. Doch das Kind durfte das Grundstück nur für die Gymnastik- und die Spielgruppe verlassen. So haben wir jeden Tag gebacken, geknetet und gemalt. Als Babysitter war ich zwar an so junge Kinder gewöhnt – aber nicht an 50 Stunden pro Woche als Alleinunterhalter. Der Job war absolut schrecklich.

Nach dem Au-pair-Job reiste Alena noch vier Wochen durch Australien.

Ich wachte frierend auf

Ab der zweiten Woche in Neuseeland wachte ich jeden Morgen frierend und weinend auf. Ich hatte Angst vor der Arbeit und dem langen Tag und wollte zurück nach Deutschland. Allerdings: Wenn ich am Wochenende mit meinen Freundinnen reiste, war alles okay. Nach sechs Wochen wurde mir plötzlich bewusst, dass ich mich mit Spaß bei der Arbeit gar nicht schlecht fühlen würde. Ich entschied, die Familie zu wechseln.

Meine Gastmutter und die Betreuerin rieten mir zunächst, nach Hause zu fliegen. Sie dachten, ich hätte Heimweh und ein Wechsel würde das nicht ändern. „Die Betreuer in Neuseeland haben alle einen pädagogischen Hintergrund und kennen die Gastfamilien. Es kann aber leider schon einmal vorkommen, dass die Chemie zwischen Au-pair und Gastfamilie nicht stimmt“, sagt Sybille Schulz von AIFS.

Nach der Kündigung begann für mich die Suche nach einer neuen Bleibe. Ich wollte bei meinen Freundinnen bleiben, anderen Au-pairs, die ich in Neuseeland kennengelernt hatte. Die Organisation konnte mir keine Familie in der Nähe vermitteln. Also suchte ich über Facebook – und fand eine Familie, bei der alles passte: Eltern und Kinder waren lieb, das Haus schön, mein zukünftiges Zimmer sauber und mit einem bequemen Bett. Das Beste: Meine Freundinnen wohnten fünf Minuten entfernt.

Eltern waren entspannt

Mit dem Ende in Sicht vergingen die letzten Wochen in meiner alten Gastfamilie ohne Tränen. Nach dem Umzug wurde der Rest des Jahres genau so, wie ich es mir ausgemalt hatte. Die neue Familie nahm mich herzlich auf, wir verbrachten viel Zeit miteinander. Die Eltern waren total entspannt. Ich durfte mit den Kindern Erdbeeren pflücken und schwimmen gehen.

Auf dem Schulhof mit Tochter Chloe: In der zweiten Familie passte alles.

Weil ich damals nicht einfach nach Hause geflogen bin, habe ich nicht nur ein neues Land kennengelernt und mein Englisch unheimlich verbessert – sondern auch eine zweite Familie am anderen Ende der Welt gefunden.

Aufgezeichnet von Greta Friedrich

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